Marion-Dönhoff-Preis"Der Genosse Fürst, mein liebster Klassenfeind"

Tschechiens Außenminister Karel Schwarzenberg hat den Marion-Dönhoff-Preis erhalten. Wolf Biermann hat zur Verleihung im Hamburger Schauspielhaus die Laudatio gehalten. von Wolf Biermann

Three geese in a flock
One flew East
One flew West
And one flew over the cuckoo's nest

Kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es ausgebrütet wird. Und das gilt auch, verehrter Fürst zu Schwarzenberg, für das Kuckucksnest.

Unser Preisträger des Marion-Dönhoff-Preises – der böhmische Karel , der deutsche Karl, den seine Wiener Freunde kurz "Kari" nennen – der Außenminister der Tschechen, hieß in der guten alten schlechten Zeit korrekt und komplett so: Seine Durchlaucht Karl Johannes Nepomuk Josef Norbert Friedrich Antonius Wratislaw Mena Fürst zu Schwarzenberg, Herzog von Krumau, gefürsteter Landgraf von Sulz und im Klettgau.

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Sie erleben hier im Hamburger Schauspielhaus ein Gastspiel mit dem ZEIT -Stück "Marion Dönhoff-Preis". Der Regisseur Theo Sommer hat sich in diesem Jahr für seine Inszenierung was einfallen lassen: Wolf Biermann , der geborene Kommunist, liefert die Laudatio für den hochwohlgeborenen Fürsten.

Da bin ich womöglich eine ideale Fehlbesetzung, denn im dialektischen Sinne passen Sie, verehrter Fürst, und ich als Gegensätze gut zueinander: fast gleich alt, haben wir drei Epochen erlebt: Die Nazizeit , dann den Kalten Krieg , und dann Europa nach dem Fall der Mauer . Wir haben das historische Auf und Ab, das lehrreiche Hin und Her glimpflich überstanden, zwei davongekommene und ergraute Glückskinder.

Dabei haben unsere Lebenswege sich in dieser zerstückelten Welt fast symmetrisch überkreuzt: Sie, der Böhme, wurden aus der Heimat vertrieben von Ost nach West und es trieb Sie dann wieder zurück nach Osten in die Heimat. Ich, der Hamburger Fischkopf, genau umgekehrt: Ich ging von West nach Ost und geriet nach dem Kölner Konzert 1976 wieder in meine geliebte Vaterstadt Hamburg . Heinrich Böll lieferte der Journalistenmeute nach meiner Ausbürgerung dazu als Kommentar ein witziges bon mot : Wolf Biermann ist von jetzt ab ein "In-die-Heimat-Vertriebener".

Und genau in der Blütezeit des Kalten Krieges gründete sich, Anfang Januar 1977, in der Tschechoslowakei, die Protestbewegung Charta 77 . Diese Dissidenten waren, lieber Fürst, nicht nur meine natürlichen, sondern auch Ihre Verbündeten: Menschen wie Václav Havel , Jiří Hájek, Jiří Dienstbier.

1987, zehn Jahre nach der Charta-Gründung, heuerte mich eine Gerda Neudeck in Wien an, sie bat mich um ein Konzert ohne Heuer. Ich sollte ein Benefizkonzert liefern zugunsten unserer bedrängten Freunde in der ČSSR. Diese Gerda Neudeck wollte aber außerdem die Hotelkosten für den Sänger sparen. Das erwies sich als ein Glück. Sie wandte sich an die Schwarzenbergsche Kanzlei im Rennweg. Sie zottelte den Fürst Schwarzenberg an seiner böhmischen Wurzel und schnorrte ein kostenloses Hotelzimmer im noblen Palais Schwarzenberg für den Liedermacher.

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