Syrien : In Aleppo gewöhnt man sich an die Schüsse

Bäckereien und Krankenhäuser sind beliebte Angriffsziele. Ärzte sind geflohen, der Müll bleibt liegen. Boris Niehaus hat fünf Tage lang in Aleppo fotografiert.
Eine Straße in Aleppo © Bo Niehaus

Boris Niehaus' liebster Ort ist die Straße. Der Fotograf dokumentiert sonst Street Art: Graffitis und geklebte Bildchen. Aber für seine letzte Reportage Ende Dezember vergangenen Jahres, reiste der Berliner nach Aleppo.

Aus Aleppo, dem antiken Weltkulturerbe, der Nordmetropole Syriens, sind viele Einwohner geflohen. Wer geblieben ist, den plagen Gewalt, Stromausfälle und der Mangel an Nahrungsmitteln. Niehaus' Bilder führen durch eine aschgraue Matschlandschaft. Er zeigt ausgebrannte Krankenwagen, Müllberge, die sich von der Peripherie ins Stadtinnere türmen und Assads Scharfschützen, die sich in der mittelalterlichen Zitadelle verschanzen.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © Bo Niehaus

Fünf Tage blieb der 29-Jährige mit seinem Kollegen Thomas Rasslow in Aleppo. Er hat Familie in Syrien und sein Begleiter hat gute Kontakte. Trotzdem sei die Reise ein Sprung ins kalte Wasser gewesen. "Richtig vorbereiten kann man sich nicht", sagt der Fotograf. "Obwohl wir für alles einen Plan hatten."

Rasslow organisiert einen sogenannten Fixer, einen Ortskundigen, der Wege, Leute und Risiken kennt. Er heißt Mahmud und bringt Niehaus, Rasslow und zwei weitere Journalisten in einem Autobus nach Aleppo. Doch vorher muss die Gruppe die türkisch-syrische Grenze passieren – ob das klappt, ist anfangs unsicher. Die FSA (Freie Syrische Armee), die den Posten bewacht, will unliebsame Berichte vermeiden, von schwarzen Listen ist die Rede. Aber nach einer kurzen Prozedur dürfen sie durch.

6.000 Menschen wollen in die Türkei

Kurz nach der Grenze stoßen sie auf ein Flüchtlingslager. Zwischen Zelten, die wie Halbmonde aus dem Platz ragen, sind Wäscheleinen gespannt. Knapp 6.000 Menschen warten hier darauf, in die Türkei aufgenommen zu werden. Niehaus erzählt von seiner Angst. Er denkt an die 35 Journalisten, die seit Beginn der Aufstände getötet wurden und an die Warnungen syrischer Freunde vor den gefürchteten Schabiha-Milizen, Assad-treuen Geheimdienstlern. Sie sollen zivil auftreten, Menschen von der Straße abfangen und foltern.

Auf der Weiterfahrt hören sie Schüsse. Niehaus gewöhnt sich später an das "diffuse Grundrauschen". Wie die anderen trägt er schusssichere Weste und Helm. Ob Mahmud vor den Schabihas (deutsch: Geister) keine Angst habe, fragt Niehaus. Nein, antwortet der Mann, der vor den Aufständen als Englischlehrer arbeitete. Er sei unter den ersten 50 gewesen, die in Aleppo demonstriert hätten und bereits zweimal verhaftet worden, einmal für knapp drei Monate. "Nein, ich habe keine Angst. Wir Syrer sind tapfere Leute."

"Normal reisen kann man nicht", sagt Niehaus. Der Bus hangelt langsamer als geplant auf Schleichwegen, um nicht in die Kämpfe hineinzugeraten. Auf halber Strecke steigt eine belgische Journalistin zu. Sie berichtet von einer Militärakademie im Nachbardorf Muslimiyeh, die von der FSA eingenommen worden sein soll. Niehaus und die anderen einigen sich auf die Zwischenstation.

In Muslimiyeh sehen die Journalisten, wie die FSA Waffen, aber auch Fernseher und andere Gegenstände beschlagnahmt. Sie sprechen mit den Rebellen. Plötzlich taucht ein Kampfjet auf. Was dann passiert, dafür fehlt Niehaus lange das passende Gefühl. Der Jet wirft eine Fliegerbombe ab, die den Ort in Rauchschwaden hüllt. "Es war ohrenbetäubend laut, überall Panik." Die Gruppe flieht in den Bus, der sie nach Aleppo und in das improvisierte Pressehaus bringt.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Eigentlich wollte ich es nicht verraten...

...aber ich arbeite für den syrischen Geheimdienst und wir bauen gerade eine "Internet-ProAssad-Brigade" auf.

Durch das viele Geld das ich mit meinem Kommentaren verdiene habe ich jetzt auch noch Probleme mit dem Finanzamt in Deutschland. Glücklicherweise habe ich aber die Tage meinen russischen Pass bekommen.

P.S. Wer Ironie findet darf sie behalten ;-)