Wenn einmal die Geschichte dieses Linksrucks geschrieben wird – Chávez würde an erster Stelle auftauchen, als Gründungsvater, aber auch als Finanzier. Und gerade das bereitet der Region nun Sorgen. Eine Instabilität Venezuelas könnte den Kontinent erschüttern. Kürzlich erst hat die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner überraschend Havanna besucht. Brasilianische Regierungsvertreter sollen bereits Neuwahlen in Venezuela verlangt haben, falls der Präsident stirbt. Viele Politiker hängen vom Schulterschluss mit Hugo Chávez ab, einige Länder von seinem billigen Öl.

Jedoch: Tragen kann Venezuela ein von den USA unabhängiges Lateinamerika nicht – weder finanziell noch politisch. Vielmehr hat der Oberst seinen eigenen Staat ins Chaos gestürzt und die Gesellschaft gespalten. In Städten und auf dem Land wimmelt es von glühenden Verehrern wie von hasserfüllten Gegnern. Alle streiten über Politik, über Chávez. Die Kluft zwischen Arm und Reich wollte er schmälern, stattdessen hat er sie vergrößert. Wer sich gegen die Revolution ausspricht, gilt als Oligarch und Staatsfeind. Wer Chávez unterstützt, den diffamieren Regierungskritiker als ungebildet, als Manipulationsopfer, als gefährlich.

Venezuela ist wenig produktiv

Im Venezuela des Post-Chavismo mangelt es nach wie vor an fähigen Politikern und wirksamen Reformen. Zwar sind die Löhne gestiegen, mehr Menschen studieren, weniger leben in Armut als zuvor, aber die Mittelschicht stagniert, Inflation und Staatsdefizit steigen, die Lebenskosten ebenso. Die taumelnde Wirtschaft wird bald nicht nur Unternehmer treffen, sondern auch die Unterschicht. Die milliardenschweren Gewinne des staatlichen Ölhandels haben nicht ausgereicht, um Wohlstand zu schaffen. Das Land ist wenig produktiv. Chávez hat zudem Justiz und Gesetzgeber der Exekutive unterworfen und einen Ein-Mann-Staat errichtet.

Dieses einsturzgefährdete Machtgebäude werden nun seine Kader erben. Selbst die mächtigsten Chavistas wissen nicht, wie es ohne den Präsidenten weitergehen soll. Offenbar wird hinter verschlossenen Türen der Übergang vorbereitet. Von Krise aber traut sich keiner zu sprechen. Chávez möge krank sein, aber er regiere weiter – aus Havanna, heißt es offiziell. Die Lage anders zu interpretieren, sei nichts als ein Putschversuch, drohte Nicolás Maduro mit einem winzigen bunten Büchlein in der Hand der venezolanischen Verfassung.

Chávez hatte Maduro vor seiner Operation im Dezember als Nachfolger favorisiert. Doch dieser liefert sich mit dem umstrittenen Parlamentspräsidenten Diosdado Cabello bereits einen bitteren Machtkampf. Und keiner der beiden ist in der Lage, so viele Menschen zu vereinen wie Chávez. Der Durchschnittschavista verehrt den Comandante, hält dessen Leute jedoch für unfähig oder verdorben. So mag der Post-Chavismo nicht mehr Revolution bedeuten, sondern Trennung, Lügen, Hochmut und Korruption.