Nach dem Amoklauf : Ist dies die Wende in Amerikas Waffenpolitik?

Nach jedem Amoklauf diskutiert das Land über schärfere Waffengesetze. Dieses Mal aber scheint ein Kompromiss nicht ausgeschlossen. So könnte er aussehen.
Schießstand in Scottsdale, Arizona © Joshua Lott/Reuters

Bis Freitagmorgen war Newtown ein verschlafenes Nest. Jetzt ist das Örtchen in Neu-England, wie schon so viele Orte zuvor, zum Symbol geworden. Zum Symbol für den Waffenfetisch in den USA und für laxe Gesetze, die es nahezu jedem erlauben, nicht nur Jagdwaffen zu besitzen, sondern auch Pistolen, Revolver und Maschinengewehre. Munition gibt es im Supermarkt. Das Bushmaster-Sturmgewehr, mit dem Adam Lanza 20 Kinder und sieben Erwachsene erschoss , ist die zivile Variante des M16, das von Nato-Soldaten seit dem Vietnamkrieg benutzt wird. Nancy Lanza, die Mutter des Attentäters und sein erstes Opfer, besaß es legal.

Vier Mal musste Präsident Barack Obama in seiner ersten Amtszeit Kommunen in Trauer besuchen: Tucson, Arizona nach dem Attentat auf die Kongressabgeordnete Gabby Giffords. Aurora, Colorado nach der Schießerei in einem Kino. Oak Creek, Wisconsin nach dem Amoklauf in einem Sikh-Temple. Und jetzt Newtown. Jedes mal sprach Obama mit Hinterbliebenen. Jedes Mal betete er für die Opfer. Und jedes Mal wurde er mit Fragen nach strengeren Waffen-Gesetzen konfrontiert, die in den USA trotz aller Tragödien kaum durchsetzbar sind.

"Ich werde in den nächsten Wochen alles tun, was mir als Präsident möglich ist, um meine Mitbürger – Sicherheitskräfte, Psychologen, Eltern und Lehrer – in eine Kampagne einzubinden, um solche Tragödien in Zukunft zu verhindern", versprach Obama während eines Trauergottesdienstes in der High School von Newtown. Den Ausdruck gun control vermied er – zu brisant ist das Thema.

Am Montag beriet Obama mit Vize-Präsident Joe Biden , Justizminister Eric Holder , Bildungsminister Arne Duncan und Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius über die nächsten Schritte. Ein Sprecher sagte , der Präsident werde sich in den kommenden Wochen näher äußern. Generell befürworte Obama aber ein Verbot von Sturmfeuerwaffen.

Die Situation ist dieses Mal eine andere als nach den früheren Amokläufen. Das Entsetzen im Land ist größer als je zuvor, weil die meisten Opfer Kinder im Grundschulalter waren. Erstmals könnte eine solche Tat die Wende in der amerikanischen Waffenpolitik bringen.

Gespaltenes Land

Aktuelle Umfragen zeigen, dass sich nach Newtown mehr Amerikaner als zuvor für strengere Waffengesetze aussprechen – allerdings sind es auch jetzt nur 50 Prozent, ein Plus von sieben Punkten gegenüber den letzten Daten vor dem Amoklauf. Eine hauchdünne Mehrheit will halbautomatische Waffen (51 Prozent) und Magazine mit mehr als 10 Schuss (53 Prozent) verbieten. Ihnen steht eine leidenschaftliche Koalition aus Jägern, Hobbyschützen, Machos und der mächtigen Schusswaffenvereinigung NRA gegenüber, die schon die kleinste Einschränkung der Waffenrechte mit Verweis auf das Second Amendment abschmettert, den zweiten Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der das Recht auf Waffenbesitz garantiert.

Der Artikel ist nur 27 Worte lang und gehört zu den umstrittensten Paragraphen der US-Geschichte: A well regulated militia being necessary to the security of a free state, the right of the people to keep and bear arms shall not be infringed. Verabschiedet wurde der Zusatz drei Jahre nach Beschluss der amerikanischen Verfassung als Teil der Bill of Rights , die der jungen Nation auch Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und andere Grundrechte gab.

Für den Dauerstreit sorgt das Second Amendment , weil die Interpretation unklar ist. Die Waffenlobby konzentriert sich auf seinen zweiten Teil, nach dem "das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden" darf. Kritiker verweisen dagegen auf den ersten Teil des Satzes: "Da eine wohlorganisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist" – der stammt aus einer Zeit, als es in den frisch gegründeten USA kein organisiertes Militär gab und die Landesverteidigung Aufgabe von Milizionären war.

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Kommentare

87 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Was wissen wir über Adam Lanza?

Eigentlich gar nichts.

Eine gewagte These hätte Prostitution das Attentat verhindern können?!?

Man kann sich zwar legal in den USA Waffen kaufen aber keine Nähe / Entspannung / Sinnlichkeit und Lust mit einer Frau oder einem Mann und in der Art wie es einem gefällt!

Den Amerikaner jetzt in dieser Krise entwaffnen zu wollen ist so gut wie unmöglich.

Zurück zum Vorderlader

Nach meinem Kenntnisstand hatte der Attentäter eine schussichere Weste um. Gerade die Weste macht die Sache besonders problematisch. Selbst, wenn irgendeine Lehrerin mit einer kleinen Pistole bewaffnet gewesen wäre, hätte eine Amateurin doch sehr große Schwierigkeiten gehabt, den Täter wirksam anzugreifen.

Mein Vorschlag: Zum Verfassungszusatz die angemessene Bewaffnung aus jener Zeit: Der Vorderlader.
Dann wäre der Täter nach dem ersten Schuss außer gefecht gesetzt worden oder alle wären davongelaufen. Wahrscheinlich hätte es nicht einmal einen Toten gegeben. Und sportlicher bei der Jagd ist solch ein Teil auch.

Unpassender Vergleich

"Niemand würde auf die Idee kommen Kraftfahrzeuge oder den Indvdualverkehr zu verbieten - wäre doch ein unerschlossens Gebiet für millitante Nichtraucher....."

Stimmt, aber wir regulieren den Individualverkehr. Das ist der Unterschied.
Wir verlangen eine Prüfung, nicht jeder darf jedes Fahrzeug fahren und bei der Handhabung sind Fahrer und Fahrzeug an bestimmte Sicherheitsvorschriften gebunden.

Waffen in den USA zu verbieten ist illusorisch, aber warum sollte man den Umgang mit Waffen nicht analog zum Straßenverkehr regulieren können? Wäre das das Ende der Freiheit? Wohl kaum.

wende?vielleicht in fünfzig jahren

nur die wenigsten in dieser diskussion wollen wahrhaben ,dass der kern des problems im unterschiedlichen kulturellen ansatz liegt,der auch historische gründe zum teil hat(sezessionskrieg).grosse teile der bevölkerung identifizieren sich mit dem staat nur nach aussen hin.im inneren des landes wollen sie so wenig staat wie möglich.sie trauen dem staat vor allem nicht zu,ihre sicherheit gewährleisten zu können.der ammerikanische wahlkampf auf fast allen ebenen hat diese unterschiedlichen überzeugungen noch einmal in fast allen bereichen bestätigt.solange diese unterschiedlichen auffassungen zum staatswesen in der gsellschaft bestehen,ist eine eine verfassungskonforme auslegung des zweiten zusatzes zur verfassung mangels politischer mehrheit nicht durchzusetzen,geschweige denn, eine verfassungsänderung.die emotionen obamas zum massaker in newtown sind vielleicht auch auf die erkenntnis zurückzuführen,trotz aller machtfülle ,hilflos zu sein.