Bis Freitagmorgen war Newtown ein verschlafenes Nest. Jetzt ist das Örtchen in Neu-England, wie schon so viele Orte zuvor, zum Symbol geworden. Zum Symbol für den Waffenfetisch in den USA und für laxe Gesetze, die es nahezu jedem erlauben, nicht nur Jagdwaffen zu besitzen, sondern auch Pistolen, Revolver und Maschinengewehre. Munition gibt es im Supermarkt. Das Bushmaster-Sturmgewehr, mit dem Adam Lanza 20 Kinder und sieben Erwachsene erschoss , ist die zivile Variante des M16, das von Nato-Soldaten seit dem Vietnamkrieg benutzt wird. Nancy Lanza, die Mutter des Attentäters und sein erstes Opfer, besaß es legal.

Vier Mal musste Präsident Barack Obama in seiner ersten Amtszeit Kommunen in Trauer besuchen: Tucson, Arizona nach dem Attentat auf die Kongressabgeordnete Gabby Giffords. Aurora, Colorado nach der Schießerei in einem Kino. Oak Creek, Wisconsin nach dem Amoklauf in einem Sikh-Temple. Und jetzt Newtown. Jedes mal sprach Obama mit Hinterbliebenen. Jedes Mal betete er für die Opfer. Und jedes Mal wurde er mit Fragen nach strengeren Waffen-Gesetzen konfrontiert, die in den USA trotz aller Tragödien kaum durchsetzbar sind.

"Ich werde in den nächsten Wochen alles tun, was mir als Präsident möglich ist, um meine Mitbürger – Sicherheitskräfte, Psychologen, Eltern und Lehrer – in eine Kampagne einzubinden, um solche Tragödien in Zukunft zu verhindern", versprach Obama während eines Trauergottesdienstes in der High School von Newtown. Den Ausdruck gun control vermied er – zu brisant ist das Thema.

Am Montag beriet Obama mit Vize-Präsident Joe Biden , Justizminister Eric Holder , Bildungsminister Arne Duncan und Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius über die nächsten Schritte. Ein Sprecher sagte , der Präsident werde sich in den kommenden Wochen näher äußern. Generell befürworte Obama aber ein Verbot von Sturmfeuerwaffen.

Die Situation ist dieses Mal eine andere als nach den früheren Amokläufen. Das Entsetzen im Land ist größer als je zuvor, weil die meisten Opfer Kinder im Grundschulalter waren. Erstmals könnte eine solche Tat die Wende in der amerikanischen Waffenpolitik bringen.

Gespaltenes Land

Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich nach Newtown mehr Amerikaner als zuvor für strengere Waffengesetze aussprechen – allerdings sind es auch jetzt nur 50 Prozent, ein Plus von sieben Punkten gegenüber den letzten Daten vor dem Amoklauf. Eine hauchdünne Mehrheit will halbautomatische Waffen (51 Prozent) und Magazine mit mehr als 10 Schuss (53 Prozent) verbieten. Ihnen steht eine leidenschaftliche Koalition aus Jägern, Hobbyschützen, Machos und der mächtigen Schusswaffenvereinigung NRA gegenüber, die schon die kleinste Einschränkung der Waffenrechte mit Verweis auf das Second Amendment abschmettert, den zweiten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert.

Der Artikel ist nur 27 Worte lang und gehört zu den umstrittensten Paragraphen der US-Geschichte: A well regulated militia being necessary to the security of a free state, the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed. Verabschiedet wurde der Zusatz drei Jahre nach Beschluss der amerikanischen Verfassung als Teil der Bill of Rights , die der jungen Nation auch Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und andere Grundrechte gab.

Für den Dauerstreit sorgt das Second Amendment , weil die Interpretation unklar ist. Die Waffenlobby konzentriert sich auf seinen zweiten Teil, nach dem "das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden" darf. Kritiker verweisen dagegen auf den ersten Teil des Satzes: "Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist" – der stammt aus einer Zeit, als es in den frisch gegründeten USA kein organisiertes Militär gab und die Landesverteidigung Aufgabe von Milizionären war.