ZweistaatenlösungIsrael hat den Nahostkonflikt entpolitisiert

Echte Verhandlungen mit den Palästinensern sind unter einer rechten Netanjahu-Regierung unwahrscheinlich. Die Linke will das zwar, weiß aber nicht wie. von Tamar Amar-Dahl

Maale Adumim

Apartements der Siedlung Maale Adumim im Westjordanland nahe Jerusalem  |  © REUTERS/Ronen Zvulun

Knapp vier Jahre war die letzte Regierung Netanjahu im Amt. In dieser Zeit hatte sie es geschafft, Israel durch ihre Haltung zu Nahost-Verhandlungen international zunehmend zu isolieren. Nun steht eine weitere Amtszeit Netanjahus an und eine Lösung der Palästinenser-Frage scheint in weite Ferne gerückt. Sie ist aber bis heute eines der Grundprobleme des Staates Israel und hängt stark mit der Staatsräson der zionistischen Parteien zusammen, links wie rechts.

Tamar Amar-Dahl

ist eine israelisch-deutsche Zeithistorikerin. Zurzeit arbeitet sie als Junior Fellow am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg Greifswald. Ihr jüngstes Buch "Das zionistische Israel. Jüdischer Nationalismus und die Geschichte des Nahostkonflikts" erschien kürzlich im Schöningh-Verlag.
 

Es wird immer offensichtlicher, dass Israel das Konzept der Zweistaatenlösung grundsätzlich – sprich aus ideologischen und sicherheitspolitischen Gründen – ablehnt. Die Regierung Netanjahu machte sich nicht einmal mehr die Mühe, dies zu verbergen. Und vor allem wird auch deutlich, dass die Ablehnung der Zweistaatenlösung längerfristig das zionistische Konzept gefährdet – da es als jüdischer Staat zu den vorherrschenden bi-nationalen Verhältnissen in Palästina nicht aufrechtzuerhalten wäre.

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Zionistisch sind jene Parteien, welche die zionistische Staatsräson "Ein jüdischer Staat für das jüdische Volk in Erez Israel" ihrer politischen Arbeit zugrunde legen. Die Linken unter ihnen haben trotz dieses Verständnisses eine sogenannte Friedensideologie. Das heißt, der Linkszionismus will angesichts der bi-nationalen Demografie Palästinas die Option einer Verständigung mit dem Nachbarvolk nicht ganz ausschließen, er ist bereit einen beschränkten territorialen Kompromiss in den palästinensischen Gebieten zu machen, sollte ein Gesprächspartner auf der anderen Seite zu finden sein. Doch ist er keineswegs bereit, auf die zionistische Staatsräson zu verzichten. Dies macht die Friedensideologie aus.

Rechtszionisten lehnen die Friedensideologie von vornherein ab

Zu den linkszionistischen Gruppierungen gehören im heutigen Politspektrum Israels traditionell die Arbeiterpartei unter der Führung Shelly Yachimovich sowie die bei dieser Wahl triumphierende Jesh Atid ("Es gibt eine Zukunft") des Journalisten Yair Lapid. Dazu kommen noch Meretz, die die Trennung von Staat und Religion anstrebt, sowie die zwei neu gegründeten Parteien "Die Bewegung" unter Tzipi Livni und Kadima unter Ex-General Shaul Mofaz.

Die rechtzionistischen Parteien dagegen – am bekanntesten sind die Listenverbindung "Likud Israel Beitenu" von Netanjahu und seinem ehemaligen Außenminister Avigdor Liebermann, sowie die religiösen Zionisten "Das jüdische Haus" des Aufsteigers Naftali Benett – teilen mit den Linkszionisten das Staatsverständnis, lehnen aber die Friedensideologie von vornherein ab. Sie halten sie für eine Illusion: Eine Normalisierung der Verhältnisse zwischen Juden und Arabern sei nicht umsetzbar, daher nicht anstrebenswert. Zumal diese mit einem territorialen Preis eingehen muss, was für sie ohnehin ein Verrat an ihrem Staatsverständnis ist. Kurzum: Während die Rechtszionisten sich nicht leisten können, an den Frieden zu glauben, wollen die Linkszionisten auf die ursprüngliche Idee des Zionismus vom Ende des 19. Jahrhunderts nicht verzichten – die Normalisierung der Verhältnisse zu den Nichtjuden.

Leserkommentare
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    • Joe Foe
    • 01. Februar 2013 17:24 Uhr

    für diesen sachlichen Abriss über den Zustand des Zionismus und seine Ausrichtung im Hier und Jetzt. Danke, Tamar Amar-Dahl, dass Sie dem Zionismus etwas Farbe gegönnt haben. Er ist nicht so monolithisch, wie die erklärten "Antizionisten" hier im Forum immer "vermitteln" wollen. Zionismus ist vielfältig, demokratisch und moderner, als es die meisten "Israelkritiker" wahrhaben wollen. Nochmals ein Dank für diesen Artikel.

  2. 2. [...]

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    Antwort auf "[...]"
    • Joe Foe
    • 01. Februar 2013 17:24 Uhr
    3. Danke

    für diesen sachlichen Abriss über den Zustand des Zionismus und seine Ausrichtung im Hier und Jetzt. Danke, Tamar Amar-Dahl, dass Sie dem Zionismus etwas Farbe gegönnt haben. Er ist nicht so monolithisch, wie die erklärten "Antizionisten" hier im Forum immer "vermitteln" wollen. Zionismus ist vielfältig, demokratisch und moderner, als es die meisten "Israelkritiker" wahrhaben wollen. Nochmals ein Dank für diesen Artikel.

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    • 50AE
    • 01. Februar 2013 22:34 Uhr

    Wofür? Das Amar-Dahl ihre Staatsbürgerschaft wegen Israels "Kriegspolitik" weggeworfen hat und nun "Deutsche" sein will?
    Das glaub ich Ihnen nicht.

    Das Apartheidsregime in Südafrika war eine Demokratie.
    Die USA waren zur Zeit der Sklaverei und Seggregation eine Demokratie.
    Die Kolonialmächte England, Frankreich und die Niederlande waren Demokratien. Yugoslavien und Ruanda waren ebenfalls Demokratien.
    Also eine Demokratie ist nicht unbedingt besser geeignet, um solche Probleme zu lösen.

    Für Israel gilt sogar: Rund ~1/3 der Bevölkerung profitiert direkt von der Vertreibung/Ermordung der Palästinenser. Mit jeder neuen Siedlung wird dieser Anteil größer. Ein weiterer Teil profitiert von den billigen Arbeitskräften.

    Wenn man dazu noch die ideologisch Verblendeten hinzunimmt, dürfte es unmöglich sein, gegen so eine starke Masse eine erfolgreiche Politik machen zu wollen. Die Ermordung Rabins ist genau diesem Kontext zuzuordnen. Da mögen ja einige Linke immernoch vom Frieden und Ausgleich mit den Palästinensern und Nachbarn träumen, die notwendigen Konsequenzen zu diskutieren, trauen die sich nicht.

    Israel gleicht immer mehr einem Kreuzfahrerstaat aus dem Mittelalter. Die haben sich dort auch nicht dauerhaft etablieren können.

    das Klischee vom monolithischen Zionismus zu berichtigen, jedoch sind mir die Spektren des Linkszionismus, deren historische Wurzeln, etwa bei Martin Buber, zu wenig erörtert.

    • Bashu
    • 01. Februar 2013 17:58 Uhr

    Frau Amar-Dahl schreibt, es werde keine Kompromisse geben, die den Zionismus - ein jüdischen Staat in einem jüdischen Land - gefährden.
    Ebensowenig werde der Rechts-zionismus auf besetzte Gebiete verzichten.
    Derweil werden unter dem Schutz der Armee weiter Siedlungen gebaut.

    Warum wird nicht offen ausgesprochen, was das bedeutet?
    Ich lese aus diesem Text, dass Israel durch die Siedlungen schlicht eine neue Realität schafft: Wenn es überall im Land jüdische Siedlungen gibt und die Palästinenser überall zu einer Randerscheinung geworden sind, wird es gar keinen Nahostkonflikt mehr geben.

    Deshalb: keine Politik, keine Angebote, keine Gespräche. Die Zwei-Staatenlösung ist tot, aber in Europa scheint's noch niemand gemerkt zu haben...

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  3. "Und vor allem wird auch deutlich, dass die Ablehnung der Zweistaatenlösung längerfristig das zionistische Konzept gefährdet – da es als jüdischer Staat zu den vorherrschenden bi-nationalen Verhältnissen in Palästina nicht aufrechtzuerhalten wäre."
    Wie, wo, wann und weshalb? Das steht jetzt einfach so im Raum, nur sollte es doch verwundern, weshalb dann "immer offensichtlicher wird, dass Israel das Konzept der Zweistaatenlösung grundsätzlich ablehnt." Die Israelis wissen am besten, was ihrem Volke zuträglich ist. "Friedensverhandlungen" mir der anderen Bi-nationalität bestimmt nicht, sofern jeder kleine Fortschritt mit Raketenhagel beantwortet wird.
    Die Zweistaatenlösung ist klinisch tot, das sagen auch die Palästinenser, die sich darüber hinaus noch selbst aufgespalten haben. Mitlerweile bräuchte man also mindestens eine Drei-Staatenlösung, wofür man geschätzte weitere 100 Jahre Verhandlungen bräuchte. Ist also reine Utopie, da kommt man niemals hin. Insofern ist "ein jüdischer Staat für das jüdische Volk in Erez Israel" als Einstaaten-Lösung die einzige gangbare Alternative.

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    • Bashu
    • 01. Februar 2013 18:57 Uhr

    Nein, ich meine nicht die Juden, sondern die Palästinenser.

    Geschichte kann sehr zynisch sein.

    Welch ein Unsinn! Soll Eroberungs- und israelische Kolonialisierungspolitik auch noch belohnt werden? Man soll also einfach weiter achselzuckend hinnehmen, dass über 4 Millionen Palästinenser in Unfreiheit und unter Besetzung zu leben haben? Es ist die Uneinsichtigkeit der USA, die Uneinigkeit innerhalb der EU, sowie die Einseitigkeit Deutschlands, die das jetzige Nichtbeachten der Palästinenserfrage einfach unkritisch hinnehmen. Darüber hinaus wohnen noch hunderttausende in Flüchtlingslagern in Nachbarländern oder sind Flüchtlinge im eigenen Land. Die Apartheidpolitik Israels darf ganz einfach nicht länger Unterstützung finden.

    • Bashu
    • 01. Februar 2013 18:57 Uhr

    Nein, ich meine nicht die Juden, sondern die Palästinenser.

    Geschichte kann sehr zynisch sein.

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    • zfat99
    • 01. Februar 2013 19:26 Uhr

    ... auch so viel Aufmerksamkeit geschenkt wäre, könnte man fast glauben, dass die Israelkritiker wirklich Israel kritisieren.

    • MaxS2
    • 04. Februar 2013 16:01 Uhr

    ...entstehen oft schlichtweg durch unkontrolliertes Bevölkerungswachstum, wie es z.B. bei den Palästinensern geschehen ist: Aus wenigen hunderttausend wurden in wenigen Jahrzehnten Millionen. Wenn man sich dann darüber beklagt, dass ein "Volk kein Land hat", sollte man die Schuld nicht nur bei anderen suchen.

    Ja dies wäre nicht passiert wenn die Palistinänser 48 der 2 Staaten-Lösung zugestimmt hätten und nicht einen Krieg begonnen und eben diesen verloren hätten.

  4. Ein Artikel über den Zionismus...unglaublich.

    Liebe ZEIT...meine Hochachtung!

    Es ist wirklich erschreckend, wie wenig diese Ideologie im Bezug auf den Nahost-Konflikt thematisiert wird.

    Auffallend und ich glaube auch tonangebend ist der revesionistische Zionismus nach Wladimir Jabotinsky.

    Das rechte Spektrum um Netanjahu gehört dieser Ideologie an. Netanjahus Vater war Anhänger und enger Mitarbeiter von Jabotinsky, der mit seiner Schrift "The Iron Wall" diese Ideologie ins Leben gerufen hat.

    Der Kern:
    Wir glauben dieses Land gehört uns, weil das in religiösen Mythen so gelesen werden kann. Und zwar auf beiden Seiten des Jordan. Da die dort lebenden Menschen sich nie damit abfinden werden dass wir uns dieses Land nehmen, müssen wir uns mit extremer militärischer Überlegenheit durchsetzen. Um Racheakten entgegen zu wirken, müssen wir die Eiserne Mauer errichten (Iron Wall/Iron Dome). Widerstand muss zu schmerzhaft sein.

    http://en.wikipedia.org/w...

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    • zfat99
    • 01. Februar 2013 19:22 Uhr

    "Eine Normalisierung der Verhältnisse zwischen Juden und Arabern sei nicht umsetzbar, daher nicht anstrebenswert."

    Das Problem ist heute nicht lösbar, die Idee der Zwestaatenlösung war von vornherein falsch. Man lebt nebeneinander. Der Westen sollte langsam verstehen, dass die Araberfrage in Judea, Samaria und Gaza nicht das Hauptproblem der Israelis sei. Erst wenn die Araber sich ihre Terrororganisationen selbst entledigen und geschäftsfähige Vertretung wählen, kann man miteinander reden. Vorher ist jede Verhandlung sinnlos. Man muss warten, auch wenn es Generationen dauert.

    Eigentlich einfach.

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    Erst wenn die Araber sich ihre Terrororganisationen selbst entledigen und geschäftsfähige Vertretung wählen, kann man miteinander reden. Vorher ist jede Verhandlung sinnlos.

    Sie vertauschen hier Ursache und Wirkung. So einfach ist das.

    Die Radikalisierung der Palästinenser in Form von Hamas oder noch radikaleren Gruppen ist eine Folge der Politik Israels. Durch die Abkanzelung "das sind doch alles Terroristen" hat man nicht nur der Diplomatie abgeschworen. Man hat auch die Palästinenser in die Arme dieser Organisationen getrieben.

    Meinen Sie ernsthaft die Hamas hätte diese Unterstützung, wenn Israel die Diplomatie wieder aufnehmen würde?

    Nicht nur der Nahe Osten ist sich einig, wer an der Lage die Hauptschuld trägt. Ein überwältigender Teil der Menschheit gibt israel die Schuld. Und sie haben Recht.

    So einfach ist es nicht, denn die Palästinenser werden sicher nicht tatenlos zusehen, wie ihr Land weiter besiedelt und sie selbst weiter entrechtet und vertrieben werden. Israel schafft sich doch seinen Terror selber. Würde es dabei nicht von den USA so bedingungslos unterstützt, so könnte es schon eine Zwei-Staaten-Lösung geben, dafür sitzen aber zu viele "Freunde Israels" in New York und Washington.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

    man muss einfach betrachten, das auf beiden Seiten nicht wirklich jemand steht der geeignet ist die Verhandlubgeb zu führen und durchzusetzen. Man muss aber differenzieren und zum Schluss kommen, das Israel die einzige Partei ist, die menschenrechtlich "Abgesichert" ist. Die Terrorgruppen, behaupten zwar Freiheitskämpfer zu sein, aber es geht den Anführern nur darum selber zu regieren. Ich sehen schon die Zukunft in der die Terrorgruppen den israelischen Staat niederstrecken und die Welt ein Völkermorden sieht, wie schon lange nicht mehr. Ja und dann, wenn dieser Konflikt vorbei ist, schlachten sich die einzelnen Terrorgruppen selber ab, ohne Rücksicht auf Zivilverluste. Am endefekt wird sich das Selbe wie im ganzen Restlichen Nahen Osten derzeit abspielen, ein rießiger Bürgerkrieg und uns wird es dann sehr Leid tun, wenn auch diese Einsicht erst eintreffen wird, wenn es längst zu spät ist. Und alle unsere Nachfahren werden uns, für unsere Unfähigkeit verdammen.

    In meinen Augen ist das genau das Denken, das mehrere der sechs ehemaligen Shin Bet-Chefs in der hervorragenden Doku "The Gatekeepers" als so fatal erkannt haben.

    Israel muss sich wohl oder übel irgendwann entscheiden, was es WIRKLICH will:
    Strategie - oder Taktik? Frieden - oder ein zur selbsterfüllenden Prophezeiung verwandeltes, selbstgerechtes und selbstmitleidiges "Alle hassen uns und so wird es (zwischen den Zeilen: hoffentlich?) immer bleiben"-Selbstverständnis?

    Variante 2 wird Israel über kurz oder lang in die Katastrophe treiben (wie es der eine Shin Bet-Chef am Ende des Films so prägnant ausdrückt: "Wir gewinnen jede Schlacht - und verlieren dabei den Krieg").

    Eigentlich einfach.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Israel | Die Linke | David Ben Gurion | Tzipi Livni | Palästina
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