Die wichtigste Autorität der sunnitischen Muslime Ägyptens hat Präsident Mohammed Mursi zum Machtverzicht aufgefordert. Er solle die Ende November per Dekret verkündete Ausweitung seiner Machtbefugnisse bis auf Weiteres aussetzen und den Weg für einen Dialog ohne Vorbedingungen ebnen, teilte das Al-Ashar-Institut in Kairo mit.

Die Sunniten bilden die Mehrheit der Muslime in vielen arabischen Ländern. Auch die Partei Mursis, die Muslimbruderschaft, gehört dazu.

Seit Wochen gibt es Streit um Mursis politisches Vorgehen in Ägypten. Zehntausende protestieren dagegen. Entzündet hatte sich der Konflikt an einem Dekret Mursis, mit dem dieser seine Machtbefugnisse für die Zeit bis zum Inkrafttreten einer neuen Verfassung ausgeweitet hatte. Er untersagte der Justiz, seine Beschlüsse juristisch zu prüfen. Zugleich verbot er eine gerichtliche Auflösung der von den Islamisten dominierten Verfassungsgebenden Versammlung, die im Eilverfahren den Entwurf des neuen Grundgesetzes absegnete.

Seitdem durchlebt das Land eine schwere politische Krise. Gegner und Unterstützer des Präsidenten demonstrierten in großen Städten des Landes. Richter und andere Amtsträger hatten aus Protest die Arbeit verweigert, das oberste Berufungsgericht stellte seine Tätigkeit ein.

Tote bei Protesten

Am 15. Dezember soll das Volk über die neue Verfassung abstimmen.

In der Nacht waren bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten laut staatlicher Angaben fünf Menschen ums Leben gekommen, es waren die schwersten Ausschreitungen seit dem Sommer. Mehr als 600 Menschen erlitten Verletzungen. Es gab etwa 50 Festnahmen. Das Militär ließ mehrere Panzer auffahren, sagte aber zunächst zu, die Demonstranten von Gewalt zu verschonen.

Im Tagesverlauf verhängte die Präsidentengarde ein Demonstrationsverbot vor dem Präsidentenpalast und stellte den Demonstranten ein Ultimatum. Sie sollten den Bereich bis zum Nachmittag (15.00 Uhr Ortszeit) verlassen, dann werde die Garde den Bereich räumen.

Rede an die Nation erwartet

In den Städten Ismailija und Sues zogen nach Angaben von Augenzeugen Hunderte Menschen vor Büros der Muslimbruderschaft und steckten diese in Brand. Vier Politiker aus dem unmittelbaren Umfeld des Präsidenten erklärten ihren Rücktritt.

Im Verlauf des Donnerstags will Mursi eine Rede an die Nation halten. Er werde dabei der Opposition "verschiedene konkrete Vorschläge" für eine Lösung der Krise machen, sagte ein Vertrauter, der anonym bleiben wollte.