Proteste gegen den ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi in Kairo © Abdallah Dalsh/Reuters

Ägyptens Armeechef Abdel Fattah al-Sissi warnte seine Landsleute am Dienstag über Facebook: "Wenn die Konflikte der politischen Kräfte weiter anhalten, kann das den Kollaps des Staates bedeuten und zukünftige Generationen bedrohen." Die politischen, ökonomischen und sozialen Probleme seien "eine Gefahr für Sicherheit und Stabilität des Landes". Seit fünf Tagen grassiert in Ägypten wieder die Gewalt mit mehr als 50 Toten und über 800 Verletzten. Die wichtigsten Hintergründe:

Was sind die Ursachen der Unruhen?

Die politischen Konflikte sind eskaliert seit Präsident Mohammed Mursi am Abend des 22. November per Dekret die gesamte Judikative ausschaltete, um eine drohende Auflösung der Verfassunggebenden Versammlung durch das Verfassungsgericht zu verhindern. Wenig später ließ der Präsident in einer 15-stündigen Marathonsitzung alle 234 Artikel des neuen Grundgesetzes vom Plenum durchpeitschen. Alle nicht-islamistischen Kräfte waren zuvor unter Protest ausgezogen. Auch sie haben bei der Revolution gegen Hosni Mubarak ganz vorn mitgekämpft und fühlen sich nun von der Gestaltung des neuen Ägyptens ausgeschlossen. Sie befürchten, dass sich ihr Land in eine islamistische Republik verwandelt.

Welche Konfliktlinien gibt es in Ägypten, wo verlaufen die gesellschaftlichen Fronten?

Ägypten war schon immer ein vielschichtiges und komplexes Land, doch seit der Revolution treten Risse und Gegensätze so vehement zutage wie nie zuvor: Islamisten gegen Liberale und Mubarak-Treue gegen Demokratieanhänger, Arm gegen Reich und Stadt gegen Land, Muslime gegen Christen und Frauen gegen männliche Bevormundung. Der Zusammenhalt der Gesellschaft steht auf dem Spiel, weil sich die Kontrahenten immer unversöhnlicher gegenüberstehen. Das Klima der politischen Auseinandersetzung ist heillos vergiftet, von tiefem Misstrauen geprägt und auf rabiate Formeln reduziert. Diese innere Blockade lähmt inzwischen das gesamte politische und gesellschaftliche Leben Ägyptens.

Welche Rolle spielen in der gegenwärtigen Krise die 21 Todesurteile von Port Said?

Die harten Strafen gegen Beteiligte an den tödlichen Krawallen nach einem Fußballspiel vor knapp einem Jahr hat erheblich zur Eskalation beigetragen. Die Todeskandidaten und ihre Angehörigen halten das Urteil für politisch motiviert. Sie fühlen sich als Sündenböcke, die wirklich Verantwortlichen laufen in ihren Augen noch frei herum. Stattdessen wurde schlampig ermittelt, willkürlich verhaftet und später bei den Anklagen mit dürftigen Beweisen operiert. Der Prozess in Kairo wurde monatelang hinter verschlossenen Türen geführt. Vergangenen Samstag bei der Urteilsverkündung lieferte der Vorsitzende Richter keinerlei Begründung für die 21 Todesstrafen, die übrigen 53 Angeklagten bekommen Strafmaß und Strafvorwürfe erst am 9. März eröffnet. Zweimal bereits versuchten in den vergangenen drei Tagen mit Kalaschnikows bewaffnete Stoßtrupps, die Todeskandidaten aus dem Zentralgefängnis von Port Said zu befreien – ohne Erfolg.