US-KolumneEuropa sollte imperialistischer werden

Frankreich kämpft in Mali gegen Islamisten, Deutschland mischt mit. "Endlich müssen wir amerikanischen Trottel den Job nicht mehr allein machen", findet Eric T. Hansen. von 

Französische Soldaten auf dem Weg nach Timbuktu, Mali

Französische Soldaten auf dem Weg nach Timbuktu, Mali  |  © Eric Feferberg/afp/Getty Images

Ist denn noch keinem aufgefallen, dass Deutschland gerade in einen Krieg verwickelt ist? Ich muss zugeben, ich bin ein wenig verwirrt. Seit zwei Wochen setze ich mich jeden Abend mit einer riesigen Tonne Popcorn vor den Fernseher und warte gespannt. Und? Nichts.

Deutschland ist doch die Weltmacht, in der der Pazifismus am stärksten ist. Aber wo bleiben die Friedensdemos, die dieser Tage überall im Land stattfinden müssten? Wo bleiben die Transparente und Lichterketten? Schalte ich immer zur falschen Zeit ein, oder gibt es sie tatsächlich nicht?

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Und was für ein Krieg das ist! Ein reiches westliches Land, Frankreich, marschiert in ein armes islamisches Land ein, das für seine Goldminen bekannt ist: Mali ist der drittgrößte Goldproduzent Afrikas. Es verfügt also in Zeiten der Wirtschaftskrise über die begehrtesten Anlagereserven überhaupt.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Wenn nicht da schon die Alarmglocken klingeln, wurden in der vorigen Woche schon die ersten schockierenden Misshandlungen und Exekutionen seitens der malischen Armee bekannt. Langsam erreichen uns auch die Bilder Tausender Menschen, die vor den islamistischen Rebellengruppen nach Mauretanien, Burkina Faso und Niger geflohen sind.

Aber keine Sorge: Politiker sagen voraus, dass der Krieg nur ein paar Tage dauern wird. Na gut, das war vor ein paar Wochen, trotzdem ist das beruhigend. Schließlich mischt auch Deutschland bei dem Einsatz mit, zwar zögerlich, aber immerhin.

Schreck-Ideologie Kommunismus

All das kommt mir – als Amerikaner – irgendwie bekannt vor. Wann sind wir Amis das letzte Mal auf einen Krieg reingefallen, der in einer ehemaligen französische Kolonie anfing, und wo die Franzosen sich anfangs verantwortlich fühlten – aber nur anfangs? Ach ja, richtig: Vietnam.

Jener Krieg begann schon in den 1940ern, als kommunistische Rebellen im Norden Indochinas Hunderttausende Bewohner ihrer eroberten Gebiete grausam abschlachteten. Diese Schreckensmeldungen schockierten die Menschen in der westlichen Welt – ähnlich wie die Gräueltaten der malischen Rebellen heute uns.

Dazu kam die angsteinflößende Ideologie: Die Vietnamesen waren Kommunisten. Alle glaubten damals, sollte Vietnam erobert werden, würde der Kommunismus auf ganz Asien übergreifen. Heute heißt die Schreck-Ideologie "radikaler Islam", und ähnlich glaubt man auch heute, dass sie sich auf ganz Afrika ausbreiten wird, wenn Mali in radikalislamische Hände fällt.

Damals, als Kennedy den Südvietnamesen zu Hilfe kam, nachdem die Franzosen es sich anders überlegt hatten und nach Hause gegangen waren, ging es auch bloß um eine rein unterstützende Maßnahme: Ganz wenige Truppen sollten vor allem mit Expertise und technischer Hilfe Unterstützung leisten.

Leserkommentare
  1. Tja.. fragt sich warum wir Europäer nichts von den "Trotteln" USA gelernt haben. Grade Afghanistan und Irak haben die USA ja international nicht gerade gestärkt und die Staatsfinanzen haben noch mehr gelitten.(Abenteuer wie Korea und Vietnam waren auch nicht von Erfolg gekrönt) So wohl gemeint der "Imperialismus" in Mali auch sein mag (man darf durchaus seine Zweifel haben, in Anbetracht der zweifelhaften Verbündeten die man dort hat.. eine Militärdiktatur die auch bloß ihre Gegner in Militär und Zivil hat ermorden lassen, deren Soldaten ebenfalls Gräuel begehen.), die Wahrscheinlichkeit, dass es nach einem initialen militärischen Sieg nach hinten losgeht ist hoch.

    Aber der Autor hat Recht. Es ist erstaunlich wie akzeptabel Krieg mittlerweile in Deutschland geworden ist. Die Propagandamaschine hat über die Jahre wirklich Beeindruckendes geleistet. Unserer Regierungen haben uns an den Krieg "herangeführt" und wir merken es nichtmal. Unser Kriegsminister spricht sich für mehr Drohnen aus, damit in Zukunft noch nicht mal die Angst eigene Soldaten zu verlieren einen Kriegseintritt verhindern kann. Wir sind auf einem interessanten Weg... War da nicht ein Satz im Grundgesetz? Im Artikel 26? Ist das nur noch Makulatur? Wie stehen unsere Militaristen und Imperialisten (beides natürlich im positivsten Sinne) zu diesem Artikel?

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    • Kraake
    • 30. Januar 2013 23:56 Uhr

    ... welcher Krieg in letzter Zeit war als "Angriffskrieg" deklariert?

    Schuld ist letztendlich immer der Andere ... .

    Meine Geschichtsbildung reicht nicht aus, um auch nur einen Krieg zu benennen, der nicht von beiden Seiten jeweils als Verteidigungskrieg interpretiert werden könnte. Ich sag nur "Präventivkriege". Dschingis Khan hat angeblich ganze Völkerschaften nur deshalb ausgerottet, weil sie sich nicht seiner Herrlichkeit entsprechend verhielten. Er hat ja nur seine Ehre, sein Selbstbild oder "was auch immer" verteidigt.

    Art. 26 klingt interessant, aber ist viel zu unklar formuliert. Im besten Fall eine Ermahnung, im schlimmsten Fall ein Machtinstrument.

  2. ist vom Prinzip her ja nichts Schlechtes. Das Problem ist das imperialistische ausgerichtete Länder oder Unionen auch immer dazu neigen Ideologien gewaltsam durch zudrücken.

    Es würde vielen Ländern in Afrika besser gehen wenn diese sozial-marktwirtschaftliche Kolonien wären. Stellen sie sich mal vor Namibia wäre noch deutsche Kolonie. Dort gäbe es ein soziales Netz und Infrastruktur wie in Deutschland.

    Die Leute könnten dort in ihrem glauben leben müssten sich nur an deutsches Recht halten. Ich bin der Ansicht es würde dort vielen besser gehen.

    Unabhängigkeit ist ein schönes Wort, aber kein Konzept.

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    • FrankyX
    • 30. Januar 2013 18:25 Uhr

    Kolonien zurückerobern um dort Wohlstand zu verbreiten. Interessantes Konzept, aber es geht nicht weit genug. Wie wäre es mit einem mitfühlenden Imperialismus. Setzt die westliche militärische Überlegenheit ein, um Menschenrechte weltweit durchzusetzen und Diktatoren zu stürtzen. Attackiert Staaten, denen das Klimaschutzprotokoll egal ist. Überschwemmt das eroberte Land mit Mädchenschulen, Brunnen und Sozialarbeitern. Sprengt die Atomkraftwerke, bevor sie von selbst explodieren, verbrennt das Öl direkt an der Quelle, damit niemand anderes die Umwelt verschmutzen kann.

    Es gibt noch so viel zu Tun.

    "Imperialismus ist vom Prinzip her ja nichts schlechtes."

    Können Sie diese Behauptung belegen?

    Um's nicht zu einfach zu machen: Nicht aus der Sicht der Imperialisten bitte, aus der Sicht der Gegenseite wäre mal interessant...

    • deDude
    • 30. Januar 2013 16:09 Uhr

    "Seit Ende des Kalten Krieges suchte ganz Europa nach einer Möglichkeit, sich von der Vormundschaft Amerikas zu lösen. Der Irak-Krieg bot diese Gelegenheit: Die Europäer mussten sich nur moralisch von den USA absetzen, und schon waren sie frei."

    So sehe ich das nicht unbedingt. Ich hatte bis 2003 überhaupt keinen Grund gesehen, warum wir Europäer uns von den USA "lossagen" sollten. Als Kinder und auch als junge Erwachsene haben wir stets voller Bewunderung zu den USA aufgesehen. Wir haben ein ähnliches Werte-, Wirtschafts- und Rechtssystem und unsere Länder genügend Historie auf die sie gemeinsam zurückblicken können.

    Grade wir Deutschen haben den USA einiges zu verdanken, wenn es nach anderen gegangen wäre, so wäre Deutschland heute warscheinlich der letzte Agrarstaat Europas und nicht in der Position nebst den Franzosen die Führungsrolle in Europa zu beanspruchen/in die Führungsrolle gedrängt zu werden.

    Deutschland hat den USA ja 2003 nicht ohne Grund die Gefolgschaft versagt. Unser damaliger Außenminister Joschka Fischer hatte es meines Wissens nach damals gegenüber Donald Rumsfeld mit den Worten „Excuse me, I am not convinced.“ begründet und im Nachfassen recht damit behalten.

    Vielleicht wollten sich die Europäer das ersparen was den Amerikanern widerfahren ist, nämlich ihren Ruf zu zerstören und am Ende trotz all der technischen Überlegenheit von ein paar Sandalenträgern in den Allerwertesten getreten zu werden.

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  3. doch diktiert. Damals in seiner Rede auf die Feier zum 60. Jahr der NATO. Die USA können nicht mehr unilateral handeln, meinte er. Die NATO-mitglieder müssen mitmachen (und natürlich mitbestimmen). Siehe also, die Türkei in Syrien, FR+UK+USA in Libyen, FR+US+DE in Mali, et cetera. Europa kann die USA nicht ersetzen. Es hat's schwer, mal eine Währung sicherzustellen, oder die absehbare "Sezession" des UK zu verhindern.

    Im Grunde sehe ich das ähnlich, es handelt sich um imperialistische Kriege, wohl aber die letzten aus der westlichen Ecke der Welt. Ich bin natürlich gegen diese Kriege. War der Eric ironisch? Oder liebt er die BRD so sehr, dass er ihr ein Vietnam wünscht? Er hat aber die deutsche Heuchelei schön getroffen.
    "getroffen"?
    Ach, Entschuldigung für die "militante" Wortwahl.. wir sind Pazifisten hier!

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  4. europäischen Imperialismus des vorletzten Jahrhunderts geschuldet sind?

    Und ist der Vergeltungsschlag gegen Afghanistan wirklich frei davon?

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  5. Deutschland nicht über Mali redet? Es gibt eben wichtigere Themen, Herr Brüderle und sein Dirndl zum Beispiel. Da ist kein Platz für eine Talkshow über Afrika und ob DE da etwas verloren hat oder nicht. Das hat was mit den Einschaltquoten zu tun. Wo liegt Mali überhaupt?

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  6. Was für ein schöner Artikel. Als ob man nichts aus der Vergangenheit gelernt hat. Wir können stolz auf uns sein! Endlich beteiligen wir uns wieder an einem Krieg und werden unserer Führungsrolle gerecht. Lasst uns gewaltsam die Welt nach westlichen Maßstäben formen, bis auch der Rest der Welt endlich unseren Weg als den einzig Richtigen anerkennt!

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    dass es derzeit legitim scheint die Welt in Gut und Böse einzuteilen. Man sollte an das Gesamtproblem sehr viel differenzierter und überlegter herangehen. Klar kann man es nicht für gut heißen wenn herrschafts- und machtsüchtige Menschen anderen Menschen schaden oder diese sogar umbringen lassen. Dennoch finde ich es gefährlich sich unüberlegt für das einzig "Gute" zu entscheiden.

    Ägypten, auch der erstarkende in Libyen, das Theater in Mali, was ja zum Teil von den Tuareg ausgelöst wurde, ehemals Gefolgsleute Gaddafis, das alles hat auch mit der indirekten Einflussnahme auf die bisherigen Machthaber durch den Westen zu tun. Gaddafi, Mubarak, das waren mal treue Vasallen. Der Westen hat die alten Strukturen beseitigt und es braucht Zeit, bis sich neue gebildet haben. Das war auch in Russland bzw. der SU so. Was passiert denn jetzt mit Mursi und in Mali? Alte Strukturen mit neuen Köpfen, mehr ist das nicht. Ich halte nichts vom Islamismus, aber wenn man lange genug den Leuten die falschen Gebete vorspricht, dann rächt sich das irgendwann einmal. Vietnam, Libyen, Ägypten, jetzt Mali, Somalia. Die Liste ist endlos und Paradebeispiele gibt auch in Südamerika.

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