Port SaidÄgyptens Präsident erwägt Notstand nach tödlichen Krawallen

Mindestens 30 Tote und Hunderte Verletzte: Die Todesurteile gegen Fußballfans haben Krawalle in Port Said ausgelöst. Ägyptens Regierung erwägt, den Notstand auszurufen.

Brandsätze, verkohlte Möbelstücke und Demonstranten auf Kairos Straßen

Brandsätze, verkohlte Möbelstücke und Demonstranten auf Kairos Straßen  |  © Ed Giles/Getty Images

Wegen tödlicher Krawalle nach einem Fußballspiel vor knapp einem Jahr sind in Ägypten 21 Menschen zum Tode verurteilt worden. Die Urteilsverkündung in Kairo wurde vom Staatsfernsehen direkt übertragen. Für 52 weitere Angeklagte fällt der Richterspruch am 9. März. Den Angeklagten wird vorsätzlicher Mord und illegales Tragen von Waffen vorgeworfen.

Nach der Urteilsverkündung brachen in der Stadt Port Said gewalttätige Proteste aus. Angehörige der Verurteilten stürmten das Gefängnis der Stadt und versuchten die Angeklagen zu befreien. Dabei wurden mindestens 30 Menschen getötet, etwa 300 Menschen wurden verletzt.

Anzeige

Unter den Toten seien auch zwei Polizisten, wie staatliche Medien unter Berufung auf das Innenministerium berichteten. Die Zeitung Al-Ahram berichtete, dass ebenfalls ein ehemaliger Fußballspieler von Al-Masri ums Leben kam. Der ägyptische Nachrichtenagentur Mena zufolge wurde die Armee nach Port Said entsandt, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Die Zugverbindungen wurden eingestellt.

Präsident Mursi sagte wegen der aktuellen Krise in seinem Land die Teilnahme am Afrika-Gipfel in Äthiopien ab und beriet sich mit seinen Ministern über das weitere Vorgehen. In einer vom Staatsfernsehen übertragenen Erklärung hieß es, dass alle verfassungsgemäßen Maßnahmen zur Herstellung der Sicherheit ergriffen werden sollten. Dies könne auch Ausgangssperren und die Ausrufung des Notstands bedeuten.

Westerwelle besorgt über neue Gewalt in Ägypten

Außenminister Guido Westerwelle äußerte sich besorgt über die neue Gewalt. "Ich sehe mit Sorge, dass es immer noch nicht gelingt, die Auseinandersetzungen um den richtigen Weg in eine gute Zukunft des Landes friedlich zu führen", sagte er bei einem Besuch in der Schweiz. An Mursi appellierte er, die friedliche Ausübung des Demonstrationsrechts keinesfalls einzuschränken.

Vor einem Jahr waren nach einem Spiel in der Stadt Port Said Fans der Vereine Al-Ahli und Al-Masri aufeinander losgegangen. 74 Menschen starben in den Kämpfen und der Massenpanik. Bei anschließenden Straßenkämpfen wurden weitere 16 Menschen getötet. Alle Spiele der Fußball-Liga wurden seitdem ausgesetzt. Die Liga soll aber am 1. Februar wieder starten. Es war die schlimmste Tragödie in der Fußballgeschichte des Landes. Nach den Krawallen in dem Fußballstadion von Port Said war den Sicherheitskräften vorgeworfen worden, sie hätten die Täter gewähren lassen, um die Anhänger des Kairoer Clubs Al-Ahli zu bestrafen.

Vor dem Urteil hatten die Ultras von Al-Ahli gedroht, "Chaos" in Kairo zu verbreiten, sollten die Täter nicht bestraft werden. Nun begrüßten sie und die Angehörigen der Opfer das Urteil. Beim Richterspruch riefen sie spontan "Allahu Akbar, Gott ist groß". Die Ultras hatten in den vergangenen Wochen mehrfach gewaltsam für eine hohe Bestrafung der Täter demonstriert.

Das Urteil war mit Spannung erwartet worden. Es fiel in eine ohnehin extrem angespannte Situation direkt nach dem zweiten Jahrestag des Beginns des Volksaufstands gegen Präsident Hosni Mubarak. Freitag und Samstagmorgen waren bei Zusammenstößen neun Menschen getötet worden, nachdem Demonstrationen gegen Präsident Mohammed Mursi in Gewalt umgeschlagen waren. In Sues marschierte daraufhin das Militär auf.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Moika
    • 27. Januar 2013 10:09 Uhr

    Ich gebe Ihnen weitgehend recht: Solche Umwälzungen sind kein "Tagesgeschäft". Aber wir sehen auch, wie sehr sich Mursi und die Moslembrüder an der Macht festkrallen.

    Meine Hoffnung dabei sind - so befremdlich es klingen mag - die Streitkräfte. Korrupt wie die sind, halten sie immer noch rund siebzig Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes in ihren Händen. Geht dieser Umwälzungsprozeß noch einige Monate unkontrolliert so weiter, wird die ägytische Wirtschaft kollabieren. Ich kann mir kaum vorstellen, daß die Generale diese Gefahr mit ihren Folgen - auch für das ganze Land - in Kauf nehmen werden.

    Helfen kann den Ägyptern, meiner Meinung nach, nur ein starkes System, das in der Lage ist, sofort einzugreifen. Es geht nicht darum, die Demokratie abzuschaffen, aber sie muß mit all ihren Möglichkeiten eine Chance haben, auch in den Köpfen der Menschen anzukommen.

    Solange nur der von Interessen gelenkte Pöbel auf den Strassen das Sagen hat und sich durchsetzt, kann keine Demokratie nach unserem Verständnis wachsen. Da müssen die Ägypter leider durch, auch wenn es, wie Sie richtig bemerken, nicht von heute auf morgen geht.

    Antwort auf ""Bereinigungsprozess""
    • Medley
    • 28. Januar 2013 10:44 Uhr

    "Wegen einem Fussballspiel! Massenhaft Todesstrafen. Kein Wunder, dass die Angehörigen auf die Barrikaden gehen, würde ich auch machen, wenn mein Sohn aus derart nichtigen Gründen hingerichtet werden sollte."

    Entschuldigung? Aus "nichtigen Gründen" hingerichtet? Hallo, hallo? Nicht den Artikel aufmerksam gelesen?

    Zitat: "...Vor einem Jahr waren nach einem Spiel in der Stadt Port Said Fans der Vereine Al-Ahli und Al-Masri aufeinander losgegangen. 74 Menschen starben in den Kämpfen und der Massenpanik. Bei anschließenden Straßenkämpfen wurden weitere 16 Menschen getötet..."

    Nein, nicht aus "nichtigen Gründen" sondern wegen 90zig toter Menschen und aberhunderter Verletzter. Darum! Auch wenn ich selbst diese drakonischen Strafen(Hinrichtungen) für falsch halte, wegen Lapalien oder "Nichtigkeiten" sind die Angeklagten sicher nicht verurteilt worden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service