In den USA gibt es drei Sichtweisen zur deutschen Energiewende: Als grünes Hirngespinst mit fatalen wirtschaftlichen Folgen; als Prozess, in dem die Kosten erneuerbarer Energieerzeugung sukzessive gesenkt werden und Deutschland hohe Risiken als Innovationspionier schultert, während die USA eben diese Übergangskosten vermeiden; und die Energiewende als weitsichtige Innovationsstrategie mit großer internationaler Ausstrahlung. Präsident Obama artikulierte während des Wahlkampfes die dritte Sichtweise: "Wir sollten grüne Innovationen nicht China und Deutschland überlassen."

In Indien und anderen Entwicklungsländern werden erneuerbare Energien oft noch als Nischentechnologien wahrgenommen. Doch auch hier ist das Interesse an der deutschen Energiewende groß. Wenn diese in einer starken Wirtschaftsnation wie Deutschland gelingt, dürfte sie schnell viele Nachahmer finden. Großes Interesse weckt die Energiewende derzeit bei der Weltbank, deren neuer Präsident Jim Y. Kim Investitionen in klimaverträgliche Entwicklung signifikant steigern möchte.

Deutschlands Vorgehen wird oft mit der Mondmission verglichen, die Präsident Kennedy 1961 verkündete. Viele Beobachter werden sich erinnern, mit welchem Aufwand die USA ihren "Aufbruch in ein neues Technologiezeitalter" in ihrer Außenpolitik verankerten. Deutsche Ministerien sind bereits vielfältig, jedoch oft kleinteilig und wenig koordiniert in internationalen Initiativen zur grünen Energietransformation engagiert. Die Energiewende ist noch kein Leuchtturmprojekt der deutschen Außenbeziehungen. Nun muss es um eine klare und weltweit unüberhörbare Kommunikationsstrategie zur Energiewende gehen sowie um die Bündelung und strategische Ausrichtung der Aktivitäten des Entwicklungs-, des Umwelt-, des Wissenschafts-, des Wirtschafts-, des Außenministeriums und des Kanzleramtes.

Einen Club of Low Carbon Pioneers aufbauen

Nur so können transformative internationale Partnerschaften für klimaverträgliche Entwicklung entstehen. Dabei sollte die Regierung nicht nur auf Länder zugehen, die schon von der Energiewende überzeugt sind, sondern auch auf Skeptiker und Neugierige – dies gilt nicht zuletzt für die Zusammenarbeit mit europäischen Partnern. Auch in Deutschland galt bis Fukushima ein Übergang zu einem grünen Energiesystem als Projekt mit geringen Realisierungschancen.

Ziel der deutschen Außenbeziehungen sollte sein, mit starken Partnern einen attraktiven Club of Low Carbon Pioneers aufzubauen, der dazu beitragen würde, den Übergang zu einer klimaverträglichen Weltwirtschaft zu beschleunigen. Dessen Mitglieder sollten ambitionierte Kooperationen eingehen, die wechselseitige Vorteile versprechen wie die Verbindung von Emissionshandelssystemen, gemeinsame Forschungsprogramme zur Energieeffizienz oder die länderübergreifende Ausbildung von Low-Carbon-Architekten, -Ingenieuren, -Verkehrsexperten und -Ökonomen. Für diesen Club bedarf es einer klaren Strategie: Welche Länder sollten Mitglied sein? Welche Vorteile sollen aufgebaut und welche Ziele erreicht werden? Wie offen ist er? Eine wirkungsvolle Energiewende-Außenpolitik braucht viele Mitspieler, aber auch ein klares Kraftzentrum. Nach Lage der Dinge muss dieses Kraftzentrum im Außenministerium oder im Kanzleramt liegen.