Walid Dschumblat"Assad ist mir egal, soll er zur Hölle gehen"
Seite 2/2:

"Es ist Zeit, dass dieses Regime der Unterdrückung verschwindet"

Dschumblat: Ich gebe nicht auf, ich bin bloß realistisch. Was kann man auch anderes tun? Einige sagen etwa, mit der Hisbollah dürfe man nicht verhandeln, so lange sie ihre Waffen nicht aufgibt. Ich halte das für einen Fehler. Wie soll man sie davon überzeugen? Sie werden es nicht tun. Die Briten haben 20 Jahre dafür gebraucht, die IRA zu entwaffnen. 20 Jahre lokaler und internationaler Verhandlungen. Und der Konflikt im Libanon ist noch viel komplizierter.

ZEIT ONLINE: Wo liegen denn die Gemeinsamkeiten mit Hisbollah?

Dschumblat: Hisbollah ist ein Teil der libanesischen Bevölkerung. Sie sind keine Fremden. Wenn einige westliche Kreise sie Terroristen nennen, ist das Blödsinn. Hisbollah gehört zum Libanon.

ZEIT ONLINE: Teile von Hisbollah sind Terroristen.

Dschumblat: Was meinen Sie mit Terroristen? So viele Gruppen in der Welt wurden Terroristen genannt – und dann waren sie Teil einer Regierung. So wie die IRA.

ZEIT ONLINE: Und was verbindet Sie mit Hisbollah?

Dschumblat: Den Libanon gegen jede israelische Aggression zu verteidigen, ja, darüber sind wir uns einig. Das auch mit Waffengewalt im Libanon selbst zu erreichen, da gehen unsere Meinungen auseinander.

ZEIT ONLINE: Sie halten trotz aller Differenzen an der aktuellen Regierungskoalition im Libanon fest. Dabei hätten Sie doch vielleicht mit der anti-syrischen Opposition mehr Gemeinsamkeiten.

Dschumblat: Das sagt sich so leicht. Jetzt aus dieser Regierung auszusteigen, das würde den Libanon destabilisieren. Es gäbe ein Vakuum, das will ich nicht.

ZEIT ONLINE: Also ist die aktuelle Regierung trotz allem die beste Option?

Dschumblat: Die beste Option… der less worst case . (lacht)

ZEIT ONLINE: Und welche Art der Regierung könnte den Libanon nachhaltig stabilisieren?

Dschumblat: Stabilität ist nicht möglich, wenn man nur auf den Libanon schaut. Vielleicht gibt es eines Tages ein Übereinkommen zwischen Arabern und Iranern in der gesamten Region, das wäre die Voraussetzung. Ein erster Schritt wäre, wenn die Iraner und die Amerikaner ihren Streit etwas abkühlen ließen, es etwas ruhiger angingen.

ZEIT ONLINE: Die USA haben nun auch die syrische Opposition als legitime Vertretung des Volkes anerkannt. War das die richtige Entscheidung?

Dschumblat: Dafür haben sie zwei Jahre gebraucht. Zwei Jahre des Zögerns und der Zurückhaltung. So viele Konferenzen! Und was jetzt?

ZEIT ONLINE: Das frage ich Sie.

Dschumblat: Es ist Zeit, dass dieses Regime der Unterdrückung verschwindet. Das syrische Volk kann sein Schicksal selbst in die Hand nehmen, aber die Gegner Assads sollten ihre Anstrengungen vereinen, um ein stabiles Syrien zu ermöglichen. So lange einige Mächte von außen eine ganz andere Agenda verfolgen, wird es schwer. Die andere Achse, die Russen und Iraner, stützt das Regime noch immer mit Waffen und Geld. Es ist ein Wunder, dass das syrische Volk immer noch kämpft und Widerstand leistet.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle kann der Westen spielen? Bessere militärische Unterstützung?

Dschumblat: Das habe ich immer gesagt. Ja, die Rebellen brauchen mehr Hilfe, aber eine militärische Intervention unterstütze ich nicht. Die großen Mächte müssen sich klar werden, was sie in Syrien wollen. Sie können helfen, die Rebellen zu vereinen. Das geht jedoch nur, wenn sie wirklich alle Gruppen zusammenbringen und anhören.

ZEIT ONLINE: Gibt es noch etwas, das Assad selbst tun kann? Oder ist dieser Krieg inzwischen eine Frage von Leben oder Tod für ihn?

Dschumblat: Assad ist mir egal. Meine Sorge gilt nur dem syrischen Volk. Soll er zur Hölle gehen. Vielleicht können ihn die Russen nach Sibirien schicken, oder die Iraner schicken ihn in die Wüste. Aber dank ihrer Hilfe wird Syrien systematisch zerstört. Die größte Lüge, an die der Westen geglaubt hat, war die, Assad sei ein moderater Herrscher, er werde Reformen bringen, Syrien verändern können – das war alles nur Täuschung.

ZEIT ONLINE: Dennoch haben auch Sie versucht, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Dschumblat: Nachdem sie meinen Vater ermordet hatten, bin ich bereits 40 Tage später wieder in Syrien gewesen. Ich hatte keine andere Wahl, ich bin Araber, schauen sie auf die Landkarte. Aber die alte Ordnung im Nahen Osten ist tot, es wird viel Chaos geben, doch es ist gut, dass das arabische Volk aufgewacht ist.

ZEIT ONLINE: Wie sollte ein zukünftiger syrischer Staat aussehen, wenn das Assad-Regime verschwunden ist?

Dschumblat: Ich hoffe, dass Syrien kein konfessionelles System bekommt, wie wir es im Libanon haben. Sie sollten ein pluralistisches System haben.

ZEIT ONLINE: Als würden Sie den Libanon nicht als Modell empfehlen?

Dschumblat: Nein, der Libanon sollte für niemanden ein Modell sein.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. desto länger der westen nicht eindeutig untstützung leistet, desto stärker werden die antiwestlichen und islamistischen Kräfte in Syrien.

    das ist keine Behauptung - sondern leider eine Tatsache, denn ich war bis zum 24.12.2012 selbst vor Ort. Leider interessiert das hier offensichtlich niemanden.

    Fotos:

    http://www.flickr.com/pho...

    Sound:

    https://soundcloud.com/th...

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Habe bis März mit meiner Frau dort gelebt. Habe dort Verwandte und Freunde. Ich stimme ihnen ohne vorbehalte zu, Ich muss mich oft rechtfertigen warum der Westen, der sich so oft als vorbild sieht nicht das nötige unternimmt um ihnen diesen Diktator zu nehmen. Durch die Untätigkeit wenden sich die verzweifelten eben an die stellen denen ein Veto im UN sicherheitsrat egal ist. Das sollte uns nicht egal sein.

    daraus: Solange der Westen islamistische Rebellen/Terroristen entweder direkt oder über die Golfmonarchien unterstützt, wird es weder Frieden und Demokratie in Syrien geben. Die demokratische Opposition in Syrien (CNCD) wird dagegen nicht nur nicht unterstützt, sondern in den Medien verschwiegen, weil sie den Terror ablehnt.

    http://de.wikipedia.org/w...

  2. 2 Leserempfehlungen
  3. Habe bis März mit meiner Frau dort gelebt. Habe dort Verwandte und Freunde. Ich stimme ihnen ohne vorbehalte zu, Ich muss mich oft rechtfertigen warum der Westen, der sich so oft als vorbild sieht nicht das nötige unternimmt um ihnen diesen Diktator zu nehmen. Durch die Untätigkeit wenden sich die verzweifelten eben an die stellen denen ein Veto im UN sicherheitsrat egal ist. Das sollte uns nicht egal sein.

    4 Leserempfehlungen
  4. daraus: Solange der Westen islamistische Rebellen/Terroristen entweder direkt oder über die Golfmonarchien unterstützt, wird es weder Frieden und Demokratie in Syrien geben. Die demokratische Opposition in Syrien (CNCD) wird dagegen nicht nur nicht unterstützt, sondern in den Medien verschwiegen, weil sie den Terror ablehnt.

    http://de.wikipedia.org/w...

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • M.R.K
    • 27. Dezember 2012 14:42 Uhr

    ...wird es nicht soo viele in Syrien geben. Handelt sich doch eher um eine Splittergruppe!?

    • M.R.K
    • 27. Dezember 2012 13:32 Uhr

    ...für das gute Interview...

    Eine Leserempfehlung
    • M.R.K
    • 27. Dezember 2012 14:42 Uhr

    ...wird es nicht soo viele in Syrien geben. Handelt sich doch eher um eine Splittergruppe!?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    eine "Splittergruppe" würde weder im deutschen Wikipedia auftauchen noch nach Kairo eingeladen.

    In meinen Augen ist es die einzig legitime Oppositionsvereinigung, da sie

    1. aus Syrern besteht, die im Land leben (anders als bei den von Katar zusammengekauften Exil-Funktionäre) und

    2. die Anwendung von Gewalt oder Mittel des Terrors ablehnt.

    Für die bewaffnete Opposition gilt m. E. die Einschätzung des Orientexperten Prof. Meyer: eine Mischung aus Deserteuren, Dschihadisten und Kriminellen.

  5. eine "Splittergruppe" würde weder im deutschen Wikipedia auftauchen noch nach Kairo eingeladen.

    In meinen Augen ist es die einzig legitime Oppositionsvereinigung, da sie

    1. aus Syrern besteht, die im Land leben (anders als bei den von Katar zusammengekauften Exil-Funktionäre) und

    2. die Anwendung von Gewalt oder Mittel des Terrors ablehnt.

    Für die bewaffnete Opposition gilt m. E. die Einschätzung des Orientexperten Prof. Meyer: eine Mischung aus Deserteuren, Dschihadisten und Kriminellen.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Kommunisten..."
  6. und nachdem das Regime gestürzt ist muss man eben handeln.

    Syrien ist nicht der Iran,sie haben kaum Bodenschätze.Bleibt nur dem VOlk nach dem Regimesturz deutlich zu machen,das ein westlicher Weg mit Hilfen verbunden ist,die Höher sind als die Hilfen aus den anderen reichen islamischen Staaten,bzw. für die einfache Bevölkerung ein besserer Weg um eigene wirtschaftliche Erfolge zu erzielen.
    Man muss auch in Ägypten viel härter Sanktionieren,wer nicht dem westlichen Ideal von Demokratie folgt oder zumindest dahin strebt,bekommt auch keine westliche Aufbauhilfe.
    Und dann wird man sehen,wieviele sich noch die Scharia wünschen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hisbollah | Bevölkerung | IRA | Libanon | Syrien | Regierung
Service