Nordirland : Krawalle in Belfast werfen schlechtes Licht auf die Politik

Die Krawalle in Belfast zeigen: Der Frieden in Nordirland ist brüchig. Hinter dem Streit über die britische Flagge steckt mehr als die Wut von Fanatikern.

Die Proteste im nordirischen Belfast gingen am Montagabend bereits in ihre fünfte Nacht. Wieder zogen zornige probritische Loyalisten vor das Rathaus, wo der Stadtrat tagte. Sie fordern, die Abgeordneten mögen ihre umstrittene Flaggenentscheidung rückgängig machen. Die Demonstranten wollen, dass die britische Flagge, der Union Jack, wie seit mehr als 100 Jahren weiterhin täglich über dem prachtvollen Bau aus viktorianischen Zeiten flattert. Die Politiker hingegen hatten Anfang Dezember verordnet, sie solle nur noch an besonderen Tagen aufgezogen werden. Ein solcher Anlass wäre etwa am Mittwoch gegeben: Kate, Ehefrau von Prinz William, feiert ihren Geburtstag.

Die Polizei hatte die Umgebung des Rathauses hermetisch abgeriegelt. Der eigentliche Protest verlief wie in den Nächten zuvor friedlich. Doch danach brach in benachbarten Stadtvierteln Randale aus. Rivalisierende Gangs probritischer Loyalisten und proirischer Republikaner lieferten sich Straßenkämpfe bis spät in die Nacht hinein. Jugendliche, oft nicht älter als zehn oder elf Jahre, fackelten Autos ab, demolierten Geschäfte; auf die Polizisten prasselten Molotowcocktails und Pflastersteine ein. Führer loyalistischer paramilitärischer Organisationen wie UDA und UVF hätten die Auseinandersetzungen regelrecht angestachelt, sagte die nordirische Polizeiführung.

Radikalisierung auf beiden Seiten

15 Jahre nach Abschluss des Belfast-Abkommens sieht es so aus, als wiederhole sich die Geschichte, als falle Nordirland zurück in frühere, schlechte Gewohnheiten. Die Demonstrationen der vergangenen Tage und Wochen – die ersten Flaggenproteste begannen Mitte Dezember – deuten auf eine Radikalisierung loyalistisch-protestantischer Bevölkerungsgruppen hin, jenes Segmentes der protestantischen Arbeiterklasse, das Soziologen als "underclass" bezeichnen.

Im vergangenen Jahr hatten bis dahin eher Aktivitäten auf katholisch-republikanischer Seite Anlass zur Beunruhigung gegeben. Diverse Splittergruppen und Dissidenten, die sich dem Friedensprozess von Anfang an verweigert hatten, taten sich in einem Dachverband zusammen. Die "Real IRA", die noch ältere "Continuity IRA" und andere wollen den blutigen Kampf um die irische Einheit fortführen, wie hoch der Preis auch sein möge. Bislang vergeblich versuchten sie, ein "spectacular" zu inszenieren, wie es etwa ein Bombenanschlag mit etlichen Toten wäre. Die einzigen Erfolge ihres mörderischen Treibens waren 2012 jedoch die Morde an einem protestantischen Gefängnisbeamten und einem katholischen Polizisten.

Mehrheitsparteien wirken wenig glaubwürdig

Jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich bei einigen Loyalisten eine Haltung gegenüber der nordirischen Polizei herausbildet, die sich kaum mehr vom mörderischen Hass republikanischer Extremisten unterscheidet. Ein führender Repräsentant der Loyalisten bestätigte dies: Er hatte auch den Mut, die eigenen Leute vor der "Illusion" zu warnen, Proteste könnten den umstrittenen Flaggenbeschluss von Belfast umstoßen. Eine Veränderung sei nur an der Wahlurne zu erreichen, meinte er – eine wohltuende Stimme der Vernunft, die womöglich mehr Wirkung erzielt als alle bisherigen Appelle nordirischer Regierungsvertreter, ob von Sinn Fein oder den Demokratischen Unionisten.

Eine interessante Erklärung für den mangelnden Einfluss der beiden Mehrheitsparteien gibt Professor Paul Bew, Historiker an der Queen's University Belfast: Wenn Sinn Fein Gewaltakte republikanischer Dissidenten verurteile, erinnerten sich viele Menschen daran, wie die Partei jahrzehntelang eben solche Taten unterstützt habe. Und auch den Demokratischen Unionisten, die mit Peter Robinson den Regierungschef stellen, mangelt es an Glaubwürdigkeit, wenn sie Unruhen verdammen: Gewalttätige Proteste gehörten ebenso bei ihnen über viele Jahre hinweg zum politischen Arsenal.

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Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Was will eigentlich England noch mit dieser Enklave

, es gehört geografisch und politisch eigentlich längst zu Irland, wie die Falkland-Inseln zu Südamerika und sollte daher zurückgegeben werden wie Honkong den Chinesen.
Das Empire ist längst Geschichte wie der Habsburger Vielvölkerstaat, trozdem oder gerade Deshalb klammern sich die Briten mit aller Macht an den Resten und Herlichkeit einstiger Allmacht.
Vom überdimensionierten Königshaus über einen Falklandkrieg bis zur EU Skepsis es hat die gleiche Ursache , die Angst ein ganz normaler Staat unter Anderen sein zu müssen.
Sie sollten wirkliche "Größe" Zeigen und die alten Zöpfe im neuen Jh Abschneiden.