ZEIT ONLINE: Die Reaktionen auf die Europa-Rede des britischen Premiers David Cameron waren durchweg ablehnend. Ist er ein Europa-Gegner, ein Europa-Skeptiker oder ist er in Wahrheit ein verkappter Europa-Befürworter, wie ihm die britischen Nationalisten vorhalten?

Alexander Graf Lambsdorff: Er vertritt die traditionelle britische Haltung zu Europa: so viel mitzuentscheiden und so wenig mitzumachen wie möglich. Da ist er genauso wie alle seine Vorgänger.

ZEIT ONLINE: Cameron fordert einen grundlegenden Um- und Rückbau der EU. Er möchte wichtige Kompetenzen aus Brüssel zurückholen. Ist das realistisch?

Lambsdorff: Für die anderen EU-Länder geht es im Moment um etwas ganz anderes, nämlich darum, die Euro-Krise zu überwinden und die EU da, wo es nötig ist, zu vertiefen. Außerdem muss Cameron wissen: Verhandlungen sind immer eine Zweibahnstraße. Wenn die Briten Konzessionen erreichen wollen, werden sie ebenfalls Zugeständnisse machen müssen, etwa bei der Regulierung der Finanzmärkte oder eine gemeinsame Bankenaufsicht. Und wenn sie Kompetenzen zurückfordern, müssen die EU-Verträge neu ausgehandelt werden, mit allen 27 Staaten. Das wird frühestens 2015 beginnen können, nach den Europa-Wahlen und der Neubesetzung der EU-Kommission. Deshalb ist sein Zeitplan für das Referendum auch sehr unrealistisch.

ZEIT ONLINE: Die EU-Partner können das britische Begehren aber nicht einfach vom Tisch wischen. Es gibt ja auch andere EU-Staaten, die gegen eine stärkere europäische Integration sind.

Lambsdorff: Gerade aus der FDP hat es immer wieder Vorschläge gegeben, einige Zuständigkeiten an die Nationalstaaten zurückzugeben, etwa beim Tourismus oder in bestimmten Bereichen der Sozialpolitik. Was Cameron vorschlägt, ist aber etwas völlig anderes. Ihm schwebt vor, dass jedes Land tun kann, was es möchte, und die EU nur noch eine Art loses Netzwerk ist. Das wäre ein Europa der 28 Geschwindigkeiten, keine wirkliche Gemeinschaft, keine Union mehr.

ZEIT ONLINE:  Im Grunde möchte er, dass die Euro-Zone mit der Integration vorangeht, aber Großbritannien und einige andere Länder dauerhaft abseits stehen.

Lambsdorff: Das ist der interessanteste Punkt der Rede: Cameron erkennt an, dass die Länder der Euro-Zone voranschreiten auf dem Weg zu einer echten Wirtschafts-, Währungs- und Finanzunion. Es bildet sich ein innerer Kreis von EU-Staaten heraus, die durch den Euro verbunden sind. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Ländern, die das nicht mitmachen wollen oder noch nicht können. Wenn die sich in einem Netzwerk um die Eurozone herum gruppieren, dann hätten wir das Europa der zwei Geschwindigkeiten. Das wäre der richtige Weg! Bei bald 28 Mitgliedsstaaten kann man nicht mehr alle über einen Kamm scheren. Cameron sagt zwar, dass er nicht darüber reden will. Genau das hat er aber getan. 

 "Wolfgang Schäuble hat 1994 bereits ein Kerneuropa gefordert"

ZEIT ONLINE: Betreibt er eine Spaltung der EU?

Lambsdorff: Großbritannien lehnt aufgrund seiner politischen Kultur eine weitere europäische Integration ab, möchte aber den Zugang zum europäischen Binnenmarkt behalten. Es wird den Kern der Länder bilden, die nicht in der Eurozone sind. Das halte ich nicht für eine Spaltung, sondern eine produktive Auflösung eines Grundkonflikts der EU – falls es gelingt.

ZEIT ONLINE: Werden alle EU-Länder einem solchen Modell zustimmen?

Lambsdorff: Ich glaube, dass es in einigen Ländern durchaus Sympathie dafür gibt. Dänemark, Schweden und manche Länder im Osten werden ebenfalls dauerhaft oder zumindest für lange Zeit der Eurozone nicht beitreten und deshalb nicht in den inneren Bereich der EU aufgenommen werden können. Wir müssen aber ein großes Interesse haben, all diese Länder einzubinden. Ein differenziertes Europa mit der Eurozone als Mittelpunkt und Ländern drumherum, die die gleichen Werte teilen und zum Binnenmarkt gehören, wäre ein gutes Modell für die Zukunft des Kontinents. Ich bin mir sicher, dass man nach reiflichen Diskussionen dafür Mehrheiten bekommen wird.

ZEIT ONLINE: Auch in Deutschland?

Lambsdorff: In der Bundesregierung und den deutschen Parteien geht die Diskussion ebenfalls in diese Richtung. Wolfgang Schäuble hat bereits 1994 in der CDU ein Kerneuropa gefordert. Die FDP fordert ebenfalls eine differenzierte Integration. Ich denke deshalb, dass die deutsche Politik konstruktiv über ein solches Modell nachdenken wird. 

ZEIT ONLINE: Alles hängt aber davon ab, ob die Briten am Ende einer solchen Konstruktion zustimmen.

Lambsdorff: Für die anderen EU-Staaten kommt das einer Erpressung gleich. Sie sollen mit London verhandeln und Zuständigkeiten zurückgeben, ohne Zugeständnisse von Großbritannien. Und am Schluss entscheiden die Briten alleine, ob ihnen das reicht oder nicht. Das wird weder in Berlin, Paris noch in Warschau auf Zustimmung stoßen. Darauf wird sich niemand einlassen. Dann muss man zur Not den Weg des Fiskalpakts gehen: Weitermachen ohne Großbritannien, weil es zwar bedauerlich, aber letztlich besser für Europa ist.