VenezuelaDer Post-Chavismo strebt an die Macht

Das Ende der Ära Chávez steht bevor. Sein Ein-Mann-Staat steckt in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Fähige Nachfolger gibt es kaum. von Camilo Jiménez

Chavez

Chávez-Anhänger feiern zu Ehren ihres kranken Präsidenten, Caracas 10. Januar 2013   |  © REUTERS/Carlos Garcia Rawlins

Hugo Chávez ist zurück. Zumindest gibt es seit Montag einen Brief, den er angeblich in seinem Krankenbett in Kuba verfasst hat. Venezuelas Vizepräsident, Nicolás Maduro, verlas die elf Seiten auf dem Gipfel der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten in Santiago de Chile. Chávez bedaure, nicht bei dem Treffen erscheinen zu können, weil er "seit Dezember vergangenen Jahres im revolutionären und verbrüderten Kuba um meine Gesundheit kämpfe".

Chávez erholt sich seit Dezember in Havanna von seiner vierten Krebsoperation. Fast 50 Tage war von im persönlich nichts mehr zu hören. Der Präsident schwieg, Venezuela steckt in einer politischen Krise. "Diese Zeilen sind eine Art, mich präsent zu zeigen (...)", heißt es nun in seinem Schreiben. Die Wahrheit über den Gesundheitszustand des 58-jährigen Chávez – erst im vergangenen Oktober mit großer Mehrheit wiedergewählt – bleibt allein seinen Vertrauten vorbehalten. Doch es geht ihm wohl schlecht. So musste nicht nur die staatliche Silvesterparty in Caracas abgesagt werden, sondern am 10. Januar auch ein viel wichtigerer Anlass: seine mittlerweile dritte Vereidigung als Präsident.

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Stattdessen wurde ein gigantisches Fest zu Ehren Chávez' veranstaltet. Hunderttausende bevölkerten die Straßen der Hauptstadt, drei Präsidenten waren zu Gast, doch von Chávez selbst war nicht zu sehen oder zu hören, nicht einmal eine Botschaft von ihm wurde verlesen. Die Leute trugen Plakate mit seinem Antlitz, sie klatschten und jubelten, aber aus Havanna kam nur Schweigen. Es hieß lediglich, das Volk solle für den venezolanischen Patienten beten.

Ohne Chávez verändert sich die gesamte Region

Ein Venezuela ohne Chávez kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Selbst die Feinde, die er sich nach 14 Jahren an der Macht gemacht hat, wirken ohnmächtig angesichts eines möglichen Endes seiner Ära. Chávez hat viele Fehler gemacht, eines aber hat er erreicht: Den Armen, jahrelang von der Teilhabe ausgeschlossen, die Hauptrolle in der politischen Agenda Venezuelas zu geben; er verlor sie nie aus dem Blick.

Dafür wird er in die Geschichtsbücher eingehen, und deshalb werden wohl noch einige Jahre die roten Fahnen des Chavismo am Präsidentenpalast wehen. Jedoch ohne das dazugehörige Gesicht. Denn selbst wenn er irgendwann wieder die Kraft haben sollte, den Ölstaat zu lenken, wird alles anders sein. Seit Neujahr, ohne den Comandante, verändert sich Venezuela. Es verändert sich die gesamte Region.

Wie einst Fidel Castro träumte Chávez nicht nur von der Revolution. Er machte sie wahr. In einer Region größter Ungleichheit und mit den USA in unmittelbarer Nähe stößt auf starke Widerstände, wer die Verhältnisse ändern will. Ende der neunziger Jahre war Chávez' Revolution eine Verheißung. Er kämpfte gegen einen defizitären, von Wirtschaftseliten kontrollierten Staat. Nach der Logik des Chavismo hatten dabei soziale Ungleichheit und Unterentwicklung eine gemeinsame Ursache: Der Einfluss der USA und deren Verwicklung mit den einheimischen Machthabern. 1999, als Präsident, ging er dann auf Konfrontationskurs. Er verkörperte den Caudillo, den charismatischen Stimmungsmacher, der durch die Städte zog und wahlweise Mao Zedong zitierte, Volkslieder sang, Gedichte vortrug oder Baseball spielte. Einen solchen Politiker hatte der Kontinent lange nicht gesehen.

Vierzehn Jahre später hinterlässt Hugo Chávez ein verändertes Lateinamerika. Außenpolitisch brach er im Sinne des südamerikanischen Befreiers Simón Bolívar mit diplomatischen und politischen Traditionen. Von den USA wandte er sich ab, mit Außenseitern wie Irans Ahmadinedschad und Iraks Saddam Hussein schloss er Freundschaft und förderte die Guerillas in Kolumbien. Seine bolivarische Revolution machte den Weg frei für die linksgerichteten Präsidenten in Ecuador, Bolivien, Nicaragua, Argentinien und Brasilien.

Leserkommentare
  1. Merken sie was?!

    *lol*

  2. Seine Popularität verdankt Chavez vor allem den während seiner Amtszeit stark gestiegenen Ölpreisen. Die spülten noch und nöcher Geld ins Land, das großzügig unters Volk verteilt wird. Die billigen Devisen führten letztlich dazu, dass Importe mehr und mehr die Produktion im Land zurückdrängte. Gehen die Öleinnahmen in Venezuela zurück, dann ist die Krise mehr oder minder vorprogrammiert.
    Übrigens sind die USA nach wie vor der wichtigste Aussenhandelspartner. 40% der Einnahmen kommen von dort.

    • Frans
    • 31. Januar 2013 3:05 Uhr

    @Spinndoktor

    "Also ich würde mir die Finger lecken nach so einer Verfassung! Aber ja...wir haben ja nichtmal eine."

    Richtig - viele Bundesbürger wissen nicht einmal, dass Deutschland bis heute keine demokratisch gewählte Verfassung hat. Carlo Schmid, als einer der Gründerväter des Grundgesetzes, machte 1948 in seiner Grundsatzrede deutlich, dass das Grundgesetz zeitlich begrenzt sei und automatisch außer Kraft tritt, wenn ein bestimmtes Ereignis eintreten sollte. Mit diesem Ereignis meinte er den Tag der deutschen Wiedervereinigung, an dem eine vom gesamtdeutschen Volk in freier Selbstbestimmung beschlossene Verfassung in Kraft treten sollte. Das ist nach 24 Jahren deutscher Einheit bis zum heutigen Tage nicht geschehen.

    Ich denke ich erzähle Ihnen damit nichts Neues, doch nach Ihrer oben angedeuteten Bemerkung musste es einfach erwähnt werden. :-)

    2 Leserempfehlungen
  3. gingen bspw. an Bedürftige in New Orleans. Welche Diktatur wurde da unterstützt?
    2007 wurde ein Abkommen geschlossen, in dem London bei Öllieferungen einen Nachlass von 20% gewährt wird, um mit den dadurch erzielten Einsparungen von umgerechnet 23 Millionen Euro eine Verringerung der Fahrpreise für Busse und U-Bahnen um 50 Prozent für bis zu 250.000 Bedürftige zu finanzieren. Kaisariani in der Nähe von Athen soll Heizöllieferungen bekommen, die 30 % unter Marktpreis liegen...(wiki)
    Ansonsten:
    schon schlimm:
    sinkende Kindersterblichkeit
    Zunahme des Konsums (Angaben ggü.Vorjahr)
    Quelle: www.panodi.com
    Beruhend auf Daten des oppositionsnahen Umfrageinstitutes Datanalisis
    2004: +16%
    2005: +15,5%
    2006: +15%
    2007: +19%

    Bevölkerungsanteil in Armut
    1998: 49%
    Ende 2009: 23%

    Bevölkerungsanteil in extremer Armut
    1998: 21%
    Ende 2009: 8,2%

    Human Development Index (HDI, UNO)
    1998: 0,78
    2009: 0,84

    Gini-Koeffizient (gibt die soziale Ungleichheit wieder)
    1998: 0,48
    2009: 0,39

    Durchschnittlicher Kalorienverbrauch
    1999: 2120 kcal - Amtsantritt der Chavez-Regierung
    2010: 2780 kcal - Zunahme um 31% ggü. 1999
    http://www.venezuela-avan...

    Zugang zu Bildung für alle:
    http://www.azzellini.net/...
    http://www.jungewelt.de/2...
    Wohnungsbau:
    http://www.jungewelt.de/2...

    Nee, ist klar, daß kann man ja nicht gut heißen!!

    5 Leserempfehlungen
  4. Chávez ist weder Messias noch Teufel oder Diktator. Er hat durchaus für sein Land einiges bewirkt, dies bedeutet jedoch nicht, dass man über die schwarze Seite seiner Regierungszeit - Korruption, Kriminalität, Spaltung der öffentlichen Meinung, versuchte Einflussnahme auf die Presse - hinwegsehen sollte.

    Aber für solche Grautöne ist in einem Kommentarforum auch 10.000 km von Venezuela entfernt kein Platz ;-)

    • drusus
    • 31. Januar 2013 8:56 Uhr

    Warum haben Sie eigentlich keinen Mann in Havanna? Dort pfiffen es schon vor vier Wochen die Spatzen von den Dächern. Jeder Taxifahrer konnte mir Auskunft über den präkeren Gesundheitszustand von Hugo Chavez geben, mit Diagnose und Prognose.
    Und Chavez`s Brief war schon am 10.01.2013 im Parteiorgan GRANMA abgedruckt, nachzulesen auf Seite 12.

  5. Mir scheint hier wird eine einzige Komödie abgezogen. Chavez ließ in der Vergangenheit eigentlich keine Gelegenheit aus sich in ein Photo zu drängen. Nun aber, schon seit Wochen nichts mehr.

    Es drängt sich der Eindruck auf, dass Chavez schon verstorben ist und man die Zeit bis zur Verkündigung der traurigen Nachricht nutzt um den Übergang der Herrschaft vorzubereiten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Saddam Hussein | Venezuela | Baseball | Lateinamerika | Mao Zedong | Oligarch
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