Wenn die Israelis am Dienstag zur Wahl für die 19. Knesset gehen, werden zwei Dinge etwas anders sein als gewohnt. Es ist seit rund 20 Jahren die erste Wahl, der kein Regierungssturz voran ging. Vielmehr war es Premier Benjamin Netanjahu selbst, der sie aus wahltaktischen Gründen vorgezogen hat. Schwerwiegender aber ist, dass sich das Wählerverhalten zuletzt nachhaltig verändert hat.

"Früher wurde Israels Wählerschaft in mehrere Lager aufgeteilt", erläutert Professor Abraham Diskin, Politologe an der Hebräischen Universität von Jerusalem, im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Anders als in Europa, wo Wähler gemäß ihrer sozial- und wirtschaftspolitischen Haltung zwischen rechten und linken Parteien unterscheiden, wird Israels Wählerschaft von ethnischen, religiösen und politischen Trennlinien durchzogen, die die Bevölkerung in kleine Blöcke aufspalten, die wiederum von eigenen Parteien vertreten werden. So erklärt sich, weshalb in der Knesset stets mehr als zwölf Fraktionen zu finden sind: Jede steht für eine andere Bruchlinie.

Die grundlegendste Aufteilung der israelischen Wählerlandschaft ist die in Juden und Nicht-Juden. Rund 20 Prozent der etwa acht Millionen Israelis sind Palästinenser, Muslime oder Christen. Ihre Wahlbeteiligung liegt bei rund 10 Prozent. Obwohl manche Araber auch die großen Parteien wählen, gehen die meisten Stimmen dieser Gruppe an arabische Parteien, die anti-zionistische Standpunkte vertreten, also den jüdischen Charakter Israels abschaffen wollen. Sie gelten als nicht koalitionsfähig und sitzen seit der Staatsgründung in der Opposition. Ihr Einfluss ist gering.

Religiöse Parteien interessieren sich nicht für Interessen des Staates

Ungleich größer ist die Macht religiöser jüdischer Parteien. Die bedienen zwar eine ganz andere Klientel, befassen sich aber mit ähnlichen Problemen. Sie markieren die andere große gesellschaftliche Trennlinie – die der Religiosität. Ihr wichtigstes Ziel ist die Verankerung jüdischer Glaubensregeln in Gesetzen, wie das Verbot öffentlicher Verkehrsmittel am Sabbat, oder die Nahrungsvorschriften der Kaschrut, der jüdischen Speisegesetze.

Wie die arabische Parteien kümmern sich die Religiösen hauptsächlich um ihre Wählerschaft, ohne dabei die Interessen des Staates zu berücksichtigen. Doch weil die Haredim, also die ultra-orthodoxen Juden, mit ähnlichen Problemen wie Israels Araber ringen – auch sie sind arm, haben viele Kinder, unzureichende Bildung und sind für ihren Lebensunterhalt von Sozialhilfe und Kindergeld abhängig –, stimmen Israels Araber nicht selten für religiöse jüdische Parteien und Haredim für arabische.

Palästinenser und Haredim erkennen den Staat Israel oft nicht an und dienen auch nicht in der Armee. Ihnen stehen Interessengruppen gegenüber, die den Einfluss dieser nicht-zionistischen Gruppierungen eindämmen wollen. Seit Jahren tritt bei jeder Wahl eine neue "Partei der Mitte" an, die sich dem Kampf gegen staatliche Zuwendungen und die Freistellung der Haredim vom Wehrdienst verschreibt.

 Rechts und links entscheidet sich an der Palästinenserfrage

Ein weiteres wichtiges Merkmal der Wählerlandschaft ist die Herkunft, denn das Land ist ein Einwandererstaat. Rund die Hälfte von Israels Juden sind Aschkenasim, Juden, deren Vorfahren aus Europa kommen. Die andere Hälfte sind die Misrahim, Juden, deren Ahnen aus arabischen Ländern einwanderten. Seit der Staatsgründung stellen Aschkenasim die akademische, wirtschaftliche und politische Elite. Kein Wunder also, dass gleich mehrere Parteien sich die Beseitigung der Diskriminierung der Misrahim zur Aufgabe gemacht haben.

Die wichtigste Trennlinie Israels jedoch sei "seit Jahrzehnten das Palästinenserproblem", sagt Professor Tamir Schäfer, Politologe an der Hebräischen Universität von Jerusalem: "Diese Frage spaltet Israelis letztlich zwischen rechts und links." Die Linke wolle durch mehr Zugeständnisse Frieden bringen, die Rechte durch ein stärkeres Auftreten Sicherheit. Diese Trennung bestimme das Wahlverhalten: "Seit Jahren wird die Bindung der Wähler an Parteien immer schwächer", sagt Schäfer, "Wähler werden individueller. Sie wählen nicht mehr die Parteien, sondern entscheiden sich für die Politiker, die ihnen am besten gefallen. Politik ist persönlich geworden."

Dies erkläre auch, weshalb es diesmal so vielen unerfahrenen neuen Politikern gelingt, rasch eine große Anhängerschaft zu gewinnen. Gleich zwei bekannte Journalisten und ein High-Tech-Millionär stehen an der Spitze der Parteien mit dem größten Stimmenzuwachs. Im ideologischen Vakuum wächst zugleich die Zahl der Unschlüssigen: Rund ein Viertel der Wähler haben sich knapp zehn Tage vor der Wahl noch immer nicht entschieden, welcher Partei sie ihre Stimme geben wollen. Für den amtierenden Premier Netanjahu wird das am Ende aber wahrscheinlich egal sein: Laut Umfragen ist der Block der rechten Parteien mit 48 Prozent der Wähler der größte.