Wir Amis / US-Kolumne : Europa sollte imperialistischer werden
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Ich habe nichts gegen Krieg

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Krieg. Im Gegenteil, ich finde das Engagement in Mali nicht verkehrt. Je weniger mörderische Fanatiker es in Positionen der Macht auf der Welt gibt, desto besser für alle. Ich hatte im Grunde auch nichts gegen die Kriege im Irak oder in Afghanistan, die zwar größer als der Mali-Einsatz waren, aber sonst durchaus vergleichbar sind.

Mir fällt nur auf, dass diese minimale Verwicklung in Mali ein neuer Schritt für Deutschland ist – ohne dass die Deutschen es wahrnehmen. Denn der Mali-Einsatz ist anders als jeder andere Krieg, an dem sich die BRD beteiligt hat. Bislang hat sich Deutschland immer hinter den USA, der Nato oder einem Blauhelm-Auftrag verstecken können. Diesmal, deshalb auch die große Vorsicht, ist Deutschland aus freien Stücken dabei: Es gibt keinen Vertrag mit Frankreich, der Deutschland zu einer Unterstützung zwingt.

Das ist neu. Deutschland handelt (zumindest ein wenig), weil das zu seiner neuen Führungsrolle in Europa gehört. Gestern griff man Griechenland unter die Arme, heute schon muss man sich den Aufgaben in einem fernen, nichteuropäischen Land stellen. Auch wenn Frankreich natürlich die Hauptarbeit leistet, ist das doch schon mal was. Ich bin stolz auf beide Länder, aber nach Mali muss es noch weitergehen: Europa muss insgesamt imperialistischer werden

Moralische Verpflichtung zur Einmischung

Na gut, ich gebe zu, ich habe vielleicht eine ganz eigene Definition von Imperialismus: die Bereitschaft, sich zum Wohle aller in die politischen Angelegenheiten fremder Nationen einzumischen, wenn notwendig und gewünscht. Das ist die Art Imperialismus, die Frankreich gerade in Mali betreibt, und die man auch von Deutschland erwarten kann.

Doch, ich meine es ernst: Ein kleines, unschuldiges Land wie Deutschland am Ende des 20. Jahrhunderts konnte sich noch eine Weiße Weste leisten. Heute aber bilden Deutschland und Frankreich "Kerneuropa", und die Europäische Union ist kein kleines, unschuldiges Land. Sie ist eine einflussreiche Supermacht und hat eine moralische Verpflichtung, ihr Geld, Know-how und auch ihre Streitkräfte zum Wohle seiner Verbündeten und der eigenen Interessen einzusetzen. Auch wenn es schiefgehen könnte.

Selbst wenn es den Franzosen tatsächlich gelingt, in den nächsten Wochen aus Mali abzuziehen, bevor die Anti-Kriegs-Proteste im eigenen Land losgehen (und es sieht nach der Eroberung von Timbuktu gar nicht so schlecht aus), wird so etwas bald wieder passieren. Solche Herausforderungen werden in Zukunft häufiger auf Europa und damit auch auf Deutschland zukommen. Irgendwann wird auch ein echtes Vietnam darunter sein.

Dieser Krieg ist der eigene

Deshalb wundere ich mich, dass sich in Deutschland kaum jemand über den Krieg aufregt. Ist er so viel anders als der Irak-Krieg, als Hunderttausende Menschen auf die Straße gingen? Ach ja, da gibt es tatsächlich einen großen Unterschied: Dieser Krieg ist der eigene – ein europäischer Krieg.

Denn es ging auch damals gar nicht um die Schrecken des Krieges an sich. Der wahre Grund, warum man so voller Überzeugung gegen Bush und seine Kriegstreiberei protestierte, war nicht der Weltfrieden. Es ging vielmehr um die Abnabelung vom großen Bruder in Übersee. Seit Ende des Kalten Krieges suchte ganz Europa nach einer Möglichkeit, sich von der Vormundschaft Amerikas zu lösen. Der Irak-Krieg bot diese Gelegenheit: Die Europäer mussten sich nur moralisch von den USA absetzen, und schon waren sie frei.

Seitdem hat Amerika in Europa keine moralische Führungsrolle mehr. Europa hat sich erfolgreich emanzipiert. Und ist endlich frei, eine neue Rolle anzunehmen: Weltpolizei. Ich freue mich darüber. Endlich müssen wir Trottel den Job nicht mehr alleine machen! Und ich wünsche euch mehr Glück, als wir Amis es hatten. Ihr werdet es brauchen.

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Kommentare

84 Kommentare Seite 1 von 9 Kommentieren

Danke für den Hinweis auf Art. 26GG, jedoch ...

... welcher Krieg in letzter Zeit war als "Angriffskrieg" deklariert?

Schuld ist letztendlich immer der Andere ... .

Meine Geschichtsbildung reicht nicht aus, um auch nur einen Krieg zu benennen, der nicht von beiden Seiten jeweils als Verteidigungskrieg interpretiert werden könnte. Ich sag nur "Präventivkriege". Dschingis Khan hat angeblich ganze Völkerschaften nur deshalb ausgerottet, weil sie sich nicht seiner Herrlichkeit entsprechend verhielten. Er hat ja nur seine Ehre, sein Selbstbild oder "was auch immer" verteidigt.

Art. 26 klingt interessant, aber ist viel zu unklar formuliert. Im besten Fall eine Ermahnung, im schlimmsten Fall ein Machtinstrument.