Kolumne "Wir Amis"Wann entschuldigt sich Europa für die Sklaverei?

Was die Nazi-Vergangenheit für Deutschland ist, sind Sklaverei und Rassismus für die USA. Die Debatte hört nie auf. Dabei waren die Europäer schuld. von 

Kaum laufen die beiden Filme Django Unchained und Lincoln in Amerika an, schon gibt es eine Kontroverse. Warum sind nicht mehr Schwarze in Lincoln zu sehen? Warum werden Sklaven in Django nicht durchgehend als Opfer gezeigt? Darf man, selbst wenn es ein "historischer" Film ist, das Wort "Nigger" benutzen? Gehen wir richtig mit unserer Vergangenheit um?

Die öffentliche Debatte über Sklaverei und Rassismus in den USA ist dem Umgang der Deutschen mit der Nazi-Vergangenheit sehr ähnlich: allgegenwärtig und nie richtig abgeschlossen. In Artikeln, historischer Forschung, Museen und unzähligen Filmen, TV-Serien und Dokumentationen werden alle Aspekte immer wieder durchdiskutiert.

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Allein im vergangenen Jahr hatten wir  Filme wie Red Tails, The Central Park Five, Red Hook Summer und Bücher wie American Tapestry, The Grey Album, The Twelve Tribes of Hattie und Home von Toni Morrison. 2012 bekam Octavia Spencer den Oscar für ihre Rolle in The Help. Das alles ist Vergangenheitsbewältigung auf Amerikanisch.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Dabei wird auch diese Diskussion mit einer typisch amerikanischen Arroganz geführt. Wir gehen davon aus, dass wir die Sklaverei erfunden haben, mehr noch: dass sie ein rein amerikanisches Problem war.

Natürlich weiß jeder Europäer, dass es genau umgekehrt ist. Die europäischen Nationen waren nicht nur schneller, sondern haben auch viel stärker davon profitiert als das damals noch kleine Amerika es je schaffen sollte. Bereits ein halbes Jahrhundert bevor Kolumbus Amerika entdeckte, hatten die Portugiesen die transatlantische Sklaverei erfunden. Man schätzt, dass bis 1552 rund ein Zehntel der Bevölkerung von Lissabon aus schwarz-afrikanischen Sklaven bestand.

Als Portugal, Spanien, Frankreich und England ihre Kolonien in Amerika gründeten, ging es richtig los. Denn Zuckerrohranbau lohnte sich nur, wenn man sehr viele, sehr billige Arbeiter hatte. Von den elf Millionen versklavten Afrikanern, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts laut dem Historiker Hugh Thomas aus Afrika gen Westen exportiert wurden, gelangte etwa eine halbe Million nach Nordamerika.

"Das sind alles Eingeborene"

Die restlichen zehneinhalb Millionen wurden vor allem in den portugiesischen, spanischen und französischen Kolonien verheizt: Allein nach Brasilien wurden zwischen drei und fünf Millionen Sklaven aus Afrika verschifft. (Die Preußen versuchten es auch mal kurz, aber zu halbherzig und zu spät, um erfolgreich zu sein.)

Nicht alle Europäer wissen noch davon. Bei der jüngsten Fußballweltmeisterschaft waren die Brasilianer gerade dabei, irgendein armseliges Opfer in den Boden zu stampfen. In der Halbzeit kam das Gespräch unter den Fans bei mir zu Hause plötzlich – ich weiß auch nicht, wieso – auf die Geschichte der Sklaverei. Einer meiner Freunde sagte: "Wie? Brasilien hatte doch keine Sklaven."

Ich musste ihn fragen: "Ist dir nie aufgefallen, dass die ganzen Spieler in den südamerikanischen Mannschaften schwarz sind? Hast du nie Bilder von Erdbebenopfern in Haiti gesehen? Oder Samba-Tänzerinnen in Rio? Hast du dich nie gefragt, warum sie alle so schwarz aussehen?"

Da sagte der Arme etwas Unüberlegtes: "Das sind alles Eingeborene."

Leserkommentare
  1. 49. [...]

    Entfernt. Bitte beachten Sie das konkrete Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

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  2. aber wenn die Sowjets oder die Amis uns belehren wollen, ist das wohl gegeben, aber nicht besonders schön.
    Von Sklaverei wie in den Südstaaten Amerikas gehandhabt, konnte weder in Preußen noch in anderen deutschsprachigen Ländern die Rede sein. Das betrifft auch das Schicksal der russischen Muschiks, welche einer brutalen Behandlung ausgesetzt waren. Die Bürgerkriege sowohl in den USA wie auch in Rußland wurden mit einer hohen Brutalität geführt.England allerdings als Hort der Sklavenbefreiung aus machen zu wollen, geht an den Tatsachen nun doch vorbei.

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  3. In Nepal gab's legale Sklaverei bis in's Jahr 2000. Und auch in vielen anderen Ländern gibt es noch Sklaverei.

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    wie auch einige andere Kommentatoren erweitern Sie das Thema auf unsinnige Weise.

    Im Artikel ging es ja ganz klar um ein begrenztes Konzept von Sklaverei (und z.B. nicht um verwandte aber klar unterscheidbare Konzepte wie die mittelalterliche Leibeigenschaft) und dies auch nur im europaeisch-nordamerikanischen Vergleich, bezogen auf das 19. Jahrhundert.

    Und nur auf diesen Artikel bezogen habe ich meinen Kommentar gemeint - der Humorist, der ihn schrieb hatte einen kleinen gedanklichen Flaw eingebaut, indem er ahistorisch wurde, denn die USA waren anders als im 20. Jahrhundert, das unsere heutigen DEnkgewohnheiten zu sehr praegt, in der Zeit, die ER meint, weder eine Weltmacht noch kulturell oder rechtlich an der Avantgarde - und darauf wollte ich hinweisen.

    Sein Witz war also zu billig oder zu uninformiert.

    • Afsoen
    • 15. Januar 2013 20:11 Uhr

    Das hat man versucht, allerdings hatten die Natives mehrere entscheidende Vorteile gegenüber den afrikanischen Sklaven. Sie kannten die Umgebung besser als jeder Weisse Einwanderer und konnten sich so schon rein räumlich diesen Versuchen entziehen. Die afrikanischen Sklaven waren nach monatelanger Reise durch die Bedingungen auf den Schiffen, sofern sie sie überlebten derart geschwächt, daß an Weglaufen kaum zu denken war abgesehen von der neuen, unbekannten Umgebung. Die frühen englischen Einwanderer waren darüber hinaus oftmals sogar darauf angewiesen, von den Natives mit Nahrung versorgt zu werden weil sie es selbst nicht schafften, Getreide anzubauen.

    • altorga
    • 15. Januar 2013 20:13 Uhr

    geschieht in der zeit wo die christen gaaanz aufgeklärt sind.

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  4. "Es geht ja nicht darum, wer die Sklaverei begonnen hat, sondern wer als letzter damit aufgehoert hat. Und das sind nun mla die Amis."

    Bitte. In der islamischen Welt (und in anderen Weltgebieten) gab und gibt es weit länger die Sklaverei als in Amerika. Da fallen einem doch auch schnell zwei Beispiele ein:

    Saudi-Arabien schaffte die Sklaverei - offiziell - 1963 ab. In der islamischen Republik Mauretanien wurde ein solches Gesetz erst Mitte 2007 verabschiedet. Und die Sklaverei ist dort nicht beendet. Sklaverei im Sudan ist auch nichts neues. Unter anderem.

    Wie kann es zu einer solchen Fehlinformation kommen? Wenn es um "die Amis" geht? Ist der Wunsch der Vater des Gedanken? Sich zu informieren, eben auch über die mehr als ein Jahrtausend währende Sklaverei in der arabischen und islamisch-afrikanischen Welt ist ja auch nicht schwer, und wenn in Asien wieder, wenn auch nicht offizielle, Arbeitssklaven befreit werden, hört man dies ja auch in den Nachrichten. Dass aber die offizielle in anderen Ländern viel später als in den USA abgeschafft wurde (und verdeckt auch weiter existierte), ist ja so schwer nicht zu finden.

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  5. Diesen "symbolische Akt" der Entschuldigung, der im Artikel gefordert wird empfinde ich ebenfalls als überflüssig.

    Wichtiger sind eine gute Bildung der heranwachsenden Generationen, damit ihnen die großen Vorteile von Gleichberechtigung, Toleranz und Weltoffenheit vermittelt werden.

    Hier sollte die Politik mehr tun. Sowohl Deutschland als auch Amerika könnten viel mehr für die Völkerverständigung leisten, wenn die jeweilige Politik für gute Bildungs- und Sozialsysteme sowie ein besseres Arbeits- und Abgaben- bzw Steuerrecht sorgt.

    Antwort auf "Sklaven"
    • broeber
    • 15. Januar 2013 20:29 Uhr

    Zu schreiben, "dass die Preußen es auch mal kurz versuchten, aber zu halbherzig und zu spät" waren und gleichzeitig einen Artikel zu zitieren, der sich in weiten Teilen mit dem Genozid Europäischer Kolonialherren in Afrika beschäftigt finde ich makaber und geschmacklos.
    Satire oder nicht.
    Entweder wurde der Artikel vom Autor (bis auf die Überschrift vielleicht) nicht gelesen oder aber die Bedeutung von "halbherzig" ist dem Autor nicht geläufig. Beides ist schwach.

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