Hugo Chávez ist zurück. Zumindest gibt es seit Montag einen Brief, den er angeblich in seinem Krankenbett in Kuba verfasst hat. Venezuelas Vizepräsident, Nicolás Maduro, verlas die elf Seiten auf dem Gipfel der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten in Santiago de Chile. Chávez bedaure, nicht bei dem Treffen erscheinen zu können, weil er "seit Dezember vergangenen Jahres im revolutionären und verbrüderten Kuba um meine Gesundheit kämpfe".

Chávez erholt sich seit Dezember in Havanna von seiner vierten Krebsoperation. Fast 50 Tage war von im persönlich nichts mehr zu hören. Der Präsident schwieg, Venezuela steckt in einer politischen Krise. "Diese Zeilen sind eine Art, mich präsent zu zeigen (...)", heißt es nun in seinem Schreiben. Die Wahrheit über den Gesundheitszustand des 58-jährigen Chávez – erst im vergangenen Oktober mit großer Mehrheit wiedergewählt – bleibt allein seinen Vertrauten vorbehalten. Doch es geht ihm wohl schlecht. So musste nicht nur die staatliche Silvesterparty in Caracas abgesagt werden, sondern am 10. Januar auch ein viel wichtigerer Anlass: seine mittlerweile dritte Vereidigung als Präsident.

Stattdessen wurde ein gigantisches Fest zu Ehren Chávez' veranstaltet. Hunderttausende bevölkerten die Straßen der Hauptstadt, drei Präsidenten waren zu Gast, doch von Chávez selbst war nicht zu sehen oder zu hören, nicht einmal eine Botschaft von ihm wurde verlesen. Die Leute trugen Plakate mit seinem Antlitz, sie klatschten und jubelten, aber aus Havanna kam nur Schweigen. Es hieß lediglich, das Volk solle für den venezolanischen Patienten beten.

Ohne Chávez verändert sich die gesamte Region

Ein Venezuela ohne Chávez kann sich heute kaum noch jemand vorstellen. Selbst die Feinde, die er sich nach 14 Jahren an der Macht gemacht hat, wirken ohnmächtig angesichts eines möglichen Endes seiner Ära. Chávez hat viele Fehler gemacht, eines aber hat er erreicht: Den Armen, jahrelang von der Teilhabe ausgeschlossen, die Hauptrolle in der politischen Agenda Venezuelas zu geben; er verlor sie nie aus dem Blick.

Dafür wird er in die Geschichtsbücher eingehen, und deshalb werden wohl noch einige Jahre die roten Fahnen des Chavismo am Präsidentenpalast wehen. Jedoch ohne das dazugehörige Gesicht. Denn selbst wenn er irgendwann wieder die Kraft haben sollte, den Ölstaat zu lenken, wird alles anders sein. Seit Neujahr, ohne den Comandante, verändert sich Venezuela. Es verändert sich die gesamte Region.

Wie einst Fidel Castro träumte Chávez nicht nur von der Revolution. Er machte sie wahr. In einer Region größter Ungleichheit und mit den USA in unmittelbarer Nähe stößt auf starke Widerstände, wer die Verhältnisse ändern will. Ende der neunziger Jahre war Chávez' Revolution eine Verheißung. Er kämpfte gegen einen defizitären, von Wirtschaftseliten kontrollierten Staat. Nach der Logik des Chavismo hatten dabei soziale Ungleichheit und Unterentwicklung eine gemeinsame Ursache: Der Einfluss der USA und deren Verwicklung mit den einheimischen Machthabern. 1999, als Präsident, ging er dann auf Konfrontationskurs. Er verkörperte den Caudillo, den charismatischen Stimmungsmacher, der durch die Städte zog und wahlweise Mao Zedong zitierte, Volkslieder sang, Gedichte vortrug oder Baseball spielte. Einen solchen Politiker hatte der Kontinent lange nicht gesehen.

Vierzehn Jahre später hinterlässt Hugo Chávez ein verändertes Lateinamerika. Außenpolitisch brach er im Sinne des südamerikanischen Befreiers Simón Bolívar mit diplomatischen und politischen Traditionen. Von den USA wandte er sich ab, mit Außenseitern wie Irans Ahmadinedschad und Iraks Saddam Hussein schloss er Freundschaft und förderte die Guerillas in Kolumbien. Seine bolivarische Revolution machte den Weg frei für die linksgerichteten Präsidenten in Ecuador, Bolivien, Nicaragua, Argentinien und Brasilien.