ÄgyptenTote bei Demonstrationen gegen Mursi

Vor zwei Jahren begannen die Proteste gegen Ägyptens Potentaten Mubarak. Heute demonstrieren Tausende gegen seinen Nachfolger – und wieder gibt es Tote und Verletzte.

Bei gewaltsamen Protesten gegen Präsident Mohammed Mursi und seine Regierung sind in Ägypten mindestens neun Menschen getötet worden. Mehr als 450 weitere wurden nach Angaben von Ärzten und Sanitätern verletzt. Zuvor hatten die liberale und linke Opposition zu den landesweiten Protesten unter dem Motto "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit" aufgerufen. Dem Aufruf sind am zweiten Jahrestag der Revolution Tausende gefolgt.

Die schwersten Ausschreitungen gab es in Sues. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden neun junge Männer erschossen, als Demonstranten das Gouverneursgebäude stürmen wollten. Daraufhin wurden am frühen Samstagmorgen Soldaten und mehrere gepanzerte Fahrzeuge nach Sues verlegt. Auf Flugblättern schrieb die Armee, der Einsatz werde nur vorübergehend sein, um die Sicherheit in Sues zu gewährleisten.

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Auch in Kairo und weiteren Städten gab es Ausschreitungen bei Demonstrationen. Aktivistinnen berichteten zudem von sexuellen Übergriffen auf dem Tahrir-Platz in Kairo, wo die zentrale Kundgebung der Opposition stattfand. Rund um den Präsidentenpalast kam es am Abend zu Straßenschlachten, bei denen Steine geworfen wurden. Die Ordnungspolizei setzte Tränengas ein.

Mursi verurteilte die Gewalt über Twitter

In der Hafenstadt Alexandria setzte die Polizei ebenfalls Tränengas gegen Demonstranten ein, aus den Reihen der Demonstranten flogen Steine. In Ismailia am Sues-Kanal zündeten Randalierer das Parteibüro der Muslimbrüder an und verwüsteten das Gouverneursgebäude, wie der Fernsehsender Al-Arabija berichtete.

Mursi rief über Twitter zur Ruhe auf und verurteilte die "abscheuliche Gewalt". Er fordere alle Bürger auf, "ihre Meinung im Sinne der noblen Prinzipien der ägyptischen Revolution friedlich und frei auszudrücken", schrieb Mursi und kündigte ein hartes Vorgehen gegen die Gewalttäter an: "Die ägyptischen Behörden werden die Kriminellen verfolgen und sie vor Gericht bringen."

Die Muslimbrüder, die Mursi im vergangenen Jahr als ihren Kandidaten für die Präsidentenwahl nominiert hatten, beteiligten sich nicht an den Protestaktionen. Bei dem ersten Revolutionsjahrestag waren die Islamisten mit dabei gewesen. Damals war noch der Militärrat an der Macht, der Mubarak ein Jahr zuvor zum Rücktritt gezwungen hatte. Der Aufstand gegen Mubarak hatte am 25. Januar 2011 begonnen und 17 Tage später zu seinem Rücktritt  geführt.

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Leserkommentare
    • anarc
    • 26. Januar 2013 11:10 Uhr

    ...wird der Öffentlichkeit in Deutschland das als reiner Religionskrieg verkauft und allein an dem Verfassungsreferendum festgeknüpft.

    Mursi buhlt um IWF-Kredite und zieht den ganzen neoliberalen Mist mit "Verkauf des Tafelsilbers" und Abbau von Subventionen durch. Das die Regierung dies nicht im Eiltempo tut, wird hier aber mit "sie scheut Reformen" tituliert. Die Lebensbedingungen der unteren Klassen in Ägypten verschlimmern sich dramatisch, die Arbeitslosigkeit steigt und steigt - während die alte, reaktionäre Elite fester im Sattel sitzt als jemals zuvor. Die Zustände in Ägypten gehören zu einem Syndrom, das fast genau gleich in vielen anderen, nicht islamischen Ländern zu beobachten ist. Der schleichende Zerfall der Weltwirtschaft - etwas exakter gesagt der Zusammenbruch des Kapitalismus - wirkt viel extremer in Ägypten, als die vordergründigen, dem deutschen Zeitungsleser nahegebrachten Förmchen. Beobachtungen rein im nationalen Mikrokosmos genügen nicht, um die Lage in Ägypten ausreichend beurteilen zu können.

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    "Der schleichende Zerfall der Weltwirtschaft / Zusammenbruch des Kapitalismus ..."

    Fände ich ja richtig gut, wenn dem so wäre - leider sehe ich dazu bisher keine Anzeichen, im Gegenteil - der Kapitalismus läuft doch grade so richtig zu Form auf, genauso wie die religiösen Strömungen.

  1. "Der schleichende Zerfall der Weltwirtschaft / Zusammenbruch des Kapitalismus ..."

    Fände ich ja richtig gut, wenn dem so wäre - leider sehe ich dazu bisher keine Anzeichen, im Gegenteil - der Kapitalismus läuft doch grade so richtig zu Form auf, genauso wie die religiösen Strömungen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Selbstredend..."
  2. Aber Mursi wurde gewählt.
    Wenn die anderen, die ihn nicht wollten, die Wahl boykottieren, dürfen sie sich im Nachhinein nicht beschweren, dass sie nicht gewonnen haben.
    Wer freiwillig einem anderen das Feld überlässt hat hinterher keinen Anspruch mehr darauf.
    Das ist für mich Logik.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, Reuters, nf
  • Schlagworte Mohammed Mursi | Ägypten | Gewalt | Jahrestag | Opposition | Protest
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