TerrorismusNordafrikas vagabundierende Gotteskrieger

Die Schattenseite der arabischen Volksaufstände: In Nordafrika breiten sich Dschihadisten, Schmuggler und Kriminelle aus. Was tun gegen die neue Gefahr? von 

Manöver des ägyptischen Militärs auf dem Sinai

Schwer kontrollierbares Gebiet: Manöver des ägyptischen Militärs auf dem Sinai, Oktober 2012  |  © REUTERS/Egyptian Presidency/Handout

Die Kidnapper kamen aus Tunesien, Ägypten, Libyen und Algerien. Gewehre, Munition und Raketen stammten aus den Beständen libyscher Rebellen – der Massenmord an der nicht-arabischen Belegschaft der Gasförderanlage von In Amenas im algerisch-libyschen Grenzgebiet war das Werk von Terroristen aus dem gesamten Norden Afrikas. Der Konflikt mit den islamistischen Radikalen rückt damit direkt vor die Haustüre Europas.

Seit zwei Jahrzehnten bereits zieht sich ein Reihe zerfallender Staaten durch die Subsahara, der vom Atlantik bis nach Somalia am Horn von Afrika reicht. Nun erfasst die innere Zerrüttung auch die Nationen Nordafrikas am südlichen Rand des Mittelmeers. Zahlreiche Förderanlagen für Gas und Öl liegen in dieser Region, von denen Europas Energieversorgung abhängt. Überfahrten von Afrika nach Europa dauern mit Schnellbooten nur ein paar Stunden.

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Patentrezepte für den Umgang mit diesen immer entgrenzteren Bedrohungen gibt es nicht. Ohne Zweifel kann eine Militärintervention wie in Mali unmittelbare Gefahren abwehren, wie die islamistische Eroberung der Hauptstadt Bamako. Die langfristigen Erfolgsaussichten gegen die quer durch den halben Kontinent vagabundierenden Gotteskrieger werden aber immer geringer. Denn Operationen ausländischer Armeen scheuchen den Gegner erst richtig auf und machen ihn angriffslustig.

Al-Kaida hatte mit Arabellion nichts zu tun

Der erste Sündenfall war 1979 der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. An seinen Folgen trägt die Welt noch heute. Anschließend haben auch die westlichen Mächte ihre Erfahrungen in Afghanistan und im Irak gesammelt. Und kaum einem Regierungschef, allen voran dem jetzigen Präsidenten der Vereinigten Staaten, steht noch der Sinn nach weiteren jahrelangen Militärabenteuern in der islamischen Welt. Diese Doktrin steht vor ihrem Ende – ohne klaren Erfolg, mit allzu vielen Nebenwirkungen und untragbar hohen Kosten.

Gleichzeitig offenbart das spektakuläre Verbrechen von In Amenas eine Schattenseite der arabischen Volksaufstände, die noch auf Jahrzehnte zu spüren sein wird. Ideologisch gehörte Al-Kaida im Frühling 2011 zu den Verlierern. Bei ihren Tyrannenstürzen waren die Millionen Demonstranten nicht getrieben von religiös-radikalen Ideen, sondern von dem Wunsch nach Freiheit, einem Leben in Würde und Selbstbestimmung. Zwei Jahre danach haben jedoch die Fanatiker in den postrevolutionären Wirren wieder Tritt gefasst.

Leserkommentare
  1. mali ist eine pragmatische grenzziehungsaktion von europäern, genau wie die meisten andern afrikanischen staaten auch. konflikte sind vorprogrammiert, wenn die traditionellen identitäten und wertvorstellungen parallel zum staat existieren. insbesondere betrifft das die tuareg der region, die sich nicht frei in der sahara bewegen durften, bis sie sich dieses recht mit gewalt eingelöst haben, freilich radikalisiert, wobei mal wieder der islam den kopf hinhalten musste.

    na zum glück gibts ja unsere heldenhaften demokratieritter. die nummer hat genauso ein bart wie osama bin laden.

  2. In Mali sind 80% der Bevölkerung Muslime, aber sie fliehen vor den Islamisten! Warum auch sollte Religiosität direkt zum Islamismus führen?

    In Tunesien musste die Ennahda eine Koalition mit liberalen Parteien eingehen, weil die Mehrheit fehlte. Sie schreiben noch an der Verfassung.

    In Libyen hat man keine religiöse Partei, dafür aber die Übermacht unabhängiger Abgeordneter, die eine Mehrheitsbildung behindern und den ganzen Prozess zur Verfassungsgebung blockieren.

    Lediglich in Ägypten gibt es die Mehrheit der Muslimbrüder. Die zeigen aber gerade, dass sie die wirtschaftlichen Probleme nicht in den Griff bekommen. Sie erwirtschaften kaum Devisen, so dass sie internationale Kredite benötigen, die gerade neu verhandelt werden.
    http://english.ahram.org....
    Und das Volk ist noch aufgebracht genug, um eine islamistische Diktatur zu stürzen. Die MB müssen erst noch die kommenden Parlamentswahlen gewinnen.

    Durch die Revolutionen haben die Islamisten nicht mehr Reisefreiheit also vorher erhalten. Der einzige Nebeneffekt ist die Räumung der Waffenlager Gaddafis nach dem Bürgerkrieg. Glücklicherweise wurden die Großwaffen von der Nato zerstört. Sonst führen die Islamisten jetzt mit Panzern rum.

    Wenn die Islamisten kriminell sind, braucht man Polizei. Wenn sie Bürgerkriege anfangen, braucht man Militär. Wenn sie die Scharia wollen, sollen sie diese demokratisch legitimieren.

  3. Die 440.000 Tuareg in Mali sind sogar in den drei Nordprovinzen eine Minderheit von rund 34%.
    Timbuktu 681.691
    Gao 544.120
    Kidal 67.638
    gesamt 1.293.449
    http://de.wikipedia.org/w...
    http://universal_lexikon....

    Zudem genießen die Unabhängigkeitskämpfer der Tuareg nicht einmal die Unterstützung der Mehrheit der Tuareg in Mali. So hehre Ziele haben sie nämlich nicht.

    Ein unabhängiges Azawad ist demokratisch nicht zu erreichen, wenn die Tuareg ihre Interessen gegen die anderen Bewohner mit Waffengewalt erreichen wollen.

    Gerade weil Mali ein souveräner Staat ist, gibt es die internationale UN-Mission auf Bitten der malischen Regierung.

    Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass die Westenhasser sich mit dem Völkerrecht beschäftigen!

    Antwort auf "Was ist"
  4. Wenn es um sachliche Informationsübermittlung geht sind Radio- und Fernsehsender ein gutes Mittel. Man denke an die BBC im WK2, Radio Liberty und Radio Free Europe im kalten Krieg oder ARD und ZDF für die DDR. Die hatten Publikum, weil es einen Informationsmangel gab.

    In Ägypten kann man aus 200 Radio- und Fernsehsendern auswählen, was einem gefällt. In Kairo heißt ein ganzer Stadtteil „Media City“. Es gibt dort bereits die Medien, welche sie einfordern.

    Die liberalen Programme erreichen aber die Salafisten und Islamisten nicht. Im Gegenteil riefen sie zum Boykott unliebsamer Medien auf unter dem Titel „Sharia first“: http://www.egyptindepende...

    Gläubige folgen der Religion und suchen das Gute, während sie das Böse meiden. Sie entziehen sich damit jeglicher Information, die dem Glauben widerspricht! Und Fundamentalisten isolieren sich besonders gut.

    Auf Staaten kann man besser über die Regierungen und die Wirtschaft einwirken. Wer die universalen Menschenrechte einhält und kriminelle Fundamentalisten verfolgt, der wird unterstützt. Die Muslimbrüder müssen das jetzt lernen, wenn sie ihre Kredite erfolgreich verhandeln wollen.

    Gegen gewalttätige Islamisten nutzt aber weder der eine, noch der andere Ansatz.

    • P229
    • 27. Januar 2013 2:52 Uhr
    77. Fazit

    "Ich habe diesen ganzen Jubel über den "Arabischen Frühling" so satt, seit der ersten Minute. Der islamistische Winter wütet in Nordafrika und bald auch in Europa. Mit Unterstützung der Nato. Es ist ungeheuerlich."

    !!

    Antwort auf "Was man tun solte?"
  5. Die Islamisten stören den friedlichen Uranabbau in Niger. Darunter leiden nicht nur die Unternehmensgewinne, sondern auch die französische Volkswirtschaft.

    Die Franzosen müssen jetzt die Uranmine in Niger schützen, weil es den Überfall mit Geiselnahme auf das Gasfeld in Algerien gab.
    http://www.france24.com/e...

    Aber du gehst davon aus, dass Frankreich diese Truppen nach Niger verlegen wollte und deshalb die Islamisten angeheuert hat. Damit es nicht auffällt, sollten sie in Mali aktiv werden und später das Gasfeld in Algerien angreifen. Diese Verschwörungstheorien kann jeder ganz einfach schreiben, wenn man Störendes weglässt.

    So hatte Frankreich schon vorher Truppen in Niger stationiert, die man teilweise nach Mali verlegte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Truppen stationiert hat, ist nicht neu.
    Es geht mir überhaupt nicht um Verschwörungstheorien, sondern um einen Aspekt zu beleuchten, der in der ganzen Berichterstattung unterzugehen droht: Nämlich Frankreichs Einflusssicherung in diesem Raum - da ist es nur logisch, dass der Islamismus auch als Ablenkung benutzt wird, um die eigenen Schweinereien zu verschleiern -- und Atomindustrie ist und bleibt eine Schweinerei.

  6. Es werden alle Szenarien der "Ausbeutung" und "Postkolonialisierung" in den Foren breitgetreten, meist ohne Hintergundwissen und mit Bezügen zu Quellen die selber von Foristen bestückt werden.
    Wer von Ihnen hier kennt das Land Mali überhaupt bzw. die Region als solches ? Hat jemand eine Zeit dort vor Ort verbracht und die Menschen und deren Probleme kennengelernt ? Die Verbindungen als auch das Mißtrauen zwischen den zahlreichen Ethnien und Volksgruppen sind bekannt ?

    Es werden Urteile und (geo-)regionalpolitische Strategien und Analysen zusammengezimmert, und das nur aus der Sicht der westlichen Welt. Deshalb gibt es auch die Westerwelles die nicht den Hauch einer Ahnung von den sehr komplexen Problemen und historischen Zusammenhängen haben, sich aber anmaßen die Lösungen liefern zu können.

    Das Länder und Konzerne ihren Vorteil irgendwo suchen ist logisch. Als ob Deutschland das nicht tut, wir haben keinen Heiligenschein. Da fragen Sie am besten ihren Investmenbanker der Ihre Rente aufbessern soll (aber geht mich ja nichts an, der Böse ist ja dann die Bank) mit den Nahrungsmittelspekulationen etc. etc.

    Die Welt ist in vielen Teilen in einem Umbruch und das bringt auch viele Probleme mit sich. Nordafrika ist jetzt schlicht und einfach gefordert seine unterdrückten Probleme aufzuarbeiten, das gehört zur Entwicklung dazu. Auch die Islamisten haben da keine Wahl, sonst werden sie verlieren.

    Subsahara-Afrika hat einen noch längeren und blutigen Weg vor sich, keine Frage.

    Eine Leserempfehlung
  7. Es ist gut, wenn Journalisten nicht nur beschreiben was ist, sondern auch nach Lösungsmöglichkeiten fragen.

    Im aktuellen Fall der Gotteskrieger in Nordafrika ist eine Antwort natürlich schwierig. Es sind einzelne kriminelle und gewalttätige Menschen mit einem geschlossenen Weltbild, die sich zu losen und wechselnden Gruppen zusammenschließen. Man kann sie mit der RAF vergleichen. Was konnte man damals tun.

    Was machen wir gegen organisierte Kriminalität? Und wird sie dadurch weniger oder ausgemerzt?

    Wir können die Saharastaaten beeinflussen und unterstützen. Damit könnte der Zulauf reduziert werden. Aber löst das unser Problem mit den Gotteskriegern?

    Die ZEIT kann Wissenschaftler und Politiker um Gastbeiträge bitten, damit fundierte Expertise öffentlich wird. Die Leser können Schwachstellen aufdecken und Ansätze verteidigen. Und dann können die Gastautoren gemeinsam eine Strategie entwickeln.

    So ein Hearing wäre interessant und spannend. Und selbst wenn keine neuen Lösungen gefunden würden, so wären doch die alten Lösungen verifiziert und verankert worden.

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