Krisenpolitik"Das Ungeplante ist der Normalfall"

Bürgerkriege, Staatskrisen, Regimestürze: Welche politischen Entwicklungen haben Analysten richtig vorhergesagt, welche nicht? SWP-Chef Volker Perthes zieht im Interview Bilanz. von 

Tunis, 21. Januar 2011

Protest gegen das tunesische Ben-Ali-Regime, Tunis, 21. Januar 2011  |  © REUTERS/Finbarr O'Reilly

ZEIT ONLINE: Wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre zurückblicken: Wo sahen Sie sich in ihren Analysen bestätigt, wo haben Sie sich getäuscht?

Volker Perthes

ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), einer der wichtigsten deutschen Forschungseinrichtungen für außen- und sicherheitspolitische Fragen. Die SWP berät den Bundestag und die Bundesregierung. Der Artikel erscheint auf der SWP-Homepage in der Rubrik Kurz gesagt.

Volker Perthes: Wir machen im Gegensatz zu den Wirtschaftswissenschaftlern keine Prognosen. Was wir bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) können, ist, sozioökonomische und politische Akteursstrukturen anzuschauen und zu sagen, wo der Trend langfristig hingeht. Besonders dann, wenn es ein Eingreifen von außen gibt, zum Beispiel beim Irakkrieg. Anfang 2003 hatten wir geschrieben: Gibt es eine Invasion, wird der Krieg sehr kurz, der Bürgerkrieg hinterher sehr lang und am Ende ist der Iran der stärkste Spieler in Bagdad .

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Vollkommen daneben lagen wir 2002 mit der sozioökonomischen Einschätzung Chinas , als wir behaupteten, weil dort die Kreativität fehle, würden die Wachstumsraten einbrechen. Im selben Jahr hatten wir aber auch Publikationen zur arabischen Welt mit dem Tenor "Verlasst euch nicht auf die alten Eliten, die sind wirtschaftlich und politisch nicht in der Lage zur Reform". Unsere Empfehlung seinerzeit: Schaut euch die neuen Akteure an, einschließlich der Islamisten.

ZEIT ONLINE: Wo sind die Grenzen Ihrer Einschätzungen?

Perthes: Falsch liegen wir immer dann, wenn Trends länger anhalten, als wir es prognostiziert haben, zum Beispiel das chinesische Wachstum. Wir haben nach Brüchen in diesem Trend gesucht – doch diese fanden überhaupt nicht statt. Was wir überhaupt nicht absehen können, ist, zu welchem Zeitpunkt irgendwelche Brüche stattfinden. Wir sagen, die arabischen Eliten sind reformunfähig, aber wir können nicht sagen, wie und wann ein Bruch ausgelöst wird, in diesem Fall, dass sich jemand in Tunesien selbst verbrannt hat.

ZEIT ONLINE: Und die folgenden Dominoeffekte?

Perthes: Dominoeffekte und unintended consequences können wir vorab annähernd beschreiben, aber nicht das Wann und Wie. Ein jüngeres Beispiel aus dem Jahresausblick auf 2011: Große Risiken in Japan , ein handlungsgestörtes System, überschuldet, es fehlen nur noch irgendwelche Katastrophen. Aber wir konnten natürlich Fukushima nicht voraussehen. Beispiel Ägypten : gespannte innenpolitische Lage, reformunfähiges Regime. Ein Szenario, keine Prognose, von uns war: Lass uns mal über Brotunruhen nachdenken.

Wir stellen Szenarien vor, die den Politikern helfen, sich vorzustellen, dass der Lauf der Dinge eben auch anders gehen kann, als immer nur das gängige Durchwursteln.

ZEIT ONLINE: Welche Indikatoren verwenden sie?

Perthes: Anfang 2000 hatten wir eine Vergleichsstudie für die arabische Welt angefertigt mit der Frage "Welche Regierung fällt zuerst, wenn es zu Brüchen kommt?" Schon damals sagten wir: Tunesien. Die Indikatoren waren jene der Entwicklungsökonomen aus den Arab Human Development Reports , aber wir haben die einmal gegen den Strich analysiert. Von Tunesien waren alle immer begeistert, kein Analphabetismus und eine moderne Gesellschaft. Wir haben die Daten der Entwicklungsökonomen mit der politischen Situation in Einklang gebracht. Es ist wie einst in Spanien , Portugal oder Griechenland , wo eine gleichfalls moderne, gut ausgebildete europäische Gesellschaft unter einer Diktatur lebte, einer Regierungsform, die in den dreißiger Jahren angesiedelt war.

Genauso ist es mit Tunesien gewesen: Weil es so weit entwickelt und weil es so eng mit Europa verbunden ist, wird diese Gesellschaft die erste sein, bei der das rigide autoritäre System nicht mehr passt. Das war also eine gute Prognose, nur eben zwölf Jahre zu früh …

ZEIT ONLINE: Warum wurden alle vom arabischen Frühling so überrascht? Was lief da schief bei unseren Frühwarnsystemen?

Perthes: Wir sind nicht davon überrascht worden, dass es stattfindet, sondern vom Zeitpunkt, vom Ort und davon, wie es abgelaufen ist. Aber wir liegen natürlich auch immer mal wieder daneben: Anfang 2011 haben wir geschrieben, dass es unwahrscheinlich sei, dass sie sich die Protestwelle über Tunesien, Ägypten und Libyen ausweiten würde…

ZEIT ONLINE: Ein anderes Beispiel: 2010 formulierten die Chinesen eine Hegemonialanspruch auf das Südchinesische Meer . Niemand hat damit gerechnet. Sind die genannten Frühwarninstitutionen womöglich zu sehr mit sich selbst beschäftigt?

Perthes: Zumindest wir als politikorientierter Think Tank weisen unsere Partner – Parlament und Regierung – darauf hin, das wir mit dem Ungeplanten als Normalfall der politische Realität umgehen müssen.

ZEIT ONLINE: Aber wie soll man mit dem Ungeplanten umgehen?

Perthes: Dafür brauchen wir flexible Instrumente. Das sind freie Kapazitäten und Mittel, um schnell handeln zu können. Zum Beispiel im Fall der arabischen Unruhen, Schiffe zu schicken, um Flüchtlinge aus Libyen rauszuholen. Oder zügig Geld frei zu machen, um Staaten bei der Transformation zu helfen. Oder die Kapazität zu haben, im Außenministerium mal 30 zusätzliche Leute zu beschäftigen, weil in der arabischen Welt plötzlich so viele neue Akteure auftauchen. Oder schließlich die Fähigkeit, sehr schnell interministerielle Task Forces zu schaffen.

ZEIT ONLINE: Was erwartet die Politik von ihnen?

Perthes: Die Politiker oder Institutionen wie der BND wollen von uns Sicherheiten haben, aktuell war es zum Beispiel die Frage: "Was geschieht, wenn in China und Japan die neuen Regierungen im Amt sind?" Unsere Antwort ist dann immer: Das wissen wir auch nicht! Wir können aber auf Interessensstrukturen, auf potenzielle Krisen, auf unangenehme Akteure und deren Agenden hinweisen. Wir sagen den Politikern, dass sie lernen müssen, mit der Unsicherheit umzugehen. Das Gleiche gilt für die arabische Welt oder die Eurokrise.

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Leserkommentare
  1. sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.

    Eine Leserempfehlung
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    • postit
    • 21. Dezember 2012 15:55 Uhr

    wenn sie die unknown Unknowns betreffen.

    Fröhliche Weihnachten
    postit

    • postit
    • 21. Dezember 2012 15:55 Uhr

    wenn sie die unknown Unknowns betreffen.

    Fröhliche Weihnachten
    postit

    Antwort auf "Prognosen ..."
  2. Warum nur? Ist wahrscheinlich alles zu wage.

    Oft genug kann weder Politik noch Wissenschaft erklären was in der Vergangenheit passiert ist und da ist die Datenlage noch etwas klarer.

    Das Thema wird in den Staaten etwas anders angegangen. Da versucht man nicht zu erraten (educated guess) was denn wann passieren kann, sondern durch gezielt Beeinflußung ein eben etwas gewünschteren Outcome zu erzielen.

    Macht in soweit Sinn, als das ein Zuschauer nur reagieren kann, ein Spieler aber noch die Chance hat Einfluß auszuüben.

    Aber wie gesagt - geiss ist nur die Ungewissheit.

  3. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

  4. fragt man sich, warum diese Stiftung nicht aufgelöst wird. Welchen Nutzen haben Voraussagen, die manchmal eintreffen? Oder noch besser gefragt: Welchen Schaden verursachen solche Voraussagen, wenn sie denn nicht eintreffen?

    Vielleicht treffen manche Voraussagen auch nur ein, weil sie vorausgesagt wurden (Selffulfilling Prophecy http://de.wikipedia.org/w...).

    Wenn man würfelt oder Karten legt oder eine Hellseherin einschaltet, kommt wahrscheinlich kein schlechteres Ergebnis heraus.

    Wenn tatsächlich auf Grund solcher Analysen Politik gemacht werden sollte, darf man sich über deren verheerendes Ergebnis nicht mehr wundern.

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