UN-Bericht Syrien"Alle Seiten werden zunehmend rücksichtsloser"

Sunniten, Alawiten, Christen, Drusen, Kurden, Turkmenen – ein UN-Bericht zeigt, dass die religiösen und ethnischen Gruppen in Syrien immer brutaler aufeinander losgehen. von dpa

Eine Kirche in Homs: Die Kämpfe zwischen den religiösen Gruppen werden heftiger.

Eine Kirche in Homs: Die Kämpfe zwischen den religiösen Gruppen werden heftiger.  |  © Yazan Homsy/Reuters

Die Kämpfe im Bürgerkriegsland Syrien werden für Zivilisten immer gefährlicher, die Situation immer unübersichtlicher: Aus einem UN-Bericht geht hervor, dass immer mehr religiöse und ethnische Gruppen in die Kämpfe mit hineingezogen werden.

"Ganze Religionsgemeinschaften laufen Gefahr, aus dem Land gedrängt oder innerhalb des Landes getötet zu werden", heißt es in dem Bericht der vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzten Kommission. Sowohl die Regierung als auch die Aufständischen und ausländische Kämpfer würden die Menschenrechte verletzen.

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Der brasilianische Diplomat und Kommissionsvorsitzende Paulo Pinheiro sagte, es sei mittlerweile sehr deutlich zu sehen, dass der Konflikt einen religiösen und ethnischen Charakter bekomme. "Kräfte der Regierung greifen sunnitische Zivilisten an. Regierungsfeindliche Gruppen attackieren Alawiten oder andere regierungsfreundliche Minderheiten wie Christen, Armenisch-Orthodoxe und Drusen", sagte Pinheiro.

Christen, Kurden und Turkmenen seien jetzt auch in den bewaffneten Konflikt hineingezogen worden. "Das ist eine neue Entwicklung der vergangenen Monate: In einigen Fällen haben sie für die Selbstverteidigung zu den Waffen gegriffen", sagte Pinheiro.

Besorgnis über ausländische Kämpfer

Weiter sei die Kommission "extrem besorgt über die Anwesenheit ausländischer Kämpfer, von denen einige Verbindungen zu extremistischen Gruppen haben". Diese Ausländer kämen aus Europa , Amerika und dem Nahen Osten.

Pinheiro warnte vor Waffenlieferungen an eine der zahlreichen Konfliktparteien. Dies mache alles nur noch schlimmer: "Alle Seiten sind zunehmend rücksichtsloser geworden. Wir denken, dass in diesem Krieg ein militärischer Sieg unmöglich ist."

Leserkommentare
  1. Das klang vor Wochen noch anders. Da beschoss Assad sein eigene Volk. Mittlerweile sollte es auch bis zur letzten ZEITung vorgedrungen sein, dass da Salafisten und Wahabiten versuchen einen Gottesstaat zu erricheten und wir helfen noch dabei!
    Peter Scholl-Latour hat das schon seit ewiger Zeit gesagt. Auf ihn zu hören ist zuverlässiger als das Gechwätz der Kettenhunde, die über Syrien herfallen wollen.
    Wer Demokratie einführen will, der soll das mal zuerst in Katar oder Saudi-Arabien tun.

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    • Gariban
    • 20. Dezember 2012 21:06 Uhr

    entweder die USA und ihre Vasallen unterstützen weiterhin den Aufstand und bewahren sich zumindest einen Teil ihres Einflusses auf die Aufständigen, oder sie stellen die Unterstützung ein (wobei es hier wahrscheinlich zum Bruch mit den Verbündeten vor Ort wie etwa Katar oder der Türkei kommen würde; muss aber natürlich nichts heißen) dann behalten Putin und die Mollas ihren Liebling (was allerdings nicht zwangsweise der Fall sein muss, wenn man bedenkt dass die Rebellen sich bereits festgekrallt haben) und der Westen verliert erneut an Einfluss. Mag sein dass Sie zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen: Die Unterstützung des achso braven, weil säkularen, Alawiten-Regimes würde bedeuten, dass der Westen das Massaker an Muslimen für den "Laizismus" gerne in Kauf nimmt.

    • Gariban
    • 20. Dezember 2012 20:53 Uhr

    da das Regime die Bodenkontrolle über ein Gebiet verliert, sieht es sich notgedrungen, über ihre Luftwaffe weiterhin Präsens zu demonstrieren. Desweiteren führen ihre Angriffe zur Demoralisierung sowohl der bewaffneten als auch der unbewaffneten Bevölkerung, letzterer steht bei den Alawiten in Verdacht, dem Aufstand mitgetragen zu haben. Man nennt dieses Verhalten auch "Kollektivbestrafung".

    Antwort auf "Aha: alles Zivilisten"
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    "Desweiteren führen ihre Angriffe zur Demoralisierung sowohl der bewaffneten als auch der unbewaffneten Bevölkerung"

    Die Strategie der Alliierten hat schon im WW2 nicht funktioniert. Das wissen auch Assad und seine Offiziere! Natürlich werden schon genug Angriffe daneben gehen, dass passiert ja auch der Nato. Aber das gezielte Abschlachten der Zivilbevölkerung macht militärisch keinen Sinn!
    Ich tippe da eher auf bewährte Islamistentaktik: Gehe in ein Wohnviertel-bedrohe die Zivilisten-starte Angriffe auf Gegner und Ungläubige-lege Waffenlager in Moscheen an, und jammere dann via London wenn die Armee sie ausräuchern kommt. Ach ja und um genug Geld für den Dschihad braucht man sich auch nicht sorgen, da man bei YouTube nur mit abgeschnittenen Köpfen wedeln braucht.

  2. Aus dem Artikel:

    "'Ganze Religionsgemeinschaften laufen Gefahr, aus dem Land gedrängt oder innerhalb des Landes getötet zu werden', heißt es in dem Bericht der vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzten Kommission.

    Weiter sei die Kommission 'extrem besorgt über die Anwesenheit ausländischer Kämpfer, von denen einige Verbindungen zu extremistischen Gruppen haben'. Diese Ausländer kämen aus Europa, Amerika und dem Nahen Osten."

    Das ist alles seit mindestens eineinhalb Jahren bekannt. Es wurde von der "internationalen Öffentlichkeit" ignoriert, um das einzige Ziel nicht zu gefährden, das "der Westen" hier hat: das sogenannte Assad-Regime zu stürzen, um den einzigen Verbündeten Irans in der Region auszuschalten.

    Jede Initiative im Weltsicherheitsrat, die diese Entwicklung hätte stoppen können, wurde von den USA und ihren Verbündeten torpediert, zum Teil mit fadenscheinigen Begründungen. Um Irans und Russlands Einfluss im Nahen Osten zu schwächen, war alles recht, auch vom Ausland finanzierte Islamisten, die als demokratische Opposition gefeiert wurden.

    Jetzt ist Syrien wohl ein "verlorenes Land" mit Bürgerkrieg, religiösem Fanatismus, Vertreibung, Massenmorden. Wir haben es kommen sehen und nichts getan. Schlimmer: Wir haben es herbeigeführt.

    • NDM
    • 20. Dezember 2012 21:01 Uhr

    Hätten Russland und China sich einer vernünftigen Resolution versperrt, dann wäre es gar nicht so weit gekommen. Es war sehr früh deutlich, dass das Assad-Regime dem Konflikt eine religiöse Komponente verleihen wollte. Dass diese von immer größerer Bedeutung sein wird, damit hatte er wohl nicht gerechnet.

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    • NDM
    • 20. Dezember 2012 21:13 Uhr

    "Hätten Russland und China sich einer vernünftigen Resolution <strong>nicht</strong> versperrt" sollte es natülich heißen.

    anzuschieben, war immer die Trumpfkarte des Hauses Assad zur Abschreckung davon, am ihm zu wackeln. Interessant sind jetzt die Eskalationsstufen.

    Seine neuen zwölf Batterien Iskander-Raketen sind:

    "At all their stations, the Russian missiles pointed at US military targets." sagt die israelische Quelle:

    http://debka.com/article/22625/Assad%E2%80%99s-deadly-agenda-First-chemi...

    eine Quelle mithin, die dem Publikum eine Bedrohung Israels sicher kaum verschweigen würde. Die Roten Linien des Westens sind grau-tönig geworden und Assad hat eigentlich den Rücken frei, zur nächsten Drehung an der Schraube.

    Wichtiger aber, als alle Einzelereignisse sind Hunger, Kälte und unbehandelte Krankheiten und Verletzungen wegen des Nicht-Zuganges zu immer mehr Inlandsflüchtlingen und Ausgebombten.

    A propos Ausgebombte: die wurden nicht ganz ohne Erfolg mit Berichten über Vergeltungswaffen getröstet (weswegen die auch so hießen) während es um irdische Tröstungen für die Syrer ernsthaft eng wird.

    Dieser jederzeit steigerbare Leidensdruck ist die Trumpfkarte für Assad und seine globalen Freunde von Stabilität, gleicher Augenhöhe und Respekt.

    • Gariban
    • 20. Dezember 2012 21:06 Uhr

    entweder die USA und ihre Vasallen unterstützen weiterhin den Aufstand und bewahren sich zumindest einen Teil ihres Einflusses auf die Aufständigen, oder sie stellen die Unterstützung ein (wobei es hier wahrscheinlich zum Bruch mit den Verbündeten vor Ort wie etwa Katar oder der Türkei kommen würde; muss aber natürlich nichts heißen) dann behalten Putin und die Mollas ihren Liebling (was allerdings nicht zwangsweise der Fall sein muss, wenn man bedenkt dass die Rebellen sich bereits festgekrallt haben) und der Westen verliert erneut an Einfluss. Mag sein dass Sie zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen: Die Unterstützung des achso braven, weil säkularen, Alawiten-Regimes würde bedeuten, dass der Westen das Massaker an Muslimen für den "Laizismus" gerne in Kauf nimmt.

    Antwort auf "Aufgewacht?"
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    • NDM
    • 20. Dezember 2012 21:12 Uhr

    Sollte die kritische Unterstützung der FSA aufhören, dann könnten AlQaida-Nahe Islamisten die Oberhand über die Revolution gewinnen(Erste Anzeichen für entsprechende Bestrebungen gibt es neuerdings). Das was dann allerdings ein Freibrief für das Assad-Regime, unter klammheimlichem Beifall aller beteiligten (ausser den Revolutionären), die härtesten verfügbaren Mittel der Kriegsführung einzusetzen.

    seit Jahrzehnten keinen Einfluss. Er kann dort also keinen Einfluss verlieren.

    "Ach so brave Alawiten-Regime"

    Die o. g. Behauptung von Ihnen ist nicht ganz richtig. Assad hat um sich sunnitische, christliche, alawitische verantwortliche geschaart. Das sollten Sie nicht übersehen.

    Warum ausgerechnet diejenigen, für die nur Syrien im Fokus ist die sunnitischen Diktaturen wohlwollend behandeln ist hier offensichtlich kein Thema.

    Wenn ich mir die Freunde Syriens anschaue so hat sich eine unseelige Allianz zwischen demokratischen Staaten wie Deutschland mit undemokratischen, mittelalterlichen ja fast sunnitisch-faschistuiden Staaten Saudi Arabien gebildet.

    Die ach so braven sunnitischen Staaten.

    • NDM
    • 20. Dezember 2012 21:12 Uhr

    Sollte die kritische Unterstützung der FSA aufhören, dann könnten AlQaida-Nahe Islamisten die Oberhand über die Revolution gewinnen(Erste Anzeichen für entsprechende Bestrebungen gibt es neuerdings). Das was dann allerdings ein Freibrief für das Assad-Regime, unter klammheimlichem Beifall aller beteiligten (ausser den Revolutionären), die härtesten verfügbaren Mittel der Kriegsführung einzusetzen.

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    ... ist gut. Das ist lange bekannt. Das "Assad-Regime" hat auch keinen klammheimlichen Freibrief, oder doch? Ja, dann wäre die moralische Verkommenheit "des Westens" noch größer als ich dachte.

    Zum "Assad-Regime": Es ist höchst unwahrscheinlich, dass es ein monolithisches Machtkartell in Syrien gibt. Verschiedenste Gruppen (Baath-Partei, Armee, Geheimdienste usw.) stehen nach außen gegen wiederum verschiedenste Oppositionsgruppen, jetzt eben hauptsächlich gegen islamistische Terrororganisationen.

    Vor allem anfangs, im Frühjahr 2011 gab es Anzeichen dafür, dass Assad durchaus Kompromisse mit der damals friedlichen Opposition eingehen wollte. Jedesmal, wenn es solche Zugeständnisse (Aufhebung des Ausnahmezustands, Wahlen) gab, wurde die Opposition blutig unterdrückt, wahrscheinlich von entsprechenden Hardliner-Gruppen.

    • NDM
    • 20. Dezember 2012 21:13 Uhr

    "Hätten Russland und China sich einer vernünftigen Resolution <strong>nicht</strong> versperrt" sollte es natülich heißen.

  3. ..und dabei den Überblick verlieren.
    Wenn Sie keinen Einblick in das Land Ihrer "Vollgasbeurteilung" haben, dann sollten Sie sich zurückhalten.
    Ich habe Verwandte in Syrien und das sind keine hörigen Diktaturanhänger Assads und ihre einhellige Meinung ist, dass von außen unterstützt und gesteuert ein erträgliches Regime gestürzt werden soll. Es war nicht alles rosig und gut, aber was nun kommen wird wird grausig.

    Antwort auf "[...]"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, sk
  • Schlagworte Syrien | Ausländer | Charakter | Diplomat | Flughafen | Konflikt
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