Nun warnt die zionistische Linke zwar stets davor, dass Netanjahus Politik gefährlich sei. Doch gleichzeitig schweigt sie zu den entscheidenden Fragen des Palästina-Konflikts. Weil das ein politisch vermintes Thema ist, wollen sich die linken Parteien gleichzeitig als Parteien der Mitte verstanden wissen. Sie wollen den Konflikt, die Besatzungspolitik, das endgültige Staatsgebiet, die Verhältnisse zu den Palästinensern und den arabischen Nachbarn, nicht zum Politikum machen.

Im übrigen kann der Linkszionismus das auch gar nicht, denn er hat die politische Sprache hierzu nie gehabt. Die Entpolitisierung des mit dem Konflikt verbundenen Fragenkomplexes hatte bereits der erste Premier Israels David Ben Gurion in den 1950er Jahren durchgesetzt. Über die Jahrzehnte hinweg verfestigte sich diese Denkstruktur: Die Sicherheitspolitik wird grundsätzlich als ausschließlich militärische Angelegenheit gesehen. Das Militär bestimmte die Grenzen des Staatsgebiets (die Eroberungskriege von 1948, 1956 und 1967) und es ist auch für deren Erhalt und die Besiedlung zuständig.

Wegen der Staatsräson sind Große Koalitionen normal

Das Gelingen des zionistischen Projekts in Palästina sah gerade das linkszionistische Israel in einem engen Zusammenhang mit militärischer Stärke. Die Sicherheitspolitik als eine Angelegenheit von Sicherheitsexperten in Regierung und Militär wurde daher im Laufe der Jahre zum Merkmal der politischen Ordnung und Kultur. Die Knesset, die Parteien und schließlich die Öffentlichkeit wurden de facto ausgeschlossen, obwohl sie offiziell angesichts der demokratischen Strukturen von Mehrparteiensystem und Pressefreiheit sehr wohl etwas zu sagen hätten.

Doch die politische Sprache wollte nicht gelernt werden – der Konflikt ist daher entpolitisiert. Und da dies sowohl für das linkszionistische wie das rechtszionistische Israel gilt, sind hier Große Koalitionen keine Ausnahme. Zusammen mit dem religiösen Zionismus verfolgten alle israelischen Regierungen seit der Staatsgründung die zionistischen Aufgaben der Eroberung und Besiedlung des als jüdisch begriffenen Landes mit der inzwischen bekannten offensiven Sicherheitspolitik. Daran wird sich in den nächsten Jahren nur wenig ändern – ob nun unter einer rechtskonservativen Regierung unter Netanjahu oder in irgendeiner anderen Koalitionskonstellation.