Der Bürgerkrieg in Syrien eskaliert: Die Truppen von Diktator Baschar al-Assad beschossen die Rebellentruppen mit Scud-Raketen . Die Türkei fürchtet eine Attacke mit Kurzstreckenwaffen schon seit längerer Zeit. Die Regierung in Ankara bat die Nato bereits um Raketenabwehr, sie wird diese Hilfe erhalten . Auch deutsche Soldaten sollen mit Patriot-Abwehrraketen an die türkisch-syrische Grenze verlegt werden.

Sofort begannen die Mutmaßungen: Das sei der Auftakt für einen Militärschlag gegen das Assad-Regime. Nun, wo der Partner Türkei vor Vergeltungsschlägen mit Raketen und Kampfjets geschützt sei, würde die Nato als nächstes direkt in den syrischen Konflikt eingreifen. Russland und der Iran rügten bereits die "militärische Eskalation".

Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario wirklich? Welche Interessen haben die beteiligten Länder und Mächte?

Keine Intervention ohne UN-Mandat

Die deutsche Bundesregierung will von einem direkten militärischen Eingreifen nichts wissen. "Deutschland ist an keinerlei Überlegungen oder Planungen beteiligt, die auf eine Intervention hinauslaufen", sagt Außenminister Guido Westerwelle . "Das, was dazu an Spekulationen verbreitet ist, kann ich nur zur Kenntnis nehmen."

Bei dem wohl wichtigsten Akteur, der Nato, ist es kein Geheimnis, das sie längst verschiedene Einsatzszenarien durchspielt. Das Patriot-Abwehrsystem könnte tatsächlich syrische Kampfjets abschießen, die Rebellen attackieren. Unter einem solchen "Schutzschirm" könnten die Assad-Gegner dann sichere Rückzugsräume aufbauen, ohne permanent aus der Luft attackiert zu werden. Auch wenn ein Abschuss syrischer Jets im Luftraum des Nachbarlandes einer Kriegserklärung gleichkäme – für die Nato hätte diese Einsatzvariante den Charme, dass sie keine Bodentruppen einsetzen müsste. Das Nordatlantische Bündnis dementiert diese Szenario allerdings aus gutem Grund: Für eine Flugverbotszone wäre ein UN-Mandat erforderlich. Im Weltsicherheitsrat verhindern Chinesen und Russen aber seit Monaten fast alle gegen Assad gerichteten Aktionen.

Marineverbände im Mittelmeer

Bliebe noch ein Alleingang ohne Mandat, wie beim Jugoslawien-Krieg. Das aber schließt die Nato aus, Luftangriffe auf Ziele in Syrien , wie im Libyen-Krieg im vergangenen Jahr , wird es demnach nicht geben. Auch wenn das Bündnis dazu militärisch in der Lage wäre. Die amerikanische Luftwaffe verfügt über zahlreiche Langstreckenbomber und Tankflugzeuge, die einen Angriff aus großer Entfernung ermöglichen. Zudem unterhält das US-Militär zahlreiche Basen in der Region – und die Nato hat bereits Marineverbände im Mittelmeer stationiert.

 Wer hat Interesse an einer Eskalation?

Assad hätte dem kaum etwas entgegenzusetzen. Zwar hat Syrien eine Luftabwehr, aber wie leicht sich diese aushebeln lässt, bewies schon 2007 ein gelungener israelischer Luftangriff auf eine syrische Reaktorbaustelle. Mittlerweile wurde das in Russland gekaufte Abwehrsystem angeblich modernisiert. Doch Raketen oder Tarnkappenflugzeuge, die auf dem Radar nicht sichtbar sind, können die Anlage ausschalten. Längst sollen amerikanische Drohnen den syrischen Luftraum infiltriert und Militärsatelliten Ziele erkundet haben. Auch im direkten Luftkampf wäre Syrien der Nato hoffnungslos unterlegen: Das Land verfügt nur über  wenige moderne Kampfjets vom Typ MiG-29.

Doch an einer Eskalation scheint die Nato momentan kein Interesse zu haben. Darauf deutet schon hin, dass sie ihre Abwehrraketen wohl zunächst in einiger Entfernung zur Grenze stationieren. Das Patriot-System soll eine Reichweite von rund 20 Kilometern haben. Wenn die Abschusseinrichtungen im türkischen Hinterland aufgestellt werden, wäre der syrische Luftraum zunächst nicht erreichbar. Nur wenn Assad Chemiewaffen einsetzen sollte , werde die Nato auch ohne Mandat zuschlagen. Das betonten die Nato-Spitze und mehrere Regierungschefs des Bündnisses.

Die Türkei mischt längst mit

Bleibt die Türkei als weiterer entscheidender Mitspieler. Das Land grenzt direkt an Syrien und ist gleichzeitig Nato-Mitglied. Es ist längst am Syrien -Konflikt beteiligt. Zum einen, weil das Land bereits über hunderttausend syrische Flüchtlinge aufgenommen hat und mehrfach mit Mörsern beschossen wurde. Außerdem hat Syrien im Sommer einen türkischen Aufklärungsjet vom Himmel geholt. Zum anderen mischt sich Ankara direkt ein, und zwar größtenteils mit Billigung seiner westlichen Partnerländer. Es versorgt Rebellengruppen mit Waffen, Munition, Ausrüstung und Geheimdienstinformationen – mit Wissen und Hilfe anderer Nato-Staaten. Über die Türkei läuft auch das amerikanische Hilfsprogramm für die Assad-Gegner. Die Kämpfer können sich zudem auf türkisches Gebiet zurückziehen und werden teilweise dort sogar ausgebildet.

Das ist bis jetzt die Strategie der Nato: Die Rebellen so aufzurüsten, dass sie Assad allein besiegen können. Der Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff von der Union hat in einer Bundestagsdebatte am Mittwoch die Bewaffnung der Rebellen bestätigt: "Da der UN- Sicherheitsrat bis heute blockiert ist und keine wirksamen Maßnahmen ergreifen konnte, war kein anderer Weg möglich, als die syrische Opposition mit Waffen zu versorgen, um das syrische Regime zu stoppen." Funktioniert hat das bisher nicht. Und selbst wenn die Rebellenallianz doch noch gegen Assad siegt: Dann könnte das Zweckbündnis schnell zerbrechen und die verschiedenen Gruppen anschließend ähnlich wie in Libyen gegeneinander kämpfen.

Was macht der Iran?

Die Türkei hat, anders als die Nato, ein echtes Interesse an einem militärischen Eingreifen im Nachbarland. Die Regierung hat sich bereits vom Parlament eine Vollmacht für eine Syrien-Offensive geben lassen. Das mag politisches Säbelrasseln gewesen sein. Doch ein türkischer Alleingang mit Billigung der Nato wäre militärisch durchaus machbar. Die Armee ist gut ausgerüstet, unter anderem mit Leopard-2-Kampfpanzern aus Deutschland. Internationale Militärexperten halten die Türkei  für stark genug, das angeschlagene syrische Regime allein oder mit der Nato im Hintergrund zu besiegen. Ein weiterer Angriff aus Syrien könnte Grund genug für einen türkischen Gegenschlag sein, der dann nicht mehr nur per Artillerie und Kampfjets erfolgen müsste.

Die Region dürfte dadurch jedoch weiter destabilisiert werden: Der Iran und die Hisbollah im Libanon sind Verbündete von Assad, ebenso einige kurdische Gruppierungen. Bei einem Angriff von außen gilt es zudem nicht als ausgeschlossen, dass Assad seine Chemiewaffen einsetzt. Die syrischen Raketen vom Typ Scud können Ziele in bis zu 700 Kilometer Entfernung erreichen und Chemiewaffen tragen. Die Patriot-Systeme mindern zwar das Risiko der Türkei getroffen zu werden, ausschließen lässt sich das aber nicht.