UmweltpolitikBöden brauchen eine Lobby

Durch Verschmutzung, Erosion und Versiegelung werden unsere Böden knapp. Doch in der Politik fehlt bislang das Bewusstsein für deren existenzielle Bedeutung. von Steffen Bauer

Regeneration von verseuchtem Boden

Regeneration von verseuchtem Boden nahe einer Metallhütte bei der Stadt Tianying in der chinesischen Provinz Anhui.  |  © REUTERS/David Gray

Am 5. Dezember ist Weltbodentag – doch wen interessiert das? Erschließt sich der Sinn beispielsweise des gerade begangenen Welt-Aids-Tages von selbst, sorgt das inflationäre Ausrufen von Welttagen, internationalen Jahren und UN-Dekaden oft nur noch für Achselzucken. Das weiß auch die Welternährungsorganisation ( FAO ), die den bislang nur von Bodenwissenschaftlern begangenen Weltbodentag in diesem Jahr erstmals als offiziellen Welttag der Vereinten Nationen anerkennen lassen will.

Steffen Bauer

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung "Umweltpolitik und Ressourcenmanagement" des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und Deutschlands "Science and Technology Correspondent" für die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung (UNCCD). Das DIE zählt weltweit zu den führenden Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung.

Tatsächlich ist dieses Ansinnen aber weit weniger banal, als es zunächst den Anschein hat, denn anders als beispielsweise Agrarwirtschaft, Bergbauunternehmen oder Bauindustrie haben Böden keine nennenswerte Lobby in Politik und Wirtschaft. Im Gegenteil: Böden erscheinen uns so selbstverständlich wie die Luft, die wir atmen. Genau darin liegt das Problem, auf das der Weltbodentag aufmerksam machen will. Entgegen der landläufigen Wahrnehmung gibt es Böden nicht wie Sand am Meer – im Gegensatz zur Atemluft sind sie nicht nur endlich, sondern sogar knapp. Durch Verschmutzung, Erosion und Versiegelung werden sie täglich knapper.

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Böden sind nur in der Theorie ein nachwachsender Rohstoff: der natürliche Aufwuchs von zwei Zentimetern guter Humuserde dauert rund 500 Jahre – der menschliche Bodenverbrauch ist ungleich rasanter. Nach Angaben der FAO gehen jährlich 24 Milliarden Tonnen fruchtbare Bodenkrume verloren. Das sind mehr als drei Tonnen pro Kopf der Weltbevölkerung! Die UN-Umweltbehörde (UNEP) schätzt, dass allein durch Bodenerosion jährlich bis zu fünf Millionen Hektar nutzbarer Landfläche verloren gehen, was etwa der Fläche Niedersachsens oder der Slowakei entspricht. Auch wenn die wissenschaftlichen Schätzungen über das Ausmaß der globalen Bodendegradation je nach Methode unterschiedlich ausfallen, besteht grundsätzliche Einigkeit darüber, dass die Bodendegradation weltweit rapide voranschreitet.

Agrarproduktion braucht zwingend fruchtbare Böden

Wir bebauen unsere Böden ganz selbstverständlich mit Häusern, Straßen, Fabriken und Shopping Malls; wir pflanzen und ernten darauf unsere Grundnahrungsmittel und weiden unser Vieh; wir legen sie trocken und belasten sie mit Düngemitteln, Pestiziden und giftigen Chemikalien nicht zuletzt durchwühlen wir sie nach kostbaren Bodenschätzen. Spätestens hierbei sollte auffallen, dass Böden weder beliebig austauschbarer Dreck noch im Überfluss vorhanden sind. Das Beispiel der sogenannten Seltenen Erden – hierzu zählen unter anderem die in der High-Tech-Industrie bedeutsamen Elemente Gallium, Indium, Germanium und Scandium – veranschaulicht dies deutlich. Die Nachfrage nach diesen Stoffen wird deren Produktion absehbar deutlich übersteigen. Im globalen Wettbewerb um diese Rohstoffe spielen umwelt- und entwicklungspolitische Erwägungen gegenüber wirtschaftlichen Interessen keine Rolle.

Die unmittelbar entwicklungspolitische Relevanz von Böden wird ohnehin ungleich augenfälliger, betrachtet man ihre Bedeutung für die Welternährung. Die Bekämpfung von Hunger und Unterernährung bedarf angesichts der weiter wachsenden Weltbevölkerung einer steigenden Agrarproduktion ; eine ertragreiche Agrarproduktion braucht wiederum zwingend fruchtbare Böden. Eine beliebige Ausdehnung landwirtschaftlicher Nutzflächen – wie sie durch die Umwandlung von Regenwäldern und Feuchtgebieten gegenwärtig dynamisch voranschreitet – verbietet sich aber schon aus Gründen des Klima- und des Naturschutzes. Der weltweit steigende Nahrungsmittelbedarf müsste demnach noch stärker als bisher durch eine intensivere Bewirtschaftung der bereits vorhandenen Produktionsflächen erfolgen.

Leserkommentare
  1. 1. Danke!

    Guter Artikel.

    Die Menschheit hat es noch nicht geschafft sich selbst auszurotten aber mit der Geringschätzung der eigenen Lebensgrundlagen wie fruchtbarer Böden und der Verschmutzung von Trinkwasser arbeiten wir nach unseren Kräften genau daran.

    4 Leserempfehlungen
  2. Danke auch von mir.

    Wie die Geschichte lehrt, ist der Verlust an gutem Boden sehr fatal für jegliche menschliche Gesellschaft. Berühmte Beispiele sind der Untergang von Babylon (wegen Versalzung), Rom (Abholzung der Wälder für Schiffe, Erosion, Machia) oder auch Oklahoma (Früchte des Zorns lesen).

    Leider stimmt es, dass viele den Boden "wie den letzten Dreck" behandeln. In nicht ferner Zukunft wird die Knappheit an Ackerland sich weit schlimmer auswirken als die prognostizierte Temperaturerhöhung. Denn während höhere Temperaturen (und höherer CO2-Gehalt) zu besserem Wachstum der Pflanzen und damit zu steigenden Ernten führen sollen, muss der Verlust unserer Erde - des "Mutterbodens", wie Gärtner sagen - zwangsläufig zu Missernten und Hunger führen. Leider, und leider fast irreversibel.

    aj

    4 Leserempfehlungen
    • felix78
    • 04. Dezember 2012 19:51 Uhr

    auch wenn der artikel gut ist, fallen mir spontan noch alten und krankenpfleger ein, allgemein das untere drittel der gesellschaft usw..

    nun ja ich muss leider zugeben böden sind bei mir in der liste vertretenswerten dinge in unserem land leider nicht in der top ten

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  3. Anbau von Monokulturen (z.B. Mais) für die Biospritproduktion und Bioenergieerzeugung als wichtigster Faktor für den weltweiten Hunger nach den Missernten.

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    • Kapla
    • 04. Dezember 2012 20:31 Uhr

    und davon ist ja nun mal auszugehen, werden Systeme wie Hydroponik mehr und mehr an Bedeutung gewinnen, da diese hauptsächlich Energie benötigen, keinen guten Boden. Was zwar Schade ist, aber wer zweifelt noch daran?

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  4. Was gern vergessen wird, aber für deren Funktion eine sehr große Rolle spielt, ist das Bodenleben - Bakterien, Pilze, Würmer, Milben, ... - Ohne die Lebewesen und ohne den natürlichen Bewuchs würden viele Böden gar nicht so existieren, wie sie jetzt sind, und wenn man das Bodenleben mit einem Übermaß an Pestiziden, Dünger, Monokultur und vedichtenden Maschinen ruiniert, funktionieren auch die Nährstoffkreisläufe nicht mehr richtig.
    Eine vernünftige Fruchtfolge ist das Mindeste, was ein guter Boden braucht. Ansonsten gibt es auch viele, gerade trockene Regionen, in denen es sich, denke ich, sehr lohnen würde, wesentlich mehr mit ausdauernden Pflanzen zu arbeiten - der lange offen liegende Boden in einer typischen Ackerkultur erodiert dort zu schnell, die Bedingungen für die dort hochwachsenden, exponiert stehenden Pflänzchen sind besonders ungünstig. In großen, verschachtelte, dichten Beständen bieten sich Pflanzen gegenseitigen Schutz.

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    • Morein
    • 04. Dezember 2012 21:21 Uhr

    Etwa 80% der landwirtschaftlichen Fläche werden dafür benutzt, Tiere zu züchten. Auf einem Hektar Land können 22.500 kg Kartoffeln angebaut werden, doch nur 185 kg Rindfleisch können auf der gleichen Fläche produziert werden.

    Die tierische Landwirtschaft ist mit eine der größten Wasserverbraucher in diesem Land. Es werden 20.000 Liter Wasser benötigt, um 1 kg Fleisch herzustellen, aber nur 50 Liter Wasser für 1 kg Weizen. Die verbrauchte Wassermenge für 5 kg Fleisch entspricht dem durchschnittlichen Jahreswasserverbrauch von 2 Personen.

    325.000 km² Regenwald werden jedes Jahr vernichtet, um darauf Tiere für den Verzehr zu züchten. Für jeden "Viertelpfünder"-Hamburger aus Regenwald-Rindfleisch werden 6 m² Land verbraucht.

    Mehr als ein Drittel der gesamten Rohmaterialien und des fossilen Brennstoffes in den USA werden für die Aufzucht von Tieren für den menschlichen Verzehr verbraucht. Die Produktion eines einzigen Hamburgers verbraucht genausoviel fossilen Brennstoff wie ein Kleinwagen für eine Fahrt von 32 km und genug Wasser um 17 mal zu duschen.

    http://vebu.de/alt/nv/nv_...

    Es gibt kein herumreden mehr - schaffen SIE Fakten
    Berufen SIE sich nicht auf die Unfähigkeit von Politikern sondern nehmen SIE die Sache selbst in die Hand !

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Darstellung mag für Landschaftsräume zutreffend sein, die auch das Potenzial für landwirtschaftliche Nutzung aufweisen. Leider wird bei dieser Generalisierung vergesssen, dass es auch Klimazonen gibt, in denen ein großflächiger Ackerbau aus den verschiedensten Geofaktorenkonstelationen heraus nicht möglich ist. Transhumante Weidewirtschaft u.a. bietet sich hier oftmals als einzige Bewirtschaftungsform an. Dies soll kein Argument gegen eine vegetarische Lebensweise sein, nur die Begründung ist zu kurz gedacht.

    Bei dem Kommentar zum Vegetarismus geht es nicht um einzelne Landschaftsräume, die betroffen sind, sondern darum, dass, wenn man es global ansieht, der Konsum tierischer Nahrungsmittel einfach katastrophale Auswirkungen hat. Das ist wirklich nicht schwer zu sehen, wenn man sich mal die Zahlen ansieht. Wir könnten bei weitgehendem Verzicht auf Tierisches soviel CO2 einsparen wie wir mit gobalem Verkehr in die Luft pusten. Jetzt setzen Sie sich mal auf: ist das eigentlich nicht unglaublich? All diese Diskussion um Verbesserung des Verkehrs könnte man sich sparen. Das wäre für Böden, Klimaschutz, Gesundheit und Tiere ein Segen. Ist das so schwer zu sehen?

    • Mortain
    • 05. Dezember 2012 19:47 Uhr

    wo ich allein schon aus Trotz Lust habe, meinen kaum vorhanden Fleischkonsum massiv zu erhöhen. Vieleicht gehe ich gleich einen Monsterburger essen und einen Hot Dog zum Dessert.

    Versiegelung, Stadterweiterungen auf den fruchtbarsten Böden, Industrieanlagen in Gebieten, wo Getreide und Kartoffeln wachsen könnten oder Wälder wären. Das ist hier die Problemstellung und die wäre auch dann vorhanden, wenn alle auf Tofu und Steckrüben umsteigen würden.

    Ich bin dann mal weg.....

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