US-KolumneEuropa sollte imperialistischer werden
Seite 2/2:

Ich habe nichts gegen Krieg

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Krieg. Im Gegenteil, ich finde das Engagement in Mali nicht verkehrt. Je weniger mörderische Fanatiker es in Positionen der Macht auf der Welt gibt, desto besser für alle. Ich hatte im Grunde auch nichts gegen die Kriege im Irak oder in Afghanistan, die zwar größer als der Mali-Einsatz waren, aber sonst durchaus vergleichbar sind.

Mir fällt nur auf, dass diese minimale Verwicklung in Mali ein neuer Schritt für Deutschland ist – ohne dass die Deutschen es wahrnehmen. Denn der Mali-Einsatz ist anders als jeder andere Krieg, an dem sich die BRD beteiligt hat. Bislang hat sich Deutschland immer hinter den USA, der Nato oder einem Blauhelm-Auftrag verstecken können. Diesmal, deshalb auch die große Vorsicht, ist Deutschland aus freien Stücken dabei: Es gibt keinen Vertrag mit Frankreich, der Deutschland zu einer Unterstützung zwingt.

Das ist neu. Deutschland handelt (zumindest ein wenig), weil das zu seiner neuen Führungsrolle in Europa gehört. Gestern griff man Griechenland unter die Arme, heute schon muss man sich den Aufgaben in einem fernen, nichteuropäischen Land stellen. Auch wenn Frankreich natürlich die Hauptarbeit leistet, ist das doch schon mal was. Ich bin stolz auf beide Länder, aber nach Mali muss es noch weitergehen: Europa muss insgesamt imperialistischer werden

Moralische Verpflichtung zur Einmischung

Na gut, ich gebe zu, ich habe vielleicht eine ganz eigene Definition von Imperialismus: die Bereitschaft, sich zum Wohle aller in die politischen Angelegenheiten fremder Nationen einzumischen, wenn notwendig und gewünscht. Das ist die Art Imperialismus, die Frankreich gerade in Mali betreibt, und die man auch von Deutschland erwarten kann.

Doch, ich meine es ernst: Ein kleines, unschuldiges Land wie Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts konnte sich noch eine Weiße Weste leisten. Heute aber bilden Deutschland und Frankreich "Kerneuropa", und die Europäische Union ist kein kleines, unschuldiges Land. Sie ist eine einflussreiche Supermacht und hat eine moralische Verpflichtung, ihr Geld, Know-how und auch ihre Streitkräfte zum Wohle seiner Verbündeten und der eigenen Interessen einzusetzen. Auch wenn es schiefgehen könnte.

Selbst wenn es den Franzosen tatsächlich gelingt, in den nächsten Wochen aus Mali abzuziehen, bevor die Anti-Kriegs-Proteste im eigenen Land losgehen (und es sieht nach der Eroberung von Timbuktu gar nicht so schlecht aus), wird so etwas bald wieder passieren. Solche Herausforderungen werden in Zukunft häufiger auf Europa und damit auch auf Deutschland zukommen. Irgendwann wird auch ein echtes Vietnam darunter sein.

Dieser Krieg ist der eigene

Deshalb wundere ich mich, dass sich in Deutschland kaum jemand über den Krieg aufregt. Ist er so viel anders als der Irak-Krieg, als Hunderttausende Menschen auf die Straße gingen? Ach ja, da gibt es tatsächlich einen großen Unterschied: Dieser Krieg ist der eigene – ein europäischer Krieg.

Denn es ging auch damals gar nicht um die Schrecken des Krieges an sich. Der wahre Grund, warum man so voller Überzeugung gegen Bush und seine Kriegstreiberei protestierte, war nicht der Weltfrieden. Es ging vielmehr um die Abnabelung vom großen Bruder in Übersee. Seit Ende des Kalten Krieges suchte ganz Europa nach einer Möglichkeit, sich von der Vormundschaft Amerikas zu lösen. Der Irak-Krieg bot diese Gelegenheit: Die Europäer mussten sich nur moralisch von den USA absetzen, und schon waren sie frei.

Seitdem hat Amerika in Europa keine moralische Führungsrolle mehr. Europa hat sich erfolgreich emanzipiert. Und ist endlich frei, eine neue Rolle anzunehmen: Weltpolizei. Ich freue mich darüber. Endlich müssen wir Trottel den Job nicht mehr alleine machen! Und ich wünsche euch mehr Glück, als wir Amis es hatten. Ihr werdet es brauchen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Tja.. fragt sich warum wir Europäer nichts von den "Trotteln" USA gelernt haben. Grade Afghanistan und Irak haben die USA ja international nicht gerade gestärkt und die Staatsfinanzen haben noch mehr gelitten.(Abenteuer wie Korea und Vietnam waren auch nicht von Erfolg gekrönt) So wohl gemeint der "Imperialismus" in Mali auch sein mag (man darf durchaus seine Zweifel haben, in Anbetracht der zweifelhaften Verbündeten die man dort hat.. eine Militärdiktatur die auch bloß ihre Gegner in Militär und Zivil hat ermorden lassen, deren Soldaten ebenfalls Gräuel begehen.), die Wahrscheinlichkeit, dass es nach einem initialen militärischen Sieg nach hinten losgeht ist hoch.

    Aber der Autor hat Recht. Es ist erstaunlich wie akzeptabel Krieg mittlerweile in Deutschland geworden ist. Die Propagandamaschine hat über die Jahre wirklich Beeindruckendes geleistet. Unserer Regierungen haben uns an den Krieg "herangeführt" und wir merken es nichtmal. Unser Kriegsminister spricht sich für mehr Drohnen aus, damit in Zukunft noch nicht mal die Angst eigene Soldaten zu verlieren einen Kriegseintritt verhindern kann. Wir sind auf einem interessanten Weg... War da nicht ein Satz im Grundgesetz? Im Artikel 26? Ist das nur noch Makulatur? Wie stehen unsere Militaristen und Imperialisten (beides natürlich im positivsten Sinne) zu diesem Artikel?

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Kraake
    • 30. Januar 2013 23:56 Uhr

    ... welcher Krieg in letzter Zeit war als "Angriffskrieg" deklariert?

    Schuld ist letztendlich immer der Andere ... .

    Meine Geschichtsbildung reicht nicht aus, um auch nur einen Krieg zu benennen, der nicht von beiden Seiten jeweils als Verteidigungskrieg interpretiert werden könnte. Ich sag nur "Präventivkriege". Dschingis Khan hat angeblich ganze Völkerschaften nur deshalb ausgerottet, weil sie sich nicht seiner Herrlichkeit entsprechend verhielten. Er hat ja nur seine Ehre, sein Selbstbild oder "was auch immer" verteidigt.

    Art. 26 klingt interessant, aber ist viel zu unklar formuliert. Im besten Fall eine Ermahnung, im schlimmsten Fall ein Machtinstrument.

  2. ist vom Prinzip her ja nichts Schlechtes. Das Problem ist das imperialistische ausgerichtete Länder oder Unionen auch immer dazu neigen Ideologien gewaltsam durch zudrücken.

    Es würde vielen Ländern in Afrika besser gehen wenn diese sozial-marktwirtschaftliche Kolonien wären. Stellen sie sich mal vor Namibia wäre noch deutsche Kolonie. Dort gäbe es ein soziales Netz und Infrastruktur wie in Deutschland.

    Die Leute könnten dort in ihrem glauben leben müssten sich nur an deutsches Recht halten. Ich bin der Ansicht es würde dort vielen besser gehen.

    Unabhängigkeit ist ein schönes Wort, aber kein Konzept.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • FrankyX
    • 30. Januar 2013 18:25 Uhr

    Kolonien zurückerobern um dort Wohlstand zu verbreiten. Interessantes Konzept, aber es geht nicht weit genug. Wie wäre es mit einem mitfühlenden Imperialismus. Setzt die westliche militärische Überlegenheit ein, um Menschenrechte weltweit durchzusetzen und Diktatoren zu stürtzen. Attackiert Staaten, denen das Klimaschutzprotokoll egal ist. Überschwemmt das eroberte Land mit Mädchenschulen, Brunnen und Sozialarbeitern. Sprengt die Atomkraftwerke, bevor sie von selbst explodieren, verbrennt das Öl direkt an der Quelle, damit niemand anderes die Umwelt verschmutzen kann.

    Es gibt noch so viel zu Tun.

    "Imperialismus ist vom Prinzip her ja nichts schlechtes."

    Können Sie diese Behauptung belegen?

    Um's nicht zu einfach zu machen: Nicht aus der Sicht der Imperialisten bitte, aus der Sicht der Gegenseite wäre mal interessant...

    • deDude
    • 30. Januar 2013 16:09 Uhr

    "Seit Ende des Kalten Krieges suchte ganz Europa nach einer Möglichkeit, sich von der Vormundschaft Amerikas zu lösen. Der Irak-Krieg bot diese Gelegenheit: Die Europäer mussten sich nur moralisch von den USA absetzen, und schon waren sie frei."

    So sehe ich das nicht unbedingt. Ich hatte bis 2003 überhaupt keinen Grund gesehen, warum wir Europäer uns von den USA "lossagen" sollten. Als Kinder und auch als junge Erwachsene haben wir stets voller Bewunderung zu den USA aufgesehen. Wir haben ein ähnliches Werte-, Wirtschafts- und Rechtssystem und unsere Länder genügend Historie auf die sie gemeinsam zurückblicken können.

    Grade wir Deutschen haben den USA einiges zu verdanken, wenn es nach anderen gegangen wäre, so wäre Deutschland heute warscheinlich der letzte Agrarstaat Europas und nicht in der Position nebst den Franzosen die Führungsrolle in Europa zu beanspruchen/in die Führungsrolle gedrängt zu werden.

    Deutschland hat den USA ja 2003 nicht ohne Grund die Gefolgschaft versagt. Unser damaliger Außenminister Joschka Fischer hatte es meines Wissens nach damals gegenüber Donald Rumsfeld mit den Worten „Excuse me, I am not convinced.“ begründet und im Nachfassen recht damit behalten.

    Vielleicht wollten sich die Europäer das ersparen was den Amerikanern widerfahren ist, nämlich ihren Ruf zu zerstören und am Ende trotz all der technischen Überlegenheit von ein paar Sandalenträgern in den Allerwertesten getreten zu werden.

    Eine Leserempfehlung
  3. doch diktiert. Damals in seiner Rede auf die Feier zum 60. Jahr der NATO. Die USA können nicht mehr unilateral handeln, meinte er. Die NATO-mitglieder müssen mitmachen (und natürlich mitbestimmen). Siehe also, die Türkei in Syrien, FR+UK+USA in Libyen, FR+US+DE in Mali, et cetera. Europa kann die USA nicht ersetzen. Es hat's schwer, mal eine Währung sicherzustellen, oder die absehbare "Sezession" des UK zu verhindern.

    Im Grunde sehe ich das ähnlich, es handelt sich um imperialistische Kriege, wohl aber die letzten aus der westlichen Ecke der Welt. Ich bin natürlich gegen diese Kriege. War der Eric ironisch? Oder liebt er die BRD so sehr, dass er ihr ein Vietnam wünscht? Er hat aber die deutsche Heuchelei schön getroffen.
    "getroffen"?
    Ach, Entschuldigung für die "militante" Wortwahl.. wir sind Pazifisten hier!

    4 Leserempfehlungen
  4. europäischen Imperialismus des vorletzten Jahrhunderts geschuldet sind?

    Und ist der Vergeltungsschlag gegen Afghanistan wirklich frei davon?

    Eine Leserempfehlung
  5. Deutschland nicht über Mali redet? Es gibt eben wichtigere Themen, Herr Brüderle und sein Dirndl zum Beispiel. Da ist kein Platz für eine Talkshow über Afrika und ob DE da etwas verloren hat oder nicht. Das hat was mit den Einschaltquoten zu tun. Wo liegt Mali überhaupt?

    8 Leserempfehlungen
  6. Was für ein schöner Artikel. Als ob man nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Wir können stolz auf uns sein! Endlich beteiligen wir uns wieder an einem Krieg und werden unserer Führungsrolle gerecht. Lasst uns gewaltsam die Welt nach westlichen Maßstäben formen, bis auch der Rest der Welt endlich unseren Weg als den einzig Richtigen anerkennt!

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    dass es derzeit legitim scheint die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Man sollte an das Gesamtproblem sehr viel differenzierter und überlegter herangehen. Klar kann man es nicht für gut heißen wenn herrschafts- und machtsüchtige Menschen anderen Menschen schaden oder diese sogar umbringen lassen. Dennoch finde ich es gefährlich sich unüberlegt für das einzig "Gute" zu entscheiden.

    Ägypten, auch der erstarkende in Libyen, das Theater in Mali, was ja zum Teil von den Tuareg ausgelöst wurde, ehemals Gefolgsleute Gaddafis, das alles hat auch mit der indirekten Einflussnahme auf die bisherigen Machthaber durch den Westen zu tun. Gaddafi, Mubarak, das waren mal treue Vasallen. Der Westen hat die alten Strukturen beseitigt und es braucht Zeit, bis sich neue gebildet haben. Das war auch in Russland bzw. der SU so. Was passiert denn jetzt mit Mursi und in Mali? Alte Strukturen mit neuen Köpfen, mehr ist das nicht. Ich halte nichts vom Islamismus, aber wenn man lange genug den Leuten die falschen Gebete vorspricht, dann rächt sich das irgendwann einmal. Vietnam, Libyen, Ägypten, jetzt Mali, Somalia. Die Liste ist endlos und Paradebeispiele gibt auch in Südamerika.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service