Französische Soldaten auf dem Weg nach Timbuktu, Mali © Eric Feferberg/afp/Getty Images

Ist denn noch keinem aufgefallen, dass Deutschland gerade in einen Krieg verwickelt ist? Ich muss zugeben, ich bin ein wenig verwirrt. Seit zwei Wochen setze ich mich jeden Abend mit einer riesigen Tonne Popcorn vor den Fernseher und warte gespannt. Und? Nichts.

Deutschland ist doch die Weltmacht, in der der Pazifismus am stärksten ist. Aber wo bleiben die Friedensdemos, die dieser Tage überall im Land stattfinden müssten? Wo bleiben die Transparente und Lichterketten? Schalte ich immer zur falschen Zeit ein, oder gibt es sie tatsächlich nicht?

Und was für ein Krieg das ist! Ein reiches westliches Land, Frankreich, marschiert in ein armes islamisches Land ein, das für seine Goldminen bekannt ist: Mali ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas. Es verfügt also in Zeiten der Wirtschaftskrise über die begehrtesten Anlagereserven überhaupt.

Wenn nicht da schon die Alarmglocken klingeln, wurden in der vorigen Woche schon die ersten schockierenden Misshandlungen und Exekutionen seitens der malischen Armee bekannt. Langsam erreichen uns auch die Bilder Tausender Menschen, die vor den islamistischen Rebellengruppen nach Mauretanien, Burkina Faso und Niger geflohen sind.

Aber keine Sorge: Politiker sagen voraus, dass der Krieg nur ein paar Tage dauern wird. Na gut, das war vor ein paar Wochen, trotzdem ist das beruhigend. Schließlich mischt auch Deutschland bei dem Einsatz mit, zwar zögerlich, aber immerhin.

Schreck-Ideologie Kommunismus

All das kommt mir – als Amerikaner – irgendwie bekannt vor. Wann sind wir Amis das letzte Mal auf einen Krieg reingefallen, der in einer ehemaligen französische Kolonie anfing, und wo die Franzosen sich anfangs verantwortlich fühlten – aber nur anfangs? Ach ja, richtig: Vietnam.

Jener Krieg begann schon in den 1940ern, als kommunistische Rebellen im Norden Indochinas Hunderttausende Bewohner ihrer eroberten Gebiete grausam abschlachteten. Diese Schreckensmeldungen schockierten die Menschen in der westlichen Welt – ähnlich wie die Gräueltaten der malischen Rebellen heute uns.

Dazu kam die angsteinflößende Ideologie: Die Vietnamesen waren Kommunisten. Alle glaubten damals, sollte Vietnam erobert werden, würde der Kommunismus auf ganz Asien übergreifen. Heute heißt die Schreck-Ideologie "radikaler Islam", und ähnlich glaubt man auch heute, dass sie sich auf ganz Afrika ausbreiten wird, wenn Mali in radikalislamische Hände fällt.

Damals, als Kennedy den Südvietnamesen zu Hilfe kam, nachdem die Franzosen es sich anders überlegt hatten und nach Hause gegangen waren, ging es auch bloß um eine rein unterstützende Maßnahme: Ganz wenige Truppen sollten vor allem mit Expertise und technischer Hilfe Unterstützung leisten.

Ich habe nichts gegen Krieg

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Krieg. Im Gegenteil, ich finde das Engagement in Mali nicht verkehrt. Je weniger mörderische Fanatiker es in Positionen der Macht auf der Welt gibt, desto besser für alle. Ich hatte im Grunde auch nichts gegen die Kriege im Irak oder in Afghanistan, die zwar größer als der Mali-Einsatz waren, aber sonst durchaus vergleichbar sind.

Mir fällt nur auf, dass diese minimale Verwicklung in Mali ein neuer Schritt für Deutschland ist – ohne dass die Deutschen es wahrnehmen. Denn der Mali-Einsatz ist anders als jeder andere Krieg, an dem sich die BRD beteiligt hat. Bislang hat sich Deutschland immer hinter den USA, der Nato oder einem Blauhelm-Auftrag verstecken können. Diesmal, deshalb auch die große Vorsicht, ist Deutschland aus freien Stücken dabei: Es gibt keinen Vertrag mit Frankreich, der Deutschland zu einer Unterstützung zwingt.

Das ist neu. Deutschland handelt (zumindest ein wenig), weil das zu seiner neuen Führungsrolle in Europa gehört. Gestern griff man Griechenland unter die Arme, heute schon muss man sich den Aufgaben in einem fernen, nichteuropäischen Land stellen. Auch wenn Frankreich natürlich die Hauptarbeit leistet, ist das doch schon mal was. Ich bin stolz auf beide Länder, aber nach Mali muss es noch weitergehen: Europa muss insgesamt imperialistischer werden

Moralische Verpflichtung zur Einmischung

Na gut, ich gebe zu, ich habe vielleicht eine ganz eigene Definition von Imperialismus: die Bereitschaft, sich zum Wohle aller in die politischen Angelegenheiten fremder Nationen einzumischen, wenn notwendig und gewünscht. Das ist die Art Imperialismus, die Frankreich gerade in Mali betreibt, und die man auch von Deutschland erwarten kann.

Doch, ich meine es ernst: Ein kleines, unschuldiges Land wie Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts konnte sich noch eine Weiße Weste leisten. Heute aber bilden Deutschland und Frankreich "Kerneuropa", und die Europäische Union ist kein kleines, unschuldiges Land. Sie ist eine einflussreiche Supermacht und hat eine moralische Verpflichtung, ihr Geld, Know-how und auch ihre Streitkräfte zum Wohle seiner Verbündeten und der eigenen Interessen einzusetzen. Auch wenn es schiefgehen könnte.

Selbst wenn es den Franzosen tatsächlich gelingt, in den nächsten Wochen aus Mali abzuziehen, bevor die Anti-Kriegs-Proteste im eigenen Land losgehen (und es sieht nach der Eroberung von Timbuktu gar nicht so schlecht aus), wird so etwas bald wieder passieren. Solche Herausforderungen werden in Zukunft häufiger auf Europa und damit auch auf Deutschland zukommen. Irgendwann wird auch ein echtes Vietnam darunter sein.

Dieser Krieg ist der eigene

Deshalb wundere ich mich, dass sich in Deutschland kaum jemand über den Krieg aufregt. Ist er so viel anders als der Irak-Krieg, als Hunderttausende Menschen auf die Straße gingen? Ach ja, da gibt es tatsächlich einen großen Unterschied: Dieser Krieg ist der eigene – ein europäischer Krieg.

Denn es ging auch damals gar nicht um die Schrecken des Krieges an sich. Der wahre Grund, warum man so voller Überzeugung gegen Bush und seine Kriegstreiberei protestierte, war nicht der Weltfrieden. Es ging vielmehr um die Abnabelung vom großen Bruder in Übersee. Seit Ende des Kalten Krieges suchte ganz Europa nach einer Möglichkeit, sich von der Vormundschaft Amerikas zu lösen. Der Irak-Krieg bot diese Gelegenheit: Die Europäer mussten sich nur moralisch von den USA absetzen, und schon waren sie frei.

Seitdem hat Amerika in Europa keine moralische Führungsrolle mehr. Europa hat sich erfolgreich emanzipiert. Und ist endlich frei, eine neue Rolle anzunehmen: Weltpolizei. Ich freue mich darüber. Endlich müssen wir Trottel den Job nicht mehr alleine machen! Und ich wünsche euch mehr Glück, als wir Amis es hatten. Ihr werdet es brauchen.