50 Jahre Élysée-Vertrag: Deutschland und Frankreich müssen auf Augenhöhe sein
Der Fokus auf die EU-Schuldenkrise hat das Verhältnis zwischen Berlin und Paris gestört. Dagegen hilft eine bessere Zusammenarbeit in der Außen- und Sicherheitspolitik.
© Carsten Koall/Getty Images

Kanzlerin Merkel und Staatspräsident Hollande in Berlin, Mai 2012
Es läuft nicht gut zwischen Deutschland und Frankreich. Beide Länder liegen in zahlreichen europäischen Zukunftsfragen weit auseinander. Das ist gerade jetzt, wo das europäische Projekt an einem Scheideweg steht, besorgniserregend. Zweifellos ist die Bilanz der Beziehungen zum fünfzigjährigen Bestehen des Élysée-Vertrags positiv: Kein anderes Staatenpaar ist so eng verbandelt wie Deutschland und Frankreich. Berlin und Paris haben weite Teile des europäischen Einigungsprozesses vorangetrieben und konnten auch bilateral immer wieder Kompromisse finden.
Claire Demesmay leitet das Programm "Frankreich / deutsch-französische Beziehungen" im Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Ronja Kempin leitet die Forschungsgruppe "EU-Außenbeziehungen" bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP).
Heute jedoch bringt der anhaltende Fokus der deutsch-französischen Zusammenarbeit auf Wirtschafts- und Haushaltsfragen – als Folge der EU-Verschuldungskrise – das Verhältnis der beiden Staaten in eine Schieflage. Er beeinträchtigt Deutschland und Frankreich in ihrer Motorfunktion, die Europa dringend benötigt. Hinzukommt die wirtschaftliche Schwäche Frankreichs, die dazu führt, dass sich beide Länder nicht länger auf Augenhöhe begegnen und sich die Gewichte in den deutsch-französischen Beziehungen dauerhaft verändern können. Ende November 2012 hat eine zweite Rating-Agentur die Bonität Frankreichs binnen eines Jahres herabgestuft und im gleichen Zug den europäischen Rettungsschirmen ESM und EFSF ihre Spitzenbonität entzogen.
Zusammenarbeit auf mehr Politikfelder ausweiten
Seit den Anfängen der europäischen Integration sind beide Länder mit unterschiedlichen Machtattributen ausgestattet: Deutschland über seine starke, exportorientierte Wirtschaft, Frankreich über eine ambitionierte Außenpolitik, wie der Einsatz nach Mali gerade zeigt. Das Ausklammern außen- und sicherheitspolitischer Themen aus der gegenwärtigen europäischen Diskussion relativiert den Führungsanspruch Frankreichs in der EU – und stellt seine strukturelle wirtschaftliche Schwäche stärker denn je zur Schau. Der Vergleich mit Deutschland, das sein Wirtschaftsmodell durch die Krise bestätigt sieht, ist für Frankreich demütigend. Die Suche von Präsident François Hollande nach neuen Bündnissen seit seiner Wahl im Mai 2012 lassen sich zum großen Teil aus diesem Unmut erklären.
Obgleich Berlin gegenwärtig besser dasteht als Paris, kann diese Entwicklung nicht im Interesse Deutschlands sein. Für die Bewältigung der Schuldenkrise, aber auch angesichts vieler weiterer Zukunftsfragen braucht Berlin einen zuverlässigen und selbstbewussten Partner an seiner Seite. Die deutsch-französische Zusammenarbeit ist weiterhin alternativlos. Sicher muss Frankreich seine Wirtschaftsprobleme in den Griff bekommen. Doch es wird auf Unterstützung angewiesen sein, auch aus Deutschland. Hinter Hollandes Zauberwort der "solidarischen Integration" stecken Vorschläge, die einen Gedankenaustausch wert sind, etwa die teilweise Zusammenlegung der Arbeitslosenversicherung.
Um Frankreich den Stellenwert eines gleichwertigen Partners zurückzugeben, ist auch die Bereitschaft Deutschlands, die bilaterale Zusammenarbeit wieder auf mehr Politikfelder auszuweiten, entscheidend. Dazu könnte eine intensivere Zusammenarbeit in der Außen- und Sicherheitspolitik beitragen. In dieser Hinsicht ist Mali der nächste große Test. Allerdings kann sich dabei die deutsche Unterstützung auf die Lieferung von zwei Transportflugzeugen nicht beschränken.





dadurch, dass man auch seine Verschiedenheiten akzeptiert.
Zudem kann ich nicht erkennen, warum nun ausgerechnet die Außen- und Sicherheitspolitik eine imaginierte Augenhöhe bewerkstelligen könnte.
Die Autorinnen monieren einerseits, dass zu viel auf die Wirtschaftssituation geschielt würde, messen Frankreich im Vergleich zu Deutschland aber wiederum nur daran. Passt meines Erachtens nicht zusammen.
Mir erscheint es wie ein 'Boxring der Diplomatie' - die Boxer und deren Fans werden immer wieder aufgeheizt, wie toll, wichtig, großartig besonders nur sie wären, wie sie doch alles richtig machten - und dann, wenn die Glocke der nächsten Runde läutet, müssen die Boxer sich doch wieder gegenüberstehen und ihre diplomatischen Fähigkeiten beweisen und liegen wie immer und bei jedem, auf unterschiedlichen Pfaden stärker und schwächer.
Vorschlag: man kann auch eine gemeinsame Sozialpolitik aufbauen, eine gemeinsame Friedenspolitik und auch beim Thema Umwelt stärker zusammengehen.
Sicherheits- und Außenpolitik hat m.E. nichts mit Augenhöhe zu tun, sondern mit pragmatischer Anwendung - gemeinsam sind wir stärker.
Es wäre m.M.n. ein fast schon törichter Fehler, wenn Deutschland sich, wie von den Autoren angeregt, als "Partner" für die im Artikel etwas euphemistisch als "ambitioniert" beschriebene französische Außenpolitik aufdrängte.
Frankreich hat, bedingt v.a. durch seine Vergangenheit, einen völlig anderen Bezug zu bestimmten Regionen dieser Erde als Deutschland. Vornehmlich daraus - und eben nicht primär aus größeren Ambitionen - erklärt sich, wieso die französische Außenpolitik so viel weniger als die deutsche nur auf die EU fokussiert ist.
So ist etwa der Einsatz Frankreichs in Mali aus französischer Sicht sehr wohl verständlich - ein vergleichbares Engagement Deutschlands wäre es aber aus deutscher Sicht gerade nicht. Ähnliches kann bzw. muss man über etliche andere Felder der deutschen bzw. französischen Außenpolitik feststellen.
Anderes gilt, soweit es um eine genuine EU-Außenpolitik geht. Insoweit, da stimme ich den Autoren absolut zu, wäre eine stärkere deutsch-französische Dynamik wünschenswert.
So oder so: Eine (noch) engere liaison franco-allemande lässt sich m.E. weit besser durch eine noch intensiver und nachhaltiger betriebene "inter-innenpolitische" Verflechtung erreichen als jeder Versuch einer gemeinsamen Außenpolitik es könnte.
Energie-Politik?
Koordinierung von Atomausstieg und Atomstrom, russischem und algerischem Gas...
Die gemeinsame Politik im Bereich "Kohle und Stahl" - also Energie und Schwerindustrie - war einst ein Fundament der Europäischen Zusammenarbeit.
In diesem Bereich haben sich Deutschland und Frankreich schon vorher, aber besonders unter Merkel und Sarkozy, völlig auseinanderentwickelt. Hauptsächlich aus innenpolitischem Opportunismus von Madame M.
Davon spricht niemand.
Früher dominierte Frankreich auf dem Gebiet Rüstungsexporte - inzwischen hat die deutsche Konkurrenz überholt ...
Andererseits haben man den merkwürdigen Vorgang um die sukzessive Transformation eines grossen deutschen Pharma- und Chemiekonzerns in einen französischen noch nicht ganz vergessen ...
Höchst (Frankfurt, deutsch) -> Aventis (Strasburg, international) -> Sanofi (Paris, Frankreich)
Und wie war das damals mit Siemens und Alstom und dem französischen Staat ...?
Wie ist es mit dem Tauziehen hinter den Kulissen um Posten und Standorte im Luftfahrt-Konzern EADS ?
Da läuft wohl im Hintergrund so manches ab, was man nicht gerne in der Öffentlichkeit diskutiert.
Stattdessen: Friede, Freude, Eierkuchen, Elysee-Vertrag und gelegentlich "solidarische" Unterstützung bei militärischen Expeditionen ...
Nach 60 Jahren sieht das gegenseitige Verhältnis wohl aus wie bei einem alten Ehepaar - man mag einander nicht mehr so richtig liebhaben, aber für Scheidung und Neuanfang ist es auch schon zu spät ...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren