Mario Monti © VINCENZO PINTO/AFP/Getty Images

Mario Monti hätte einfach warten können. Wer auch immer in der kommenden Legislaturperiode die italienische Regierung führen wird – einen Platz für den "Professor" wird es auf jedem Fall geben: Staatspräsident, Wirtschaftsminister oder – warum nicht? – Vorsitzender der Euro-Gruppe.

"Keine Initiative zu ergreifen, wäre für mich die beste Option gewesen, um problemlos an wichtige institutionelle Aufgaben zu gelangen", sagte der scheidende Ministerpräsident in einem Fernsehinterview. "Ich wollte aber eine kollektive Auseinandersetzung mit den Problemen Italiens anregen. Selbst wenn das manche Risiken in sich birgt."

Montis Wahlprogramm "Italien verändern, Europa reformieren" ist daher nicht nur ein Fahrplan für künftige Reformen. Es ist in erster Linie ein Versuch, die Regeln der italienischen Politik neu zu gestalten.

Seit Mitte der neunziger Jahre ist der Wahlkampf in Italien immer ein Zweikampf zwischen Berlusconi und dem jeweiligen Chef der Mitte-Links-Koalition gewesen. Monti will dieses Schema nun durchbrechen. Er widerstand der Versuchung, eine "Ich-Partei" zu gründen, und veröffentlichte stattdessen ein Memorandum mit Richtlinien für die Zukunft. Unter anderem plädiert er für eine stärkere europäische Integration, kombiniert mit einer strengeren Haushaltspolitik.

Bei diesem von ihm als "radikal-gemäßigt" bezeichneten Programm geht es Monti vor allem um eines: Die Anstrengungen des abgelaufenen Jahres sollen nicht umsonst gewesen sein. Wer einverstanden ist, soll sich nun einfach melden – egal ob aus dem rechten oder aus dem linken Lager. Denn Monti will die traditionelle Spaltung zwischen rechts und links überwinden und eine starke reformfreundliche Koalition bilden.

Die Gewerkschaften könnten der Knackpunkt sein

Ob die Rechnung aufgehen wird, ist im Moment schwer einzuschätzen. Erwartungsgemäß erklärten sich vor allem die Parteien des Zentrums bereit, den scheidenden Ministerpräsidenten zu unterstützen. Montis "radikal-gemäßigte Koalition" kann allerdings im besten Fall mit etwa 20 Prozent der Wählerstimmen rechnen.

Sein Wunschpartner für eine stabile Regierungsmehrheit wäre die Demokratische Partei von Pierluigi Bersani . Dieser zeigt sich allerdings wenig begeistert von Montis Aufruf: "Wir haben ihn bis zum Ende der Legislatur loyal unterstützt", sagte er in einem Interview. "In seinem Wahlprogramm gibt es allerdings Punkte, die mit unserem Programm nicht übereinstimmen. Deshalb wollen wir erst mal sehen, ob Monti parteilich oder unparteilich sein wird."

Ein Knackpunkt könnte dabei die Arbeitspolitik sein. Bereits während seiner Regierungszeit sparte der scheidende Ministerpräsident nicht mit Kritik gegenüber der größten Gewerkschaft Italiens, der CGIL. Die Reformfeindlichkeit der linken Gewerkschaft ist seiner Meinung nach dafür verantwortlich, dass der Arbeitsmarkt seit fünf Jahren in der Krise steckt.

Abgeordnete desertieren

Die Demokratische Partei steht allerdings der CGIL sehr nah. Eine derartige Kritik an den Gewerkschaften wäre in einer künftigen großen Koalition nicht möglich. Viele Kommentatoren bezeichneten Montis Rede am Fiat-Standort in Melfi in der vergangenen Woche deshalb als Fehltritt. In einem Werk, das für die strenge Verhandlungspolitik mit den Gewerkschaften bekannt ist, lobte der Ministerpräsident Fiats Umgang mit der Krise, während vor dem Eingangstor einige Dutzend Gewerkschaftler heftig protestierten.

Doch selbst in der Demokratischen Partei herrscht Unruhe wegen Montis Koalitionsplänen. Fünf Abgeordnete, die die Allianz zwischen der PD und der linksliberalen "Linke, Umwelt und Freiheit" verurteilten, traten aus der Partei aus und sagten dem Professor ihre volle Unterstützung zu. Einer von ihnen ist der Arbeitsrechtler Pietro Ichino, der als eigentlicher Verfasser von Montis Programm gilt. Das allerdings scheint nicht Teil dessen Plans zu sein. In einem informellen Gespräch mit dem Kolumnisten Eugenio Scalfari hatte Monti am Samstag zugegeben, dass er die Möglichkeit einer direkten Konfrontation mit der PD eher fürchte.

Auch in Berlusconis PDL führte Montis Aufruf zu Desertionen. Sechs Abgeordnete – unter anderem der ehemalige Außenminister Franco Frattini – verließen die Partei, um sich dem Monti anzuschließen.

Berlusconi stichelt gegen Merkel

Seit Berlusconis Rückkehr in die Politik ist die Linie der PDL aber eindeutig: Monti und seine Vision eines "Deutschland-zentristischen Europa " müssen mit allen Mitteln bekämpft werden. Unermüdlich wiederholt Berlusconi in Fernseh- und Radiosendungen: "Monti will im Auftrag Merkels die Steuern erhöhen."

Der scheidende Ministerpräsident geht seinerseits nicht sanft mit dem Cavaliere um. "Ich habe große Probleme, Berlusconis Gedankengängen zu folgen", sagte Monti während einer Pressekonferenz am Sonntag. Eine nachvollziehbare Kritik: Denn erst stürzt Berlusconi Montis Regierung, dann bietet er ihm an, für die PDL zu kandidieren, schließlich bezeichnet er die Regierungserfahrung seines Nachfolgers als katastrophal.

Berlusconis Hin und Her scheint seine Parteifreunde nicht zu stören. Selbst diejenigen, die seine Rückkehr als Fehler bezeichneten, haben wieder eingelenkt und fügen sich. Doch seine Auftritte sind längst nicht mehr so selbstsicher wie im vorigen Wahlkampf 2008. Als am Sonntag ein Moderator einen seiner Monologe zu unterbrechen versuchte, rastete Berlusconi aus und drohte damit, das Studio zu verlassen.

"Sich zu beschweren hilft nicht"

Die Beklemmung Berlusconis ist spürbar. Aktuelle Umfragen zeigen, dass seine Rückkehr der Partei nur vorübergehend geholfen hat. Die PDL liegt in den Umfragen mit etwa 20 Prozent knapp über der populistischen antieuropäischen Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo. Die PD kann mit etwa zehn bis 15 Prozentpunkten mehr rechnen. Zu wenig, um eine Regierung zu bilden. Aber genug, um gewissermaßen als Hauptaktionär einer Koalition mit Montis "radikal Gemäßigten" beizutreten.

Berlusconi gibt sich sicher, dass ihm eine flächendeckende Medienkampagne bis zu den Wahlen am 24. Februar zusätzliche zwanzig Prozentpunkte einbringen wird. In diesem Fall könnte eine prompte Regierungsbildung schwierig werden.

Inzwischen freundet sich aber auch Monti mit den Werkzeugen des Wahlkampfs an. In einem Tweet am Weihnachtstag rief er seine Unterstützer auf, "die Politik zu erneuern." "Sich zu beschweren hilft nicht! Sich zu engagieren aber schon!", schrieb er. Und schloss mit einer Anspielung auf Berlusconis " Discesa in campo " (Antritt, aber auch Abstieg in die Politik): "Wir müssen nun zur Politik hinaufsteigen!"