Leserartikel

ChinaMit Heavy Metal gegen die kommunistische Partei

Mit Ausländern sprechen junge Chinesen freizügig über die Missstände in ihrem Land, schreibt Leser h-gm aus Peking. Öffentliche Parteikritik sei weiterhin gefährlich.

Am 14. November 2012 war ich in einer Bar ganz in der Nähe meiner Wohnung in Peking, wo ich für einige Monate Chinesisch studiere. Im Fernsehen liefen die sich seit einigen Tagen wiederholenden Bilder vom 18. Parteitag der kommunistischen Partei Chinas, diesmal von der Abschlussveranstaltung: die große Halle des Volkes, die Vertreter der ethnischen Minderheiten in ihren Trachten, und immer wieder der neue Generalsekretär des Zentralkomitees Xi Jinping am Mikrofon.

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Eher im Scherz sagte ich zum Barmann: "Nun habt ihr also einen neuen Vorsitzenden." Seine Antwort spiegelt die Einstellung vieler Chinesen wieder, die ich in den letzten Monaten hier kennengelernt habe: "Das ist nicht unser Vorsitzender – was dort passiert, betrifft uns nicht."

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Die meisten jungen Menschen in meinem Umfeld nutzten technische Schlupflöcher, um die sogenannte Great Firewall zu umgehen: um unzensierte Nachrichten zu lesen oder sich beim in China verbotenen Facebook anzumelden. Unter meinen Chinesisch-Lehrern ist kein einziger, der im Unterricht nicht über die Korruption in der Kommunistischen Partei Chinas schimpfen würde. Mitunter diskutieren wir über Chinas schwarze Gefängnisse, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz 1989 oder die Frage, warum es in China keine neue Revolution gegeben hat.

Gelassenheit und Resignation

Erstaunt hat mich dabei die Mischung aus Gelassenheit und Resignation, mit der unsere chinesischen Lehrer die Frage, ob es nicht gefährlich sei, diese Themen mit uns zu diskutieren, schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Bei aller Offenheit uns Ausländern gegenüber bekennen die meisten aber auch, dass sie Derartiges nur mit Vorsicht mit chinesischen Bekannten besprechen.

Wie gefährlich es ist, den Staat zu kritisieren, habe ich auch in jener Bar gelernt. Der Besitzer ist Gitarrist einer Metal-Band, deren Liedtexte Polizeigewalt, Machtmissbrauch und die Missachtung der Menschenrechte anprangern. Der Sänger der Band hat bis vor Kurzem eine fast zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt. Die Musiker dürfen außerhalb der Bar schon lange nicht mehr auftreten, in der eigenen Bar können sie ihre Konzerte zwar ohne Genehmigung, aber einigermaßen unbehelligt geben.

Auf den ersten Blick scheinen die Musiker mit ihren langen Haaren, Tätowierungen und der meist schwarzen Kleidung Teil einer Subkultur am Rande der chinesischen Gesellschaft zu sein. Eine Gesellschaft, die sich zwischen einer Vielzahl von Polen bewegt. Noch immer ist sie geprägt von konfuzianischer Tradition und deren Idealen. Die kommunistische Partei ist durch Regierungs- und parallel existierende Parteistrukturen vielerorts präsent und bestimmt durch ihre Politik das Leben der Menschen. Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik 1978 gewinnen kapitalistischen Einflüsse an Bedeutung.

Die in den Liedtexten formulierte Kritik ist, anders als die Metal-Musik der Band, in den Köpfen vieler Chinesen präsent. Die Unzufriedenheit mit dem politischen System ist bei jungen, gebildeten Menschen in China weit verbreitet.

*Dieser Artikel wurde unter einem Pseudonym veröffentlicht. Der volle Name des Autors ist der Redaktion bekannt.

 
Leserkommentare
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    9 Leserempfehlungen
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    Denn dann schreibt der/die Nächste, dass in Peking alle nur Dienstags bei abnehmenden Mond links abbiegen, sonst nur rechts.

    Sie sehen das Problem!?
    Behaupten kann man alles. Und das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass viele Behauptungen aufgestellt werden.
    Nur eine belegte Behauptung hat einen Wert. Und "ich war mal dort" oder "mein Bekannter sagt..." oder "einmal habe ich gesehen, dass..." sind Anekdoten, aber keine Belege. Ein Anekdotenbeweis ist einfach keiner.

    Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Deutschland und landen bei Metalfans. Nach Ihrer Rückkehr werden Sie gefragt, wie denn die deutsche Musik so sei. Sehr wahrscheinlich werden sie ein stark verzerrtes Bild der deutschen Musiklandschaft zeichnen.

    Es ist doch grade das, was so oft an China kritisiert wird, dass es kein kritisches, unabhängiges Denken gäbe.
    Scheint allerdings auch hier nicht so weit verbreitet zu sein.

    Denn dann schreibt der/die Nächste, dass in Peking alle nur Dienstags bei abnehmenden Mond links abbiegen, sonst nur rechts.

    Sie sehen das Problem!?
    Behaupten kann man alles. Und das Problem wird nicht dadurch gelöst, dass viele Behauptungen aufgestellt werden.
    Nur eine belegte Behauptung hat einen Wert. Und "ich war mal dort" oder "mein Bekannter sagt..." oder "einmal habe ich gesehen, dass..." sind Anekdoten, aber keine Belege. Ein Anekdotenbeweis ist einfach keiner.

    Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach Deutschland und landen bei Metalfans. Nach Ihrer Rückkehr werden Sie gefragt, wie denn die deutsche Musik so sei. Sehr wahrscheinlich werden sie ein stark verzerrtes Bild der deutschen Musiklandschaft zeichnen.

    Es ist doch grade das, was so oft an China kritisiert wird, dass es kein kritisches, unabhängiges Denken gäbe.
    Scheint allerdings auch hier nicht so weit verbreitet zu sein.

  2. beobachten zur Zeit mit großem Interesse die Vorgänge bei den demokratischen Vorbildern dieser Welt.

    Zum Beispiel
    - ganz vorne weg die USA, die mit ihrem letzten Wahlkampf hierzulande nur ungläubiges Kopfschütteln hervorgerufen hat.
    - nochmal die USA, das fiscal cliff als leuchtendes Beispiel, wie die Zukunft eines Landes aus parteipolitischem Kalkül riskiert wird
    - Japan, wo die Mindesthaltbarkeit der Premierminister sich unter einem Jahr einpendelt
    - Europa, wo die Folgen verantwortungslosen Handelns in den südlichen Staaten der Union zu gewaltigen Problemen führen, gegen die die demokratisch gewählten Politker offenbar keine Lösung finden.

    Und diese Chaos vergleichen sie mit den Leistungen ihrer nicht demokratisch wählbaren Führung in Beijing.
    Und nun raten Sie mal, zu welchen Ergebnissen die jungen Leute kommen.

    Zumal da jetzt gerade mit Xi Jinping ein Neuer antritt, der mit spektakulären Aktionen gegen Personenkult und die weitverbreitete Guanxi-Mentalität (aka Korruption) von sich reden macht.

    4 Leserempfehlungen
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    ... verstehen, dass die Probleme, die Sie nennen, sich nur sehr bedingt auf die Frage "demokratisches System vs Nicht-demokratisches System" zurückführen lassen, zumal es ja auch bei Kritikern des chinesischen Systems um andere Dinge geht, z.B. um Menschenrechte.

    ... verstehen, dass die Probleme, die Sie nennen, sich nur sehr bedingt auf die Frage "demokratisches System vs Nicht-demokratisches System" zurückführen lassen, zumal es ja auch bei Kritikern des chinesischen Systems um andere Dinge geht, z.B. um Menschenrechte.

  3. ... verstehen, dass die Probleme, die Sie nennen, sich nur sehr bedingt auf die Frage "demokratisches System vs Nicht-demokratisches System" zurückführen lassen, zumal es ja auch bei Kritikern des chinesischen Systems um andere Dinge geht, z.B. um Menschenrechte.

    3 Leserempfehlungen
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    weniger-als-halbwegs-gebildete Chinesen?

    "Meine" jungen Chinesen sind durchaus in der Lage, die Leistungen, die von Politikern in den verschiedenen Ländern unter den unterschiedlichen Systemen erbracht werden (oder auch nicht!) miteinander zu vergleichen.

    Und bei "meinen" Chinesen wird das derzeitige System in China, das nicht durch ständigen Wahlkampf von den wichtigen Aufgaben abgelenkt wird, definitiv als effizienter angesehen.
    Was ich nachvollziehen kann.

    Und deshalb hatte ich den letzten Satz in diesem Leserartikel bemängelt - er stellt die subjektive Wahrnehmung unseres anonymen Autors (ich weiß, Humptata steht auch bei mir nicht im Personalausweis, aber das ist etwas Anderes) dar, und deckt sich nicht mit der meinen.

    Ein PS zu den "Menschenrechten", markFreak:
    Ein Begriff, der bei der Mehrheit der jungen, intelligenten Chinesen, die ich kenne (mein Gott, ist das schwierig, so etwas so auszudrücken, dass justrecently keine Ecke zum unterhaken findet!) zur Zeit nicht sehr positiv besetzt ist, dient er doch als Hauptwerkzeug all derer, die man hier als Chinabasher bezeichnet.

    Die sich dabei bevorzugt auf solche eher abstrakten Rechte wie die freie politischen Betätigung u. ä. konzentrieren, Rechte, die der Bewohner eines Entwicklungslandes eher als zweitrangig ansieht.

    So wird zum Beispiel der Nachbar Indien, weil "demokratisch" organisiert, selten wegen Verstößen gegen die Menschenrechte bezichtigt, obwohl dort allein 1,5 Millionen Kinder jährlich verhungern.

    weniger-als-halbwegs-gebildete Chinesen?

    "Meine" jungen Chinesen sind durchaus in der Lage, die Leistungen, die von Politikern in den verschiedenen Ländern unter den unterschiedlichen Systemen erbracht werden (oder auch nicht!) miteinander zu vergleichen.

    Und bei "meinen" Chinesen wird das derzeitige System in China, das nicht durch ständigen Wahlkampf von den wichtigen Aufgaben abgelenkt wird, definitiv als effizienter angesehen.
    Was ich nachvollziehen kann.

    Und deshalb hatte ich den letzten Satz in diesem Leserartikel bemängelt - er stellt die subjektive Wahrnehmung unseres anonymen Autors (ich weiß, Humptata steht auch bei mir nicht im Personalausweis, aber das ist etwas Anderes) dar, und deckt sich nicht mit der meinen.

    Ein PS zu den "Menschenrechten", markFreak:
    Ein Begriff, der bei der Mehrheit der jungen, intelligenten Chinesen, die ich kenne (mein Gott, ist das schwierig, so etwas so auszudrücken, dass justrecently keine Ecke zum unterhaken findet!) zur Zeit nicht sehr positiv besetzt ist, dient er doch als Hauptwerkzeug all derer, die man hier als Chinabasher bezeichnet.

    Die sich dabei bevorzugt auf solche eher abstrakten Rechte wie die freie politischen Betätigung u. ä. konzentrieren, Rechte, die der Bewohner eines Entwicklungslandes eher als zweitrangig ansieht.

    So wird zum Beispiel der Nachbar Indien, weil "demokratisch" organisiert, selten wegen Verstößen gegen die Menschenrechte bezichtigt, obwohl dort allein 1,5 Millionen Kinder jährlich verhungern.

    • R_IP
    • 02.01.2013 um 23:57 Uhr

    Dies ist ein Leserartikel! Eindeutig subjektiv, reflektieren die meisten ihrer Gattung das Innenleben ihrer Autoren. Nichts mit "Beweisen" und "Belegen". Ich weiß ja aus vergangenen Diskussionen, lieber Dielektrikum, dass Sie ein (Hardcore-) Szientist im besten Sinne sind, aber hier muss doch damit auch mal Schluss sein. Oder kritisieren Sie etwa auch an Essays, Gedichten oder fiktionaler Prosa, dass diese ohne Belege auskommen wollen?

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Bitte nicht!"
  4. weniger-als-halbwegs-gebildete Chinesen?

    "Meine" jungen Chinesen sind durchaus in der Lage, die Leistungen, die von Politikern in den verschiedenen Ländern unter den unterschiedlichen Systemen erbracht werden (oder auch nicht!) miteinander zu vergleichen.

    Und bei "meinen" Chinesen wird das derzeitige System in China, das nicht durch ständigen Wahlkampf von den wichtigen Aufgaben abgelenkt wird, definitiv als effizienter angesehen.
    Was ich nachvollziehen kann.

    Und deshalb hatte ich den letzten Satz in diesem Leserartikel bemängelt - er stellt die subjektive Wahrnehmung unseres anonymen Autors (ich weiß, Humptata steht auch bei mir nicht im Personalausweis, aber das ist etwas Anderes) dar, und deckt sich nicht mit der meinen.

    Ein PS zu den "Menschenrechten", markFreak:
    Ein Begriff, der bei der Mehrheit der jungen, intelligenten Chinesen, die ich kenne (mein Gott, ist das schwierig, so etwas so auszudrücken, dass justrecently keine Ecke zum unterhaken findet!) zur Zeit nicht sehr positiv besetzt ist, dient er doch als Hauptwerkzeug all derer, die man hier als Chinabasher bezeichnet.

    Die sich dabei bevorzugt auf solche eher abstrakten Rechte wie die freie politischen Betätigung u. ä. konzentrieren, Rechte, die der Bewohner eines Entwicklungslandes eher als zweitrangig ansieht.

    So wird zum Beispiel der Nachbar Indien, weil "demokratisch" organisiert, selten wegen Verstößen gegen die Menschenrechte bezichtigt, obwohl dort allein 1,5 Millionen Kinder jährlich verhungern.

    2 Leserempfehlungen
    • Nyuto
    • 03.01.2013 um 19:03 Uhr

    China muss man eben auch immer aus seiner Geschichte verstehen. Genauso wie Volksseele mit gemischten Gefühlen auf Japan reagiert, siehe Inselsstreit, eben weil der Nachhall japanischer Grausamkeit in den Kriegen noch da ist, genauso rufen viele westliche Sichtweisen nur ein müdes Lächeln hervor, auch hier die Erinnerung an Aufteilung des Landes, der Dreieckshandel mit Indien, Millionen opiumsüchtige Chinesen, Rikschakulis für reiche Westler usw. Nach der Katastrophe unter Mao, hat sich das Land erhoben, die Menschen haben ihre eigenen Kräfte gespürt, haben Stolz gespürt und über die kulturelle Schwierigkeit "Nein" sagen zu können, setzte man sich hinweg, siehe das Buch "China kann nein sagen". Die Regierung ist trotz aller gefühlten Nachteile Bestandteil eines schier unglaublichen Wirtschaftswachstums geworden. DIe jungen Chinesen , die ich kenne, saugen wirklich alles auf, was sie von positiven Dingen, wie z.B. Erfahrung und Know How unserer Unternehmen mitnehmen können. Eine Überholjagd, wo es uns nur schwindelig werden kann. Was wollen die von Werten und Rechten hören, wenn es dann auch noch heuchlerisch ist. Siehe Guantanamo, Slumviertel etc.

    2 Leserempfehlungen
  5. ist bei jungen, gebildeten Menschen in China weit verbreitet."

    Behauptet der Leser h-gm, der für einige Monate in Beijing Chinesisch studiert.

    Ich halte dagegen, daß sich die Unzufriedenheit mit dem politschen System unter den jungen, gebildeten Menschen, die ich in China kenne, in überschaubaren Grenzen hält.

    Was machen wir jetzt?

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  6. natürlich alles

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