Das bedeutet nicht, Premier Peter Robinson und sein Stellvertreter Martin McGuiness meinten es nicht ernst, wenn sie die Ausschreitungen verdammen. Sie meinen es bitterernst, allein wegen möglicher gravierender wirtschaftlicher Folgen für Nordirland: Geschäftsinhaber in Belfast beklagen massive Umsatzverluste während des Weihnachtsgeschäftes; amerikanische Touristengruppen stornieren unter Verweis auf die "gefährliche Situation" ihren geplanten Aufenthalt im Europahotel und gehen stattdessen nach Dublin.

Schlimmer noch: Dringend benötigte ausländische Investoren könnten abgeschreckt werden durch die Fernsehbilder, die rund um die Welt gingen. Ohne sie sieht die wirtschaftliche Zukunft der Provinz alles andere als rosig aus. Im Süden die irische Republik, schwer angeschlagen und hoch verschuldet – wenn sie auch mit enormer Kraftanstrengung versucht, sich aus der Krise zu befreien. Im Osten Großbritannien, das mit vielen Milliarden die Provinz jahrzehntelang ausgehalten und seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 noch mehr Geld ausgegeben hat, um die Streitparteien zu befriedigen und den fragilen Frieden abzusichern. Jetzt ringt London mit hoher Staatsverschuldung und strukturellem Haushaltsdefizit. Selbst wenn es wollte, könnte Großbritannien kein zusätzliches Geld für die Provinz aufbringen. Die Kassen sind leer.

Protestanten sind verunsichert

Eine Rückkehr zum offenen Bürgerkrieg, zu einer Lage vergleichbar der in den siebziger und achtziger Jahren wird es in Nordirland dennoch nicht geben. Wohl aber wird der Kampf um Symbole und die Deutung der Vergangenheit weitergehen und an Schärfe eher noch zunehmen. Mitchell MacLaughlin, führender Vertreter von Sinn Fein, enthüllte die Strategie seiner Partei vor einigen Jahren eher unfreiwillig. Bedrängt vom Interviewer der BBC, antwortete er sehr hastig auf die Frage, was denn Sinn Fein auf dem Verhandlungsweg überhaupt erreicht habe für ihre Anhänger: "ein Ausmaß von Unsicherheit und das Fehlen von Selbstvertrauen bei den Protestanten".

Das Selbstvertrauen der Protestanten ist ohnehin seit geraumer Zeit nicht mehr sonderlich ausgeprägt. Sie halten starr an alten Ritualen und Strategien fest, sehen sich auf der Verliererstraße der Geschichte – als so etwas wie ein verlorener Stamm Nordirlands, nicht englisch, nicht irisch, ohne wirkliche Freunde. Und vor allem ohne die breite Unterstützung, die dem katholischen "underdog" fast automatisch und oft unkritisch-naiv zufloss.

Keine Mehrheit für irische Einheit

Zwar stellt das Karfreitagsabkommen von 1998 den Verbleib Nordirlands bei Großbritannien so lange sicher, bis eine Mehrheit in beiden Teilen der grünen Insel dies ändern will. Doch die Protestanten sind sich schon lange bewusst, dass Großbritannien letztlich froh wäre, könnte es sich der nordirischen Bürde entledigen. Besonders stark empfinden das die Loyalisten der Arbeiterklasse, die den Anschluss an neuere ökonomische Zeiten verpasst haben, sich nutzlos und ausgegrenzt fühlen.

Dass der Traum von der irischen Einheit, der Albtraum der Unionisten, in Erfüllung gehen wird, ist unwahrscheinlich. Für Sinn Fein und IRA ist das ein Problem. Sie hatten ihre Hardliner mit dem Verweis auf die vielversprechende demografische Entwicklung dazu bewegen können, die Waffen niederzulegen. Doch das erwies sich als voreilige Hoffnung: Im Süden, der irischen Republik, existiert der Wille zur Einheit nicht; in Nordirland gibt es keine Mehrheit, obwohl der Anteil der Protestanten auf knapp 42 Prozent geschrumpft ist und nur unwesentlich über dem der Katholiken liegt.

Wenn Hitzköpfe Symbolpolitik machen

Deshalb sind solche anti-britischen Entscheidungen wie in Belfast so wichtig für Sinn Fein. Es spielt ihr in die Hände, wenn ein Spielplatz nach einem verurteilten IRA-Terroristen benannt wird, der sich zu Tode hungerte, wenn Statuen historischer protestantischer Figuren abgebaut und dafür neue Denkmäler für IRA-Kämpfer errichtet werden, wenn die Gaelisierung der Provinz voranschreitet. In acht Stadt- und Landkreisen Nordirlands wird der Union Jack überhaupt nicht mehr aufgezogen, dafür weht dort die irische Flagge.

Diese Politik der Symbole ist gewiss besser als Gewalt und offener Bürgerkrieg, aber auch sie birgt Risiken. Zumal dann, wenn sie von Hitzköpfen in lokalen Stadt- und Gemeinderäten allzu triumphalistisch vollzogen wird. Das haben die Krawalle in Belfast gezeigt.