Jahresrückblick 2012 : "Ich bin ein Opfer des Nahen Ostens"

Oktober 2012: Der Bürgerkrieg in Syrien nimmt kein Ende. Wie sieht einer den Konflikt, der schon vor Jahren aus der Enge des Landes geflüchtet ist?

Der Krieg ist fern hier in Beirut . Man sieht ihn nicht in den Straßen. Der Krieg ist dort, wo Mohamad al Hussainys Eltern wohnen.

Al Hussainy, lange Haare, Piercings und Tattoos, sitzt nicht weit seiner Heimatstadt Damaskus in einer kargen Wohnung in Ostbeirut. Dieser kleinen Blase im Nahen Osten, deren Oberflächlichkeit er verabscheut, deren Materialismus ihn abstößt. Schnelle Autos und teure Klamotten sind sein Ding nie gewesen. Trampen und Heavy Metall schon eher und genau das ist das Problem in einer Region, der solches Denken im Mainstream eher fremd ist. Als er noch Kind war, erzählt er, pflegte seine Mutter zu fragen: "Warum kannst du nicht wie die anderen sein?" Er wollte es nie werden – sollte es nie werden.

"Ich bin kein Opfer des Krieges in Syrien , ich bin ein Opfer des Nahen Ostens", sagt er und wenn er spricht, spürt man hinter der Resignation noch die Wut über ein Leben, das er nicht leben durfte, über eine Gesellschaft, die den Freigeist meistens ausstößt, über ein Gefangensein in alten Strukturen.

Al Hussainis Flucht begann nicht wie die vieler Syrer nach dem Beginn des blutigen Krieges in seinem Heimatland . Seine Suche nach einem Exil außerhalb des Staates, der berüchtigt ist für seine Folterkeller und seine Geheimdienste, begann vor 13 Jahren, als er das erste Mal nach Beirut kam. Kurz zuvor hatte der Großvater dem damals 16-Jährigen damit gedroht, ihn einsperren zu lassen, sollte er weiter das Regime kritisieren. 

"Die Revolution und der Krieg sind nicht die meinen. Das Problem ist nicht nur das Regime, es ist die ganze patriarchale Gesellschaft. Auch sie akzeptiert keine anderen Meinungen. Es war vordergründig die Gesellschaft, die mich aus dem Lande trieb." Er will nicht, dass ein Foto von ihm hier erscheint.

Er lebte ein Leben auf der Straße, meist unterwegs, nirgendwo zu Hause. Beirut, Luxor, Amman , Istanbul , dann Teheran , zwischendurch gezwungenermaßen immer wieder Damaskus – und nun wieder Beirut, wo er für 20 Dollar die Nacht in Bars Platten auflegt. Der Krieg ist fern für ihn und doch nah , er wird wütend, wenn er über ihn redet. Doch es ist eine Wut, die weit über den Krieg hinausgeht.

"Die arabischen Revolutionen sind nicht der Weg, auf dem neue funktionierende Staaten entstehen werden. Der arabischen Welt fehlt ein wichtiger Schritt in der historischen Entwicklung. Da war nie eine fundamentale Auseinandersetzung mit der Religion. Sie hat den Reformgeist und die Hinwendung zum Menschen, zum Humanismus auf gesellschaftlicher Ebene immer verhindert."

Und der Krieg in Syrien, wird er etwas ändern? "Wenn man sich jetzt nicht schon Gedanken macht, gerade die Exilopposition, darüber wie eine Versöhnung stattfinden kann, dann wird es jahrelang um Rache gehen. Assad hat es sehr gut verstanden aus diesem Aufstand einen sektiererischen Krieg zu machen. Lange war die Abwesenheit einer zentralen Führung der Rebellen ein Vorteil – das Regime konnte sie so schwerer bekämpfen – jetzt wird es ein großer Nachteil, denn selbst nach einem Sieg werden sie aufgesplittert bleiben in Milizen."

Er kann nicht sagen, wie es enden wird. Wer kann das schon. Aber wird er zurückgehen, irgendwann? "Syrien ist für mich nicht mehr als ein beliebiger Ort, an dem ich einmal war",  sagt er, und für heute Abend hat die Resignation den Sieg über die Wut davon getragen – über den Krieg in einem fremden Land.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

Die grössten Blockierer in diesem Prozess

sind ganz klar die Teile der Opposition, die nicht bereit sind, Kompromisse einzugehen und dabei gleichzeitig vom Westen und den GCC Staaten unterstützt werden.

Dass dagegen Assad zu Zugeständnissen bereit ist, wurde schon mehrfach angedeutet. Er wehrt sich lediglich seinen Rücktritt, als eine Vorbedingung für Verhandlungen zu machen:

Assad signalisiert Kompromissbereitschaft
http://www.welt.de/politi...

Vizepremier: Über Rücktritt Assads kann man diskutieren
http://www.kleinezeitung....

Warum ignoriert Brahimi nicht einfach die Totalverweigerer, die den friedlichen Prozess blockieren. Er sollte SNC, Nationale Koalition und all die Anderen, die nicht mit Assad reden wollen, einfach von den Gesprächen ausschliessen und endlich mit den Teilen der Oppossition zur Lösung kommen, die wirklich Frieden wollen.

Radikalislamistische und neokolonialistische Interessenvertreter rausschmeissen - zusammensetzen - verhandeln - Lösung finden - praktisch umsetzen.

Der Krieg in Syrien

ist m.E. nicht das Produkt eines Aufstandes. Es ist auch kein Bürgerkrieg oder gar ein sektierischer Krieg. Dies sind alles Begleiterscheinungen eines Prozesses, die mitunter weit davor liegen.

Gen. Wesley Clark - Exposes US Foreign Policy Coup
http://www.youtube.com/wa...

Imperialer Neoliberalismus:Syrien und die Europäische
Nachbarschaftspolitik
http://www.imi-online.de/...

Türkei und USA planten schon im März 2011 "Sicherheitszonen"in Syrien/ Die Türkei sollte den Bürgerkrieg vorantreiben
http://www.zeit.de/politi...