US-KolumneWarum ich Patriot bin

Obama macht ihn stolz, weil er der Welt etwas zurückgibt von dem, was die USA großgemacht hat. Doch Kolumnist Eric T. Hansen liebt auch Deutschland – für seine Vernunft. von 

Als vor vier Jahren der erste schwarze Mann als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wurde, war ich wie betäubt. An diesem Abend lief ich mit meiner Freundin durch die Straßen von Berlin, und alle, die sich begegneten, ob schwarz oder weiß, lächelten sich an. Mir schien, es wären die Straßen einer neuen Welt. Wir sprachen nicht, wie üblich, über die aktuellen Filme, die Familie oder das jüngste Fettnäpfchen der FDP, sondern über etwas Größeres: über Demokratie. Was ist das? Wie weit kann sie gehen?

War Barack Obama ein Wunder, oder war er eigentlich nur das, was Demokratie jeden Tag vollbringt, ohne dass wir es merken? Wir unterstellen dem Diktat der Masse meist populistische Ergebnisse – wie also konnte so etwas passieren? Dass ein schwarzer Mann ins Weiße Haus kam, dass die Amerikaner ihn gerade in einer Phase des extremen Konservatismus gewählt hatten – das war wirklich wie ein Wunder. Es war der Beweis, dass es möglich ist, etwas zu bewegen.

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Obama kam wie ich aus Hawaii. Für mich war er ein ganz normaler Typ, so wie die anderen, die ich von der High School kannte. Na gut, er hat im Gegensatz zu mir etwas aus seinem Leben gemacht, aber sonst war er einfach ein Kerl, der sich entschlossen hat, der Welt etwas zurückzugeben. Er zeigte, wo die Demokratie beginnt: bei mir.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Bis zum Ende des Abends wusste ich: Ich will etwas für mein Land tun.

Für viele Deutsche ist Patriotismus nur Show und Fahne-Schwenken oder gar der direkte Weg in die Hölle. Aber sie sehen nur die bunte Zuckerkruste. Darunter liegt das persönliche Bekenntnis zum eigenen Land und der innere Drang, etwas für seine Heimat zu tun.

Als eine Haltung ist Patriotismus das Gegenteil von Obrigkeitsglauben, der davon ausgeht, dass die da oben für alles zuständig sind. Patriotismus ist die Frage: "Was kann ich für mein Land tun?" Obrigkeitsglaube ist die Frage: "Was schuldet mir der Staat?"

Nie wieder zurück, immer nur vorwärts

Amerika gebe ich gern was zurück, weil es mir so viel gegeben hat.

Vor allem den Geist. Die Idee der Eigenständigkeit, das Gefühl, dass alles möglich ist, die innere Überzeugung, dass ein Mensch Herr über sein eigenes Leben ist, dass sich die Gesellschaft ihm anpassen muss und nicht umgekehrt. Dieses Gefühl hat seinen Preis und stimmt mit der Realität nur zum Teil überein. Rein statistisch gesehen ist zum Beispiel Deutschland das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, nicht Amerika. Aber es reicht, um das Leben zu einem faszinierenden, vielversprechenden Spiel zu machen, an dem man gern teilnimmt.

Ich liebe Amerika, weil es kämpferisch ist. Ob religiös, politisch oder kulturell, ein Amerikaner ist stets von Herzen überzeugt und bereit, in die Vollen zu gehen. Ich mag es, weil es neu ist und das Neue liebt. Amerika prescht immer vor, will immer das, was erst übermorgen zu haben ist – und zwar jetzt. Es ist, als hätten die frühen Kolonisten, die aus der repressiven alten Welt auswanderten, plötzlich gesehen, was ihnen bis dahin alles verschlossen war. Und sie leisteten einen Eid, der seitdem von Generation zu Generation weitergegeben wurde: nie wieder zurück, immer nur vorwärts. Das findet man sonst nirgends auf der Welt. Das Amerika diesen Geist selbst in der jüngsten Krise beibehalten hat, macht mich stolz.

Leserkommentare
  1. ..."Ich liebe Amerika, weil es kämpferisch ist..."

    und das haben wirklich die letzten kriege der usa mit zig tausnden toten gezeigt !

    auch zum nachteil der usa !

    das ansehen schwindet immer mehr und zum schluß bleibt nur noch ein schuldner der chinesen zurück .
    pasta

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  2. Ich bin Mitglied der Grünen. Und ich sehe mich als Patrioten.

    Für mich ist das kein Widerspruch.

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    • mussec
    • 22. Januar 2013 16:39 Uhr

    Für niemanden ist das mehr ein Widerspruch.

  3. >Als eine Haltung ist Patriotismus das Gegenteil
    >von Obrigkeitsglauben, der davon ausgeht, dass
    >die da oben für alles zuständig sind. Patriotismus
    >ist die Frage: "Was kann ich für mein Land tun?"

    Falsch. Wer so denkt hat den Obrigkeitsglauben bereits voll verinnerlicht und muss vom Staat (hier ganz harmlos von "Land" zu reden ist etwas irreführend) nicht mehr gezwungen werden, etwas für ihn zu tun. Er funktioniert ja bereits vollständig wie gewünscht. 1:0 für den Staat.

    Was anderes wäre es, würde man sich die Frage stellen: "Was kann ich für die Menschen [z.B. in der Nachbarschaft] tun?"

    >Obrigkeitsglaube ist die Frage:
    >"Was schuldet mir der Staat?"

    Falsch. Diese Frage ist das genaue Gegenteil von Obrigkeitsdenken. Genauer ausformuliert lautet die Frage nämlich: "Der Staat verlangt viel von mir, und kann mich notfalls auch zwingen. Gibt er mir auch genug zurück, damit er überhaupt die Legitimität besitzt, alle diese Forderungen an mich zu stellen? Ist das ein fairer Austausch zwischen mir und ihm? Oder nur Zwang und Willkür?"

    >Ich liebe Amerika, weil es kämpferisch ist.
    >Ob religiös, politisch oder kulturell, ein
    >Amerikaner ist stets von Herzen überzeugt
    >und bereit, in die Vollen zu gehen.

    Dann finde ich es aber erstaunlich, dass man doch immer wieder zu hören bekommt, Amerikaner wären von der sehr direkten deutschen Art irritiert.

    >Doch doch, es geht, denn ich liebe
    >beide: Amerika und Deutschland.

    Erich Mielke hat sogar alle geliebt.

  4. 12. .....

    >lieben einfach ihre eigene Kultur, was sie
    >auch erst dazu befähigt, auch andere
    >Kulturen zu achten und zu lieben.

    Diese Behauptung wird immer wieder in den Raum geworfen, aber immer ohne Begründung.

    3 Leserempfehlungen
  5. 13. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke, die Redaktion/jk

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    Antwort auf "......"
    • snoek
    • 22. Januar 2013 16:30 Uhr
    14. .....

    Der Definition folgend: „Ein übertriebenes Vertrauen auf die Handlungen und Maßnahmen der Regierenden (nach dem Motto „Sie werden es schon richten“) bezeichnet man als Obrigkeitsglauben.“ http://de.wikipedia.org/w... ist der Gedankengang des Herrn Jansen aber gar nicht so abwegig.

    Antwort auf "Obrigkeitsglaube"
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    Nö, denn sehr obrigkeitsgläubige Leute würde z.B. auch dann, wenn der Staat ihnen gerade etwas wegnimmt, sagen: "Naja, das wird schon seine Richtigkeit haben."

    Nicht nur dann, wenn der Staat ihnen etwas gibt.

  6. 15. .....

    Nö, denn sehr obrigkeitsgläubige Leute würde z.B. auch dann, wenn der Staat ihnen gerade etwas wegnimmt, sagen: "Naja, das wird schon seine Richtigkeit haben."

    Nicht nur dann, wenn der Staat ihnen etwas gibt.

    Antwort auf "....."
  7. Aus der Sicht eines deutschen Dichters:
    "Die Amerikaner haben keine geschichtlichen Bindungen, keine Traditionen, keine Toten, die sie befreien müssen. Deshalb suchen sie das Heil in der Zukunft und sehen andauernd UFO's. Die Attraktivität des Hamburgers ergibt sich aus seiner Analogie zum UFO."

    Aus der Sicht eines amerikanischen Schriftstellers:
    "The spite with which we treated Castro, because he didn't collapse at the Bay of Pigs. The Kennedeys were offended, 'How dare they do this to us? We are the future. This is new frontier. He should have collapsed.' Well, he didn't collapse. He's still alive, after all of our attempts to, you know, dynamite his cigars."

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