Hass auf PolizeiÄgypten kollabiert

Der Hass der politischen Lager lähmt Ägypten und verleitet immer mehr Menschen dazu, ihren Frust an Vertretern der Regierung auszulassen, kommentiert M. Gehlen aus Kairo. von 

Tränengas bei Protesten in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo

Tränengas bei Protesten in der Nähe des Tahrir-Platzes in Kairo  |  © MOHAMMED ABED/AFP/Getty Images

Wie sich die Bilder gleichen. Ähnlich wie vor zwei Jahren zur Zeit der ägyptischen Revolution gegen Hosni Mubarak, geraten auch in diesen Tagen immer größere Teile Ägyptens in Aufruhr. Nicht nur in Kairo auf dem Tahrir-Platz, in praktisch allen großen Städten des Landes kommt es zu Straßenschlachten, werden Polizeiwachen angezündet, Gefangene befreit und eskaliert die Gewalt.

Gerade erst starben in Port Said wieder mehr als 30 Menschen. Demonstranten hatten versucht, zwei Polizeiwachen und ein Gefängnis zu stürmen und hatten ein Gebäude der Armee in Brand gesteckt. In Suez war das Hauptquartier der Polizei das Ziel von Angriffen.

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Der Hass auf die Polizei ist ungebrochen, die inneren Reformen der Ordnungskräfte sind keinen Schritt vorangekommen.

Reserven sind aufgebraucht

Mit der Wirtschaft geht es in den letzten Wochen immer schneller bergab. Die Menschen haben ihre Reserven aufgebraucht. Arbeitslosigkeit grassiert, Ägyptens Währung kollabiert und die Staatsschulden drohen der hilflos agierenden Führung über den Kopf zu wachsen.

Gleichzeitig stehen sich das islamistische und das liberale Lager nach der von den Muslimbrüdern durchgepaukten Verfassung immer unversöhnlicher gegenüber. Nur 20 Prozent der Wahlberechtigten stimmten am Ende dem neuen Grundgesetz per Referendum zu.

Zu Recht sehen die Kritiker in seinen 236 Artikeln vor allem ein Machtinstrument der Muslimbrüder und keine Dokumentation des breiten Volkswillens, der auch Minderheiten und Andersdenkende mit einschließt.

Innere Blockade

Kein Wunder, dass das Klima der politischen Auseinandersetzung inzwischen heillos zerrüttet ist, reduziert auf rabiate und simple Formeln, die sich die Kontrahenten immer und immer wieder um die Ohren hauen. Mal verleumden sich beide Seiten, mal ergehen sie sich in düsteren Verschwörungstheorien – so als hätten sie es satt, weiterhin in einem Land zusammen zu leben.

Diese innere Blockade lähmt inzwischen den gesamten politischen Betrieb. Sie vereitelt jede Chance für die Regierung, die 85 Millionen Ägypter angesichts des drohenden Staatsbankrotts zu einer großen patriotischen Anstrengung zu mobilisieren.

Und sie verleitet immer mehr Bürger dazu, ihre Frustration auf den Straßen mit Fäusten, Knüppeln und Gewehren auszutragen.

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Leserkommentare
  1. Das Hurra-Gebrüll im Westen war verfrüht. In Kairo ging es nie in erster Linie um das Recht auf parlamentarische Demokratie, sondern um Brot und Arbeit. Es war absehbar, dass die islamistische Brüder - einmal an der Macht - genauso autoritär und brutal vorgehen würden wie das Mubarak-Regime, das auch von Bonn/Berlin jahrelang hofiert wurde als Garant für Sicherheit und freien Handel. Und jetzt bricht das Chaos aus. Was nun, Herr Westerwelle?

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    ist bestimmt alles andere als auch nur ansatzweise der Heilsbringer für die innerägyptischen Probleme. Den nimmt dort allein wegen seiner sexuellen Präferenzen kaum jemand ernst; auch seine politischen Leistungen enswprechen wohl keineswegs jenen, über die eine Mittelmacht wie Deutschland an sich verfügen müsste.

    • an-i
    • 27. Januar 2013 19:37 Uhr

    1. das Private geht niemanden was an
    2. der deutsche Außenminister ist überflüssig
    3. da die Arbeit entweder die EU oder Frau Merkel erledigt
    ...schade um das viele Geld...

    Wer ein öffentliches Amt bekleidet und seine privaten Vorlieben öffentlich macht, kann sich dem allgemeinen Interesse nicht durch den Hinweis auf seine Privatsphäre entziehen.
    Die Alternative wäre die in Diplomatenkreisen geschätzte und gepflegte Diskretion.

    • scoty
    • 27. Januar 2013 18:30 Uhr

    sollte am kommenden Mittwoch den ägyptischen Staatspräsidenten Mursi mitteilen das wir die Todesstrafe nicht gutheißen.

    http://www.bundesregierun...

    6 Leserempfehlungen
  2. - zu sehr auf Sensation und Begeisterung, mit dem schönen Ausdruck "arabischer Frühling" interessant gemacht

    - dabei ist es nur die Ablösung einer Machtclique durch eine andere

    - das zeigt, wie notwendig ein Journalismus ist, der nicht auf der Oberfläche bleibt

    13 Leserempfehlungen
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    • drusus
    • 27. Januar 2013 18:53 Uhr

    " das zeigt, wie notwendig ein Journalismus ist, der nicht auf der Oberfläche bleibt"

    Wo ist der zu finden? Ich bitte um Quellenangaben.

  3. 4. [...]

    Auf Wunsch entfernt. Die Reaktion/se

  4. ist bestimmt alles andere als auch nur ansatzweise der Heilsbringer für die innerägyptischen Probleme. Den nimmt dort allein wegen seiner sexuellen Präferenzen kaum jemand ernst; auch seine politischen Leistungen enswprechen wohl keineswegs jenen, über die eine Mittelmacht wie Deutschland an sich verfügen müsste.

    4 Leserempfehlungen
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    • Bashu
    • 27. Januar 2013 23:34 Uhr

    Gibt's den eigentlich noch? Selten einen unsichtbareren Außenminister gesehen (bzw. nicht gesehen).
    Aber wahrscheinlich tüftelt er im Hintergrund nur an neuen Strategien, wie z.B. die ausklügelten Finanzsanktionen mit denen er schon Libyens Gaddafi zu Fall brachte.

    er war nur einer derjenigen, die am lautesten den Arabischen Frühling bejubelten, bevor man überhaupt abschätzen konnte, wie sich die Macht am Nil entwickelt. Von seinen Fehlleistungen auf den Konfliktfeldern Libyen und Syrien ganz zu schweigen. Natürlich hat Frau Merkel die Außenpolitik längst selbst übernommen. Ich hatte auch Hoffnungen vor einem Jahr, aber man muss Realist bleiben. Und wer sich lange mit dem Nahen Osten beschäftigt wie das Fossil Scholl-Latour, der wird sarkastisch. Die Deutschen müssen sich ihre egozentrische Sichtweise abgewöhnen...

  5. Was sich wie eine Tautologie anhört, beschreibt eher einen globalen Mangel. Einzelinteressen vor Mehrheitsnutzen. Wenige profitieren, viele leiden. Auch die gesellschaftlichen Umwälzungen in Ägypten folgen diesem sattsam bekannten Weg, so wie wir Deutschen oder Europäer auch. Die Muslimbrüder glauben sich auf dem richtigen Weg, so überzeugt wie bei uns die Neoliberalen von der Richtigkeit der Agenda 2o10.
    Doch die Menschen brauchen gerechte Verhältnisse, gerechtere Verteilung und Chancen der Armut zu entkommen. Dies gilt für Ägypten, wie für Europa und Deutschland.
    Gibt es soziale Bewegungen in Ägypten, die sich dort für die Mehrheit der armen Menschen einsetzt und eine Politik forciert, die deren Lebensverhältnisse verbessert, so das alle ein menschenwürdiges Einkommen erzielen? Gibt es diese Kräfte in Europa und in unserem Land?
    Wir sind kein gutes Beispiel für die Menschen in Ägypten, denn folgen sie unserem sogenannten demokratischen Weg, werden sie die Spaltung zwischen arm und reich nicht überwinden.
    Wie schon gesagt: Es herrscht ein globaler Mangel an Menschlichkeit.

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    • jboese2
    • 27. Januar 2013 19:26 Uhr

    Ich bin in Deutschland immer wieder erstaunt, mit welcher gebetsmuehlenhaften Konstanz ueber die Agenda 2010 polemisiert wird. Glauben sie ernsthaft, Deutschland wuerde ohne die Reformen die Krise so gut ueberwunden haben? Keines der Laender, das wenig reformiert haben, steht heute gut da. Und die nordischen Laender verlangen von ihren Bevoelkerungen im Austausch fuer Soziales aber Gegenleistungen, die in Deutschland als "menschenunwuerdig" verschrien wuerden. Man kann auch als Staat nur ausgeben, was man verdient. Das ist in den Gehirnen vieler Menschen in Vergessenheit geraten.
    Und global: insgesamt ist der Anteil derer, die mit weniger als 1,50 $ pro Tag auskommen muessen, in den letzten Jahren
    (prozentual) deutlich zurueckgegangen. Was soll also dieses permanente Geschwaetz? Glauben Sie ernsthaft, die Politiker die uns die Elbphilharmonie, S21 oder den Flughafen Berlin gegeben haben werden ploetzlich Genies, wenn es um den Export, den Arbeitsplatz oder die Rente geht? Falls Sie das tun erlauben Sie mir den Hinweis, dass Grimm's Maerchen kein Tatsachenbericht ist.....

    Auf Wunsch entfernt. Die Redaktion/se

    Fern ab jeder Weisheit, fallen sie wie unzivilisierte Menschen über einander her. Die Völker sind am Rand der Tränen. Nicht der weiße Hai und nicht der Löwe sind des Menschen größter Feind. Der größte Feind des Menschen ist der Mensch.

    Ja, weil es "herrscht".
    Menschlichkeit kann es nur OHNE Herrschaft geben.
    Egal ob in Ägypten, Griechenland, China, USA oder Deutschland, überall herrscht es.
    Überall sind es auf Herrschaft beruhende Klassengesellschaften, aus Systemgewinnern und Systemverlierern mit einer mehr oder weniger großen Pufferschicht, die für Ungleichheit und damit auch Ungerechtigkeit sorgen.
    Überall erdreisten sich "Eliten" auf Kosten anderer leben und Bestimmen zu dürfen, Stellvertreterdasein auf allen Ebenen.
    Das wird als "natürlich", als "alternativlos", als "gottgewollt" von der breiten Masse akzeptiert, da ist die Mehrheit der Deutschen nicht viel weiter als die der Ägypter.

    Dementsprechend verlaufen "Revolutionen": Die verhasste politische Kaste wird abgesägt, und statt das auf Herrschaft beruhende System endgültig zu zerschlagen, wird an dessen Spitze eine neue politische Kaste etabliert.

    Natürlich gehört die zu den "Guten", hat vielleicht sogar Ideale. Bis man Notverordnung, Geheimdienst und ähnliches zu schätzen lernt...
    Macht korrumpiert noch schneller als Geld.

    Wenn Sie eine menschliche Welt wollen, müssen Sie sie Füttertröge abschaffen, an die es die Schweine immer zieht.
    Es nützt nix, nur alle paar Jahrzehnte die gerade fressenden Schweine zu schlachten.
    Vorallem nicht dann, wenn als Kollateralschaden der ganze Bauernhof abbrennt.

    • Medley
    • 28. Januar 2013 10:07 Uhr

    "Wir sind kein gutes Beispiel für die Menschen in Ägypten, denn folgen sie unserem sogenannten demokratischen Weg, werden sie die Spaltung zwischen arm und reich nicht überwinden."

    Arm und Reich sind kein Zufall. Armut resultiert in einem rechtsstaatlichen, freien und marktwirtschaftlichem Land zu 90 Prozent aus mangelnden Fähigkeiten und Wissen und zu 10 Prozent aus lebensschicksalshaften Pech. Wer nix kann und nix weiß, der ist immer arm, es sei denn er hat geerbt oder im Lotto gewonnen. Gleiches gilt reziprok für den Reichtum. So ist halt die Welt. Kann ich auch nichts für.

    "Es herrscht ein globaler Mangel an Menschlichkeit."

    Unfug. Es herrscht ein globaler Mangel an findigen, risikoaffinen Unternehmern, an produktiven Arbeitsplätzen und fähigen und gebildeten Arbeitnehmern. Wenn nichts erwirtschaftet wird, so kann auch nichts "gerecht" verteilt werden, auch dann, wenn man noch so schöngeistig-moralisch daherredet. Was das Aufblasen von schöngeistigen, moralischen, substanzlosen Luftschlössern betrifft, so war man in der Disziplin den ehemaligen sozialistischen Ländern praktisch von Anfang an auf Top-Weltniveau. Aber auch nur da. Das Ende der Geschichte kennen sie sicher auch. Insofern nichts für ungut.

    • drusus
    • 27. Januar 2013 18:53 Uhr

    " das zeigt, wie notwendig ein Journalismus ist, der nicht auf der Oberfläche bleibt"

    Wo ist der zu finden? Ich bitte um Quellenangaben.

    2 Leserempfehlungen
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    • drusus
    • 27. Januar 2013 18:55 Uhr

    FAZ

    • drusus
    • 27. Januar 2013 18:55 Uhr
    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Qualitätsjournalismus"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Arbeitslosigkeit | Brand | Dokumentation | Gebäude | Gefängnis | Gewalt
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