Kaum laufen die beiden Filme Django Unchained und Lincoln in Amerika an, schon gibt es eine Kontroverse. Warum sind nicht mehr Schwarze in Lincoln zu sehen? Warum werden Sklaven in Django nicht durchgehend als Opfer gezeigt? Darf man, selbst wenn es ein "historischer" Film ist, das Wort "Nigger" benutzen? Gehen wir richtig mit unserer Vergangenheit um?

Die öffentliche Debatte über Sklaverei und Rassismus in den USA ist dem Umgang der Deutschen mit der Nazi-Vergangenheit sehr ähnlich: allgegenwärtig und nie richtig abgeschlossen. In Artikeln, historischer Forschung, Museen und unzähligen Filmen, TV-Serien und Dokumentationen werden alle Aspekte immer wieder durchdiskutiert.

Allein im vergangenen Jahr hatten wir  Filme wie Red Tails, The Central Park Five, Red Hook Summer und Bücher wie American Tapestry, The Grey Album, The Twelve Tribes of Hattie und Home von Toni Morrison. 2012 bekam Octavia Spencer den Oscar für ihre Rolle in The Help. Das alles ist Vergangenheitsbewältigung auf Amerikanisch.

Dabei wird auch diese Diskussion mit einer typisch amerikanischen Arroganz geführt. Wir gehen davon aus, dass wir die Sklaverei erfunden haben, mehr noch: dass sie ein rein amerikanisches Problem war.

Natürlich weiß jeder Europäer, dass es genau umgekehrt ist. Die europäischen Nationen waren nicht nur schneller, sondern haben auch viel stärker davon profitiert als das damals noch kleine Amerika es je schaffen sollte. Bereits ein halbes Jahrhundert bevor Kolumbus Amerika entdeckte, hatten die Portugiesen die transatlantische Sklaverei erfunden. Man schätzt, dass bis 1552 rund ein Zehntel der Bevölkerung von Lissabon aus schwarz-afrikanischen Sklaven bestand.

Als Portugal, Spanien, Frankreich und England ihre Kolonien in Amerika gründeten, ging es richtig los. Denn Zuckerrohranbau lohnte sich nur, wenn man sehr viele, sehr billige Arbeiter hatte. Von den elf Millionen versklavten Afrikanern, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts laut dem Historiker Hugh Thomas aus Afrika gen Westen exportiert wurden, gelangte etwa eine halbe Million nach Nordamerika.

"Das sind alles Eingeborene"

Die restlichen zehneinhalb Millionen wurden vor allem in den portugiesischen, spanischen und französischen Kolonien verheizt: Allein nach Brasilien wurden zwischen drei und fünf Millionen Sklaven aus Afrika verschifft. (Die Preußen versuchten es auch mal kurz, aber zu halbherzig und zu spät, um erfolgreich zu sein.)

Nicht alle Europäer wissen noch davon. Bei der jüngsten Fußballweltmeisterschaft waren die Brasilianer gerade dabei, irgendein armseliges Opfer in den Boden zu stampfen. In der Halbzeit kam das Gespräch unter den Fans bei mir zu Hause plötzlich – ich weiß auch nicht, wieso – auf die Geschichte der Sklaverei. Einer meiner Freunde sagte: "Wie? Brasilien hatte doch keine Sklaven."

Ich musste ihn fragen: "Ist dir nie aufgefallen, dass die ganzen Spieler in den südamerikanischen Mannschaften schwarz sind? Hast du nie Bilder von Erdbebenopfern in Haiti gesehen? Oder Samba-Tänzerinnen in Rio? Hast du dich nie gefragt, warum sie alle so schwarz aussehen?"

Da sagte der Arme etwas Unüberlegtes: "Das sind alles Eingeborene."