Wieder scharen sich Tausende zusammen, um dem ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi zu sagen: Wir sind gegen dich, deine Politik und deine Macht-Dekrete. Und wieder ist der Protest in Gewalt übergegangen. Nahe des Präsidentenpalastes setzte die Polizei Tränengas ein.

Einige Demonstranten durchbrachen die Linien der Sicherheitskräfte um das Gebäude. Aus dem Umfeld von Mursi verlautete, der Präsident habe den Palast aus Sicherheitsgründen verlassen.

Die Opposition sprach von der "letzten Chance" für Mursi, seine Erlasse aufzuheben. Sie lehnt ein für den 15. Dezember angesetztes Referendum über eine neue Verfassung ab, die maßgeblich von der islamischen Muslimbruderschaft geprägt wurde.

"Das Volk will den Sturz des Regimes"

Die Demonstranten waren seit dem Nachmittag durch die ägyptische Hauptstadt gezogen. Einige trugen Aufkleber mit dem Slogan: "Die Verfassung der Muslimbrüder ist illegitim." Manche skandierten "Hau ab!", andere riefen "Das Volk will den Sturz des Regimes". Mit diesem Schlachtruf hatten die Demonstranten Anfang 2011 den damaligen Machthaber Husni Mubarak aus dem Amt vertrieben.

"Der Präsident glaubt, dass die Opposition schwach ist und keinen Biss hat", sagte der Aktivist Abdelrahman Mansur auf dem zentralen Tahrir-Platz, wo sich mehrere Tausend Demonstranten versammelt hatten. "Heute zeigen wir ihnen, dass man mit der Opposition rechnen muss."

Auch mindestens elf Zeitungen sind am Dienstag aus Protest gegen Mursis autoritären Führungsstil nicht erschienen. Der englischsprachige Online-Auftritt der unabhängigen Tageszeitung Al-Masry al-Youm war zeitweise schwarz.

Ägypten befindet sich in einer tiefen politischen Krise , seitdem Mursi sich am 22. November per Dekret weitreichende neue Befugnisse zugesichert hat. Vor allem untersagte er der Justiz die Prüfung und Aufhebung seiner Beschlüsse und verbot die gerichtliche Auflösung der von den Islamisten dominierten Verfassunggebenden Versammlung. Diese hatte den Entwurf des neuen Grundgesetzes im Eilverfahren genehmigt.

Ein westlicher Diplomat sagte, die Muslimbruderschaft setze darauf, mit dem Referendum dem Wunsch der Bevölkerung nach Normalität und Stabilität nachzukommen. Auch Investoren äußerten die Hoffnung, dass die neue Verfassung die seit dem Sturz von Präsident Mubarak im Februar 2011 anhaltende Unruhe beenden könnte.