Nach seiner viel kritisierten Rede über den möglichen EU-Austritt Großbritanniens ist Premier Cameron auf dem Weltwirtschaftsforum in die Gegenoffensive gegangen. Was immer man von der Substanz halten mag: Es war ein Musterbeispiel politischer Rhetorik: knapp, prägnant und dezidiert, wie man es von anderen europäischen Regierungschefs allenfalls selten zu hören bekommt. Zwei Themen beherrschten seinen Auftritt vor dem Davoser Plenum: Wie viel Integration kann England und wie viel kann Europa verkraften – ohne dabei noch mehr globale Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

"Es geht nicht darum, uns von Europa abzuwenden", ruft Cameron zu Einstimmung. Doch ein Land wie Großbritannien, das nicht im Euro ist, auch nicht sein will, müsse sich sorgen, wenn die EU als Ganzes auf dem Weg in die Fiskal- und Bankenunion voranschreite. Sozusagen: Too far, too fast. Das sei, so die unausgesprochene Botschaft, zu viel für ein Land, in dem die Zustimmung zu Europa inzwischen hauchdünn geworden sei. "Lasst uns einen neuen Konsens daheim herstellen", indem wir für ein Europa kämpfen, das den Rest der Welt in "Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit" schlagen kann.

Eigentlich will Cameron sagen: Schaut auf Großbritannien. "Wir fahren die Staatsschulden runter. Wir haben Einkommens- und Unternehmenssteuern gesenkt. Wir haben das Bildungsmonopol des Staates gebrochen, unsere Schulen und Universitäten sind Weltklasse. Wir drängen auf freieren Welthandel, der seit Ausbruch der Krise noch immer nicht den alten Höchststand erreicht hat. Zwei Millionen neue Jobs könnten so in der EU entstehen."

"Der wirtschaftsfreundlichste Premier seit Jahren"

Um die Armut in der Welt zu bekämpfen, reiche es nicht, nur die "Symptome zu attackieren". Die Turbobeschleuniger des Wohlstands seien "Rechtsstaat, Eigentumsrechte und starke Institutionen". Dann klang der Konservative plötzlich wie ein Sozialdemokrat. Als Vorsitzender der G 8 wolle er insbesondere Steuerflucht und -hinterziehung bekämpfen. Man dürfe es den Unternehmen nicht erlauben, Steuern zu vermeiden, indem sie etwa von Land zu Land ziehen, um so wechselnde Vorteile auszuschöpfen.

"Manche", so Cameron, "mögen glauben, dass ich anti Wirtschaft bin". Er sei aber der "wirtschaftsfreundlichste Premier seit Jahren", rief er mit Blick auf die Labor-Regierung, die er beerbt hat. Er glaube an den Kapitalismus und an die freie Wirtschaft, nicht an das Dogma, wonach der "fair und sauber erworbene Reichtum des einen die Armut eines anderen bewirke". Entscheidend seien feste und überwachte Spielregeln.

Es gab viel Applaus im Kongresssaal – jedenfalls eine Eins für Temperament und rhetorische Schärfe. "Eigentlich ein schlauer Hund, dieser Cameron", resümierte ein alter Forumsgast. Mit seiner ersten Rede zu Europa hat er sich bis zum Wahljahr 2015 Ruhe daheim verkauft. Danach, im Falle seiner Wiederwahl, kann er die Mitgliedschaftsbestimmungen neu verhandeln – dies aber mit dem Knüppel des Referendums hinter dem Rücken.

Die Meinungsumfragen geben Cameron derzeit zwar keine Chance gegen Labor. Aber inzwischen, das zeigt die Davoser Rede, kann er sich als nationalgesinnter Sachwalter britischer Interessen gegen die Kontinentalen profilieren. Zwei Jahre sind in der Politik eine lange Zeit. In Davos hat Cameron gezeigt, wie er sie nutzen wird.