Auf diesen Tag hatten alle seit Langem gewartet. Auf diesen Mittwoch, an dem Außenministerin Hillary Clinton im Kongress Rede und Antwort stehen musste für den unzureichenden Schutz amerikanischer Diplomaten in Libyen. Die Senatoren und Abgeordneten wollten endlich wissen, wie es geschehen konnte, dass vier Amerikaner, unter ihnen der Botschafter Chris Stevens, am 11. September 2012 in der Botschaft im libyschen Bengasi von islamistischen Terroristen überfallen und ermordet werden konnten. Hatte das von Clinton geführte Ministerium versagt? Und in der Nachfolge die Wahrheit vertuscht?

Doch Amerikas oberste Diplomatin zeigte sich ganz undiplomatisch und kämpferisch: "Das ist das größte Märchen, das mir jemals zu Ohren gekommen ist." Die Anschuldigung ging ihr unter die Haut – und sie fuhr aus der Haut.

Zur Erinnerung: Es war der 11. Jahrestag des Anschlags auf das World Trade Center. In vielen muslimischen Ländern hatten sich wütende Menschen versammelt und drohten, Amerikas Botschaften zu stürmen. Auch die Vertretungen in Kairo, in Tunis oder Khartum gerieten in große Bedrängnis.
Wichtig ist auch: Amerikas Diplomaten in Libyen hatten bereits vor der wachsenden Gewalt gewarnt und darauf hingewiesen, dass ihre Vertretung mehr Schutz brauche. Doch ihre Bitte wurde ignoriert und erreichte nie den Schreibtisch von Außenministerin Clinton.

In den Stunden und Tagen nach dem Attentat gab es ein gewaltiges Durcheinander sich widersprechender Informationen. Amerikas UN-Botschafterin Susan Rice erklärte im Fernsehen, es sei kein terroristischer Anschlag gewesen, der Angriff sei spontan entstanden, sozusagen aus dem Kreis der Demonstranten.

Willkommene Munition für den Wahlkampf

Sie berief sich auf Informationen der amerikanischen Geheimdienste. Doch später wurde bekannt, dass in jenem Papier, das ihr zur Vorbereitung für ihren Fernsehauftritt dienen sollte, zunächst der Hinweis auf einen möglichen terroristischen Hintergrund gestanden hatte. Doch die CIA hatte ihn wieder entfernt.

Alsbald kam der Verdacht auf, das Weiße Haus habe womöglich daran herumgedreht, um zu verhindern, dass von einem Terroranschlag und von einer möglichen Verwicklung Al-Kaidas geredet wurde. Schließlich stand man mitten im Wahlkampf, in knapp zwei Monaten wollte Präsident Barack Obama wiedergewählt werden. Und eine seiner Trumpfkarten war schließlich, dass er Osama bin Laden ausgeschaltet und seinen Terrorverein maßgeblich geschwächt hatte.

Deshalb bohrten die Republikaner unerbittlich nach und attackierten den Präsidenten, die Wähler bewusst an der Nase herumzuführen. Doch ihre Angriffe liefen ins Leere, die meisten Amerikaner waren mehr an der Not leidenden Wirtschaft interessiert.