Zwar könnten die Chávistas Neuwahlen so zunächst vermeiden, aber die Lösung wäre wackelig. Nicht nur innerparteilich, wo der Wettkampf um die Macht längst begonnen hat, sondern im ganzen Land wäre mit Widerstand zu rechnen. Die Streitkräfte würden die Nachfolge skeptisch beobachten und hinter den Kulissen eine Abschaltung der Chávez-Doktrin verhindern. Die Bevölkerung würde sich noch weiter polarisieren, Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegenüber der viel zu mächtigen Exekutive würden sich verstärken. Und die Opposition würde jede Chance nutzen, um den Menschen deutlich zu machen, dass die neuen Herren an der Macht ihre Ideale nicht repräsentieren.

Sollte Chávez vor dem 10. Januar nicht mehr regieren – sei es, weil er zurücktritt, für nicht regierungsfähig erklärt wird oder stirbt –, werden die Venezolaner auf den Artikel 234 der Verfassung schauen müssen. Laut Gesetz müsste bis zum Ende der Amtszeit Maduro regieren. Die Macht würde danach Cabello erhalten, als Interimspräsident, der innerhalb von 30 Tagen zu Neuwahlen aufrufen müsste. Demnach müssten die Venezolaner bis Mitte Februar einen neuen Präsidenten wählen. Theoretisch. Denn Kennern zufolge ist der Nationale Wahlrat nicht in der Lage, Wahlen so schnell zu organisieren.

Maduro kann Chávez nicht imitieren

Irgendwann aber würden Neuwahlen stattfinden, für die es noch keine deutlichen Prognosen gibt. Die Chancen, dass der Chávismo sich an der Macht hält, stehen gerade genauso gut wie die Chancen, dass das System auseinander bricht und die Opposition die Wahlen gewinnt. Kontinuität könnte es nur mit einer kühnen Strategie geben: Chávez zum Märtyrer einer ewigen bolivarischen Revolution stilisieren und Maduro als dessen Reinkarnation auftreten lassen.

Der ehemalige Busfahrer, Gewerkschafter, Außenminister und heutige Vizepräsident könnte Venezuela zwar nach Chávez' Vorbild regieren, doch den Caudillo nachzuahmen wird nicht einfach. Eine Woche vor Weihnachten experimentierte Maduro vor einer Menschenmasse damit, die Anekdoten, die Stimme und das Charisma seines engen Freundes zu imitieren. Der Versuch ging schief.