New-York-Times-Hack : Chinas Attacke auf die Ahnungslosen
Seite 2/2:

Es gab viele Gründe, nach Maulwürfen zu suchen

Am Tag der Veröffentlichung meldete AT&T bestimmte Aktivitäten, wie sie bereits von anderen Angriffen bekannt waren, die wahrscheinlich vom chinesischen Militär verübt wurden. Die Times und AT&T versuchten dann, die Eindringlinge wieder aus ihrem Netzwerk zu bekommen, ohne dabei aber das Ausmaß des Angriffs zu erkennen. Als knapp zwei Wochen später klar war, dass die Angreifer weiterhin im System waren, beauftragte das Medienhaus die Firma Mandiant mit der Abwehr. Die halfen dabei, die Machart der Attacke zu verstehen und das Netzwerk gegen weitere derartige Angriffe abzusichern. Gänzlich sicher kann so ein System aber nicht sein, so lange die Benutzer verseuchte E-Mails öffnen.

Was aber soll der ganze Aufwand? Ein Angriff auf die freie Presse ist nicht nur schlecht fürs Image. Er birgt auch die Gefahr diplomatischer Verwicklungen zwischen Washington und Peking. Ein Grund für die Attacken dürfte daher im Zeitpunkt der Veröffentlichungen liegen, denn 2012 wechselte die Parteielite ihre Führung aus. Es war die Zeit, als in der Nomenklatura ein unübersehbarer Machtkampf herrschte.

Beide Politiker, Wen Jiabao und Xi Jinping, über deren Familien berichtet wurde, haben den Ruf, integre Menschen zu sein. Wen Jiabao stammt zudem aus einfachen Verhältnissen, er hat in seiner Amtszeit regelmäßig Sozialreformen angemahnt und die Korruptionsbekämpfung hoch auf die Agenda gesetzt, beispielsweise während des Nationalen Volkskongresses 2007. Eine Veröffentlichung über die Anhäufung riesiger Vermögen von Parteifamilien untergräbt solche Ansagen.

2012 stürzte Politbürokandiat Bo Xilai

Zudem hatte Times-Autor David Barboza in seinem Artikel zwar weder Wens Familie, noch ihn selbst irgendwelcher illegaler Aktivitäten bezichtigt. Dennoch stellt das Verhalten der Wen-Familie ein Problem dar, wie es Donald C. Clarke, Experte für chinesisches Recht, darlegt: Wen hat Regeln der inneren Parteidisziplin verletzt, wonach er hätte verhindern müssen, dass Verwandte von ihm sich in Geschäftsbereichen engagieren, die seiner Aufsicht unterstehen. Als Premier Chinas dürften das aber praktisch alle Geschäftsfelder sein.

Ein Verstoß gegen die Parteidisziplin wiederum kann in China Karrieren zerstören und im politischen Machtgerangel gegen einen verwendet werden. Und genau ein solcher durchzog eben die Parteiführung 2012, als ausgekungelt wurde, welche Fraktionen welche Posten im neuen Politbüro und darunterliegenden Parteigremien besetzten dürfen. Der Sturz des prominenten Politbürokandiaten und Populisten Bo Xilai in der Megastadt Chongqing war nur die augenfällige Spitze dieser Auseinandersetzungen. Bo und seine Frau hatten gigantische Vermögen angehäuft, die mit normalen Mitteln aus ihren Posten und Berufen nicht möglich waren.

Aus Sicht der Parteiführung gab es also viele Gründe, nach Maulwürfen zu suchen, die Informationen an die freie Presse im Westen weitergeben. Obwohl NYT-Autor Barboza sagt, er hätte für die Recherche nur öffentlich zugängliche Dokumente verwendet, kann man davon ausgehen, dass er auch interne Informationen aus der chinesischen Nomenklatura zugesteckt bekommt.

Weil in China die soziale Gerechtigkeit mit den kapitalistischen Reformen abgenommen hat und gleichzeitig massive Korruption die Bürger bedrängt, sorgen Veröffentlichungen wie jene der Times in der Pekinger Führung für Nervosität. Auch Chinas Mikroblogs sind heute voll von Berichten über Korruption von meist lokalen Kadern, manche Berichte werden zensiert, andere nicht. Auf die chinesischen Teile der Digitalnetze haben die Pekinger Behörden eben noch Zugriff. Auf die außerhalb des Landes muss im Zweifel auf Hacker zurückgegriffen werden.

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Berufsverbot für die Familie?

"Wen ... hätte verhindern müssen, dass Verwandte von ihm sich in Geschäftsbereichen engagieren, die seiner Aufsicht unterstehen. Als Premier Chinas dürften das aber praktisch alle Geschäftsfelder sein."

Hmmm, klasse recherchiert & geschrieben. Sehr schlüssig, sehr glaubwürdig.

Haben sie so eine Software auf ihrem Rechner gefunden?

Ach, haben sie so eine Software auf ihrem Rechner gefunden? Nein? Werden ihre Telefonate aktiv tagtäglich abgehört? Nein?
Werden sie von dubiosen Männern beschattet? Nein?

Nein!

Und wenn ja, liegts daran, dass bei ihnen der erwiesene Verdacht besteht, dass von ihnen Gefahr für die Republik ausgeht.

Das ist der Unterschied BRD - China