Die Krise in Mali"Sie wollen ein neues Afghanistan in Afrika"

Auf die Krise in Mali haben die westafrikanischen Nachbarn zu spät reagiert, sagt Benins Präsident Boni Yayi im Interview. Frankreich habe rechtzeitig Mut bewiesen. von Dagmar Dehmer und Albrecht Meier

Der Präsident von Benin, Thomas Boni Yayi

Der Präsident von Benin, Thomas Boni Yayi  |  © Odd Andersen/AFP/Getty Images

Frage: Herr Yayi, der Afrikanischen Union gehören alle Staaten des Kontinents mit Ausnahme Marokkos an. Welche Rolle könnte die von Ihnen geführte Organisation bei der Lösung der Mali-Krise spielen?

Boni Yayi: Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass es genügen würde, wenn die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas, zu der Mali gehört, diesen Konflikt regelt. Aber mir persönlich ist sehr schnell klar geworden, dass dieser Konflikt über die Grenzen der Regionalorganisation Ecowas hinausgeht. Wir haben zu lange gebraucht, um auf die ersten Symptome der Krise in Mali zu reagieren – und dieses Zögern ist uns teuer zu stehen gekommen. Zu der Verzögerung ist es gekommen, weil es sowohl in Mali als auch auf der Ebene der Ecowas keinen Konsens über die Gegenmaßnahmen gab. So konnte sich der Konflikt weiter verschärfen. Inzwischen sind wir an einem Punkt angelangt, an dem sich der gesamte afrikanische Kontinent des Problems in Mali annehmen muss. Und der Afrikanischen Union kommt die Aufgabe zu, die gesamte internationale Staatengemeinschaft aufzuwecken.

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Frage: Im westafrikanischen Burkina Faso haben bis Ende des vergangenen Jahres Gespräche zwischen der malischen Regierung und Rebellengruppen stattgefunden, die allerdings ohne Ergebnis blieben. Haben Sie einen Vorschlag für eine politische Lösung der Mali-Krise?

Boni Yayi

61, ist seit Januar 2012 Präsident der Afrikanischen Union (AU). 2011 war er als Präsident des westafrikanischen Benin wiedergewählt worden. Er hat das Amt seit 2006 inne.

Yayi: Schon in einer sehr frühen Phase der Mali-Krise musste man zu der Erkenntnis kommen, dass unter den Regierungsgegnern veritable Terroristen sind. Gruppen wie die malische Tuareg-Rebellengruppe Ansar Dine und Al-Kaida im Islamischen Maghreb (Aqim) wollen, dass aus Mali eine islamische Republik wird, in der die Scharia herrscht. Die Terroristen der Aqim verletzen die fundamentalen Freiheiten. Sie schneiden anderen Menschen Hände und Füße ab, sie zerstören Heiligtümer, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören. Man musste einfach sehr schnell erkennen, dass von diesen Terroristen die größte Gefahr ausgeht.

Frage: Eine Gefahr nur für Mali oder für die gesamte Region?

Yayi: Wir haben es mit internationalem Terrorismus zu tun. Es gibt nicht nur die Aqim, sondern auch Islamisten aus Afghanistan und Pakistan – sie glauben, dass sie auf der Flucht aus ihrer Heimat im Norden Malis gewissermaßen ein geweihtes Land vorfinden. Sie wollen ein neues Afghanistan im Westen Afrikas errichten.

Frage: Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian hat die komplette Wiedereroberung des Nordens in Mali als Ziel ausgegeben. Droht damit ein langwieriger Guerillakrieg gegen die Islamisten?

Yayi: Ich bin zuversichtlich, dass es nicht dazu kommen wird. Frankreichs Präsident François Hollande hat zum richtigen Zeitpunkt den Mut zur Intervention bewiesen: Während die Islamisten vorrückten, war in Mali und in der Ecowas eine große Kakophonie zu hören. Die Vereinten Nationen hatten dem Einsatz der westafrikanischen Staaten ihre Zustimmung gegeben, aber wir haben einfach zu viel Zeit gebraucht. Ich danke dem französischen Präsidenten und dem französischen Volk, in dieser Notsituation eingeschritten zu sein. Frankreichs Mission wird von allen Afrikanern wie eine Rettung empfunden.

Frage: Allerdings ist es nach Pariser Lesart nicht die Aufgabe der französischen Soldaten, die in diesen Tagen anlaufende internationale Unterstützungsaktion Afisma in Mali zu ersetzen, welche überwiegend aus afrikanischen Einheiten besteht.

Yayi: Die Krise in Mali erfordert weltweit eine unmittelbare Reaktion. Es geht darum, die Region komplett von Islamisten zu befreien. Aus diesem Grund wird eine weltweite Koalition benötigt. Die Leute müssen damit aufhören zu sagen, dass dieses Problem nur die Afrikaner angehe.

Frage: Was erwarten Sie von der Geberkonferenz Anfang Februar im äthiopischen Addis Abeba unter der Führung der Afrikanischen Union, bei der über die Finanzierung des afrikanischen Mali-Einsatzes verhandelt werden soll?

Yayi: Die Geberkonferenz muss auch vom Generalsekretariat der Vereinten Nationen mit vorbereitet werden. Die gesamte internationale Staatengemeinschaft muss bei dieser Konferenz vertreten sein. Ich hoffe, dass die beantragten finanziellen Mittel von der internationalen Staatengemeinschaft aufgebracht und den Truppen schnell zur Verfügung gestellt werden. Jeder Tag, den wir untätig zubringen, hat für die internationale Gemeinschaft erhebliche politische Folgekosten.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Die weltweite Expansion der Religion, und zwar die gewalttätige, brutale, menschenverachtende muss gestoppt werden.
    Man muss die einzelnen Konfliktherde Benghazi, Syrien, Yemen, Ägypten, Somalia, Sudan/Darfur, Niger, jetzt Mali als das erkennen, was sie sind: Aufmarschgebiete der Fundamentalisten.
    Hier in Deutschland wurden heute zwei dieser Sorte hart abgeurteilt: Verwirrte junge Männer, irregeleitet mit ideologischen Phrasen wie man sie hier auf zeitonline immer wieder verbreitet sieht: Schariah, Gottesstaat wird verherrlicht; Gegenmeinung wird als islamfeindlich gelöscht, stehen bleibt die Glorifizierung des gewalttätigen Teils der Religion, Wirrköpfe übernehmen diese Phrasen und gehen in den Bunker.
    Gebt die Diskussion frei - löscht Gegenmeinung nicht als Islamfeindlichkeit, löscht Gegenmeinung nicht, wenn die religiösen Ver-Führer genannt werden die den Islamismus im Schafspelz verbreiten (auch Erdogan).
    Nur wenn beide Thesen hier verfochten werden können und nicht die kritische weggelöscht, kann erkenntlich werden, was aus Sicht des Rechtsstaates gegen menschenverachtende Ideologie entgegensteht - Zeit online ist nicht Teil der Auseinandersetzung, zeitonline ist Teil der Verbreitung islamistischer Phrasen.

    11 Leserempfehlungen
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    Wer Darfur und den dort stattgefundenen Völkermord damit abtut: "Ein Muslim kann das nicht tun" - der verherrlicht den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Verbrecher.
    Wer einen Bürgerkrieg befördert, indem er djihadistische Kämpfer und Waffen über sein Territorium in den Nachbarstaat einsickern lässt, der ist Mitkämpfer. Das das an der türkischen Grenze abläuft war nachzulesen in der deutschen Presse bis hin aus dem Mund von Petra Roth - das hier zu schreiben, brachte die Löschung.
    Das muss aufhören - Gegenmeinung, die belegbar ist, darf nicht weiter gelöscht werden.

    Sehr geehrter User, wir bitten Sie, ihre Behauptungen mit entsprechendem Quellenmaterial zu belegen. Danke, die Redaktion/jp

    Entfernt. Kein Themenbezug. Danke, die Redaktion/jp

  2. Wer Darfur und den dort stattgefundenen Völkermord damit abtut: "Ein Muslim kann das nicht tun" - der verherrlicht den mit internationalem Haftbefehl gesuchten Verbrecher.
    Wer einen Bürgerkrieg befördert, indem er djihadistische Kämpfer und Waffen über sein Territorium in den Nachbarstaat einsickern lässt, der ist Mitkämpfer. Das das an der türkischen Grenze abläuft war nachzulesen in der deutschen Presse bis hin aus dem Mund von Petra Roth - das hier zu schreiben, brachte die Löschung.
    Das muss aufhören - Gegenmeinung, die belegbar ist, darf nicht weiter gelöscht werden.

    Sehr geehrter User, wir bitten Sie, ihre Behauptungen mit entsprechendem Quellenmaterial zu belegen. Danke, die Redaktion/jp

    7 Leserempfehlungen
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    Quellen hier rein und gut ist's.

    http://www.nytimes.com/20...

    "The weapons, including automatic rifles, rocket-propelled grenades, ammunition and some antitank weapons, are being funneled mostly across the Turkish border by way of a shadowy network of intermediaries including Syria’s Muslim Brotherhood and paid for by Turkey, Saudi Arabia and Qatar, the officials said."

    http://www.nytimes.com/20...

    " Most of the arms shipped at the behest of Saudi Arabia and Qatar to supply Syrian rebel groups fighting the government of Bashar al-Assad are going to hard-line Islamic jihadists, and not the more secular opposition groups that the West wants to bolster, according to American officials and Middle Eastern diplomats."

    http://www.welt.de/politi...

    "Türkei drückt sämtliche Augen zu

    Im Grenzgebiet zu Syrien drückt die Türkei sämtliche Augen zu. Das Gebiet ist Nachschubbasis und Rückzugsgebiet der FSA. Das türkische Militär gibt sogar Geleitschutz für Waffentransporte. "Zwei, drei Mal die Woche passieren Lkws und Kleintransporter obenhin mit Waffen voll die Grenze", berichtete ein Augenzeuge, der unerkannt bleiben will. "Und das türkische Militär eskortiert den Konvoi."

    die über türkische Flüchtlingslager nach Syrien gelangen:
    http://www.dradio.de/dlf/...

    "...Und die Menschen in Antakya, wo wir waren, Menschen und Vertreter von Organisationen, die wir gestern Abend noch getroffen haben, machen sich erhebliche Sorgen, dass sie sagen, es kommen mehr und mehr ganz offensichtlich Kräfte aus Tschetschenien, aus Bangladesch, aus Libyen, also Söldner, denen es definitiv nicht um die Demokratie in Syrien geht, sondern die möglicherweise versuchen, von dort aus auch ihren Heiligen Krieg, den Dschihad, zu führen."

    Ich schrieb vorher Petra Roth, sorry, gehörte zu einem vorherigen anderen thread.
    Claudia war wieder einmal gemeint.

    • rjmaris
    • 25. Januar 2013 18:49 Uhr

    "Während die Islamisten vorrückten, war in Mali und in der Ecowas eine große Kakophonie zu hören."

    Und das wiederholt sich in Europa: Die Europäer können es nicht.

    http://www.presseurop.eu/...

    Zitat:
    Frankreich hat eingegriffen, weil sich der Problemstaat in der Sahel-Zone zu einer Gefahr für Europa auszuwachsen droht. Und es hat es deshalb alleine getan, weil die anderen Europäer sich gedrückt haben. Das sagt viel über den Zustand der gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik aus. Und nichts daran ist gut.

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    Naja... in erster Linie haben die Franzosen wohl eingegriffen, weil sich die Vorgänge im Sahel zu einer Gefahr für die AREVA Uranminen Arlit und Akokan im benachbarten Niger auszuwachsen drohen...

    Anm.: Bitte belegen Sie Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/jp

  3. "Frankreichs Präsident François Hollande hat zum richtigen Zeitpunkt den Mut zur Intervention bewiesen: Während die Islamisten vorrückten, war in Mali und in der Ecowas eine große Kakophonie zu hören. Die Vereinten Nationen hatten dem Einsatz der westafrikanischen Staaten ihre Zustimmung gegeben, aber wir haben einfach zu viel Zeit gebraucht.
    Ich danke dem französischen Präsidenten und dem französischen Volk, in dieser Notsituation eingeschritten zu sein. Frankreichs Mission wird von allen Afrikanern wie eine Rettung empfunden."

    3 Leserempfehlungen
  4. Naja... in erster Linie haben die Franzosen wohl eingegriffen, weil sich die Vorgänge im Sahel zu einer Gefahr für die AREVA Uranminen Arlit und Akokan im benachbarten Niger auszuwachsen drohen...

    Anm.: Bitte belegen Sie Behauptungen mit entsprechenden Quellen. Danke, die Redaktion/jp

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    Antwort auf "Kakofonie"
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    • bayert
    • 26. Januar 2013 13:01 Uhr

    http://www.heise.de/tp/ar...

    Mit Google nach "Areva Mali" suchen!

  5. Wer es wagt gegen die auf Hochtouren laufende Islamisierung (Die Spatzen pfeifen selbige bereits von den Dächern) nur kritisch Stellung zu beziehen, der wird gelöscht. Bei Zeit-Online wie auch im realen Leben.

    7 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Wir bitten Sie, zur Diskussion des konkreten Artikelinhalts zurückzukehren. Danke, die Redaktion/jp

  6. Man sollte nicht verschweigen, dass der primäre Grund der französischen Intervention die drei reichhaltigen Uranminen sind, von welchen die französischen AKWs ihren Rohstoff beziehen

    Quellen:
    http://www.heise.de/tp/ar...
    http://www.globalresearch...

    4 Leserempfehlungen
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    Selbst wenn die Franzosen aus diesem Grund dem Wunsch der gewählten malischen Regierung nach Hilfe nachgekommen sind, hat es einen sehr angenehmen Nebeneffekt: die malische Bevölkerung wird vor marodierenden Terroristen geschützt.

  7. Yayi unterschlägt elegant die Eigenverantwortung der malischen Regierung, nämlich deren Unfähigkeit und -willen, den jahrzehntelangen, ganz weltlichen, Konflikt mit den Tuareg beizulegen. Das war letztendlich der Katalysator für die eskalierte Machtergreifung der Islamisten.
    Stattdessen reduziert er alles auf einen Angriff religiöser Fanatiker, quasi aus dem Nichts, gegen den man um Hilfe rufen muss.

    Das zeigt leider wenig Willen, die gravierenden, wirklichen Probleme der Region anzugehen - und bedient geschickt die hiesigen Ängste um Unterstützung bei der Aufrechterhaltung des status quo einzuwerben...

    3 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Mali | Benin | Afrika | Islamismus | Afrikanische Union
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