Kämpfer der Freien Syrischen Armee vor der Stadt Ras al-Ain, 5. Dezember2012 © EUTERS/Samer Abdullah/Shaam

Die syrische Opposition hat es seit Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime nicht nur mit einem, sondern gleich mit zwei Gegnern zu tun: Mit dem unerbittlichen Autokraten in Damaskus und mit der eigenen Uneinigkeit. Das hat sich jetzt – mit tatkräftiger Unterstützung aus Washington – geändert, seit sich die verschiedenen Gruppen Mitte November im Golfstaat Katar auf die Gründung einer einheitlichen "Nationalen Koalition der Kräfte der syrischen Revolution und Opposition" einigten. Das neu gegründete Bündnis vertritt die Mehrzahl der syrischen Oppositionsgruppen und ersetzt formal den Syrischen Nationalrat, der es nicht geschafft hatte, eine repräsentative Vertretung zu werden und besonders von den USA als zu machtlos wahrgenommen wurde.

Nur Tage nach Gründung der Koalition adelte die Europäische Union den Zusammenschluss als "legitimen Vertreter des Strebens des syrischen Volkes". Auch London und Paris sowie die Staaten des Golfkooperationsrates sprachen eine offizielle Anerkennung aus.

Während nämlich der eskalierende Konflikt auf der einen Seite von einer schlagkräftigen Armee geführt wird, die trotz Abnutzungserscheinungen bislang einsatzbereit geblieben ist, waren die Assad-Gegner seit Beginn der Auseinandersetzungen eher als loses Zweckbündnis von Splittergruppen in Erscheinung getreten. Und diese unterschieden sich nicht nur in der Art ihres Widerstandes, sondern auch in ihren grundsätzlichen politischen Überlegungen für ein Syrien ohne Assad.

Spannungen zwischen Gemäßigten und Radikalen

Wie in der Vorgängerorganisation ist aber auch die Effizienz des neuen Oppositionsbündnisses dadurch gefährdet, dass sich zentrale Figuren außerhalb Syriens aufhalten. Spannungen zwischen der Koalition und konkurrierenden Gruppen halten an. In den letzten Wochen kam es vermehrt zu Gefechten zwischen Oppositionskräften und kurdischen Milizen, die sich im Norden des Landes bereits eine faktische Autonomie erstritten haben und der Koalition bislang skeptisch gegenüberstehen.

Zudem eskalierten Spannungen zwischen gemäßigteren Oppositionskräften und radikalislamistischen Gruppen wie der Al-Kaida nahen Jabhat al-Nusra. Die Gründung der Koalition konnte die Zersplitterung der Opposition somit nicht vollends überwinden. Gleichwohl hat sie die Uneinigkeit nun zumindest auf ein erträglicheres Maß reduziert. Dies nicht zuletzt vor dem Hintergrund, dass eine politische Schnittmenge zwischen moderaten Anti-Assad-Kräften und radikalen Gruppen wie der Jabhat al-Nusra ohnehin so wenig besteht wie die Möglichkeit, hier einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Seit ihrer Gründung ist die Koalition darum bemüht, ein tragfähiges Schattenkabinett für die nach-Assad-Zeit aufzubauen. Hierbei geht es nicht nur um die Verteilung von Posten, sondern zugleich um das Aufstellen einer kohärenten Organisation mit einer einheitlichen internen Verfassung, die sich in professionellen Komitees verantwortlich mit humanitären, rechtlichen und sicherheitspolitischen Fragen vor Ort befasst. Immerhin bescheinigte der US-Botschafter für Syrien, Robert Ford, der Koalition diese Woche, dass sie "echte Fortschritte" erziele. Dies ist noch keine offizielle Anerkennung aus Washington, aber zumindest ein Schritt in diese Richtung.

 Eine offizielle Aufwertung ist nicht ohne Risiko

Kommende Woche wird die Gruppe der "Friends of Syria" im marokkanischen Marrakesch zu ihrer vierten Tagung zusammenkommen und die Oppositionskoalition hat dann Gelegenheit, sich auf internationalem Parkett als überzeugende Alternative zum Regime Assad zu präsentieren. Die Konferenz ist ein Zusammenschluss von fast 70 Nationen, deren Ziel es ist, den internationalen Druck auf Assad zu erhöhen. Mit am Tisch saß bislang immer auch der Bundesaußenminister.

Sollte es der Koalition in Marrakesch gelingen, tatsächlich als geschlossene Opposition mit einer überzeugenden Führungsriege in Erscheinung zu treten, wäre der Westen am Zug. Dessen Entscheidungsträger könnten in Marrakesch zum nachhaltigen Erfolg der Opposition beitragen: Zunächst wäre eine gezielte finanzielle Förderung durch Bereitstellung von konkreten Finanzmitteln erforderlich. Darüber hinaus jedoch ist die Tagung nicht zuletzt für die Bundesregierung der geeignete Zeitpunkt, der Oppositionsbewegung auch förmlich ihre Anerkennung auszusprechen.

Eine solche Anerkennung als legitime Nachfolgeregierung des Assad-Regimes wäre eine tatkräftige Unterstützung der Opposition, deren Erfolgsaussichten durch diesen Schritt erheblich steigen würden. Und die breite internationale Unterstützung für die Koalition, moralisch, politisch, diplomatisch und finanziell, kann den Rebellen vor dem Hintergrund aktueller militärischer Fortschritte im Kampf gegen Assad einen möglicherweise entscheidenden Schub geben.

Sicher, angesichts der anhaltenden Unwägbarkeiten ist eine solche offizielle Aufwertung nicht ohne Risiko. Dies auch angesichts der Tatsache, dass in der ersten Sitzung der Nationalen Koalition in Kairo am vergangenen Freitag nicht zuletzt die Muslimbrüder eine tragende Rolle spielten. Verglichen jedoch mit den Risiken, die mit dem wachsenden Einfluss weit radikalerer islamistischer Bewegungen außerhalb der Koalition verbunden sind, ist dies eine fast zu vernachlässigende Größe. Das ist der Preis, der auch in Berlin für ein Syrien ohne Assad zu zahlen ist.