Malek Boutih (Archiv) © Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Boutih, Sie nehmen an den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags in Berlin nicht teil, bleiben vor allem dem Treffen von Parlamentariern beider Länder fern. Warum?

Malek Boutih: Dieses Treffen kommt mir vor wie ein Familientreffen, bei dem jeder den anderen nicht mehr ausstehen kann, aber so tut, als sei alles in Ordnung. In den vergangenen  Monaten habe ich anti-deutsche Debatten in Frankreich verfolgt, in Deutschland spüre ich Misstrauen, wenn nicht gar Verachtung Frankreich gegenüber. Dies alles zeigt, dass sich unsere beiden Länder immer mehr von einander entfernen. Mit dieser besorgniserregenden Tatsache müssten sich eigentlich alle auseinandersetzen, die an die europäische Einigung glauben.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie damit?

Boutih: Inzwischen sind die Anhänger Europas fast in jedem Land der EU in die Minderheit geraten. Brüssel produziert Normen und Regelungen ohne Ende, hingegen ist das europäische Projekt erschöpft. Ein wahres europäisches Konstrukt hieße, dass wir zurückkehren müssten zum Urversprechen Europas: allen europäischen Völkern Fortschritt zu bringen.

ZEIT ONLINE: Es gab immer Antagonismen im deutsch-französischen Verhältnis, aber beide Länder haben stets im Sinne Europas darüber hinausgeschaut. Ist Ihre Absage deshalb nicht kontraproduktiv?

Boutih: Die heutigen Generationen orientieren sich nicht mehr nach der schmerzhaften Erinnerung an den Krieg und die Feindschaft zwischen unseren Völkern. Als Pro-Europäer kann ich mich mit der aktuellen Heuchelei nicht begnügen. Mit meiner Geste richte ich mich an die deutsche Linke und SPD, die in die Falle des latenten Nationalismus geraten ist, den Angela Merkel aufkommen lässt. Und ebenso an meine Landsleute, die in politischen Diskussionen Deutschland scharf kritisieren, nach außen aber verkünden, die deutsch-französischen Beziehungen verliefen reibungslos.

ZEIT ONLINE: Ist der Nationalstaat ein Hindernis für den europäischen Integrationsprozess geworden?

Boutih: Den Nationalstaat dem europäischen Integrationsprozess entgegenzusetzen, ist genauso sinnlos, als setzte man Wasser und Dampf einander entgegen. Dieser Gegensatz gehört zu einem Diskurs, den Leute betreiben, die gegen den Aufbau eines geeinten Europas sind, ohne zu ihrer ehrlichen politischen Einstellung zu stehen, nämlich dem Nationalismus.