UkraineDie schmutzigen Tricks der Timoschenko-Jäger

Hacker haben Mails der Timoschenko-Tochter Jewgenija manipuliert und veröffentlicht. Das Ziel ist klar: Die Oppositionsführerin soll diskreditiert werden. von 

Wer sich durch die Tausenden Seiten klickt, sieht Wunderliches: Entwürfe für ein pompöses Schlafzimmer, rege Korrespondenz mit britischen Politikberatern, deutschen Anwälten und amerikanischen Geschäftsleuten, horrende Arztrechnungen. Auf der Website zhuzhaleaks.com haben Hacker 5.132 angebliche E-Mails aus zwei Google- und Yahoo-Konten von Jewgenija Timoschenko veröffentlicht. Jewgenija Timoschenko, Spitzname "Zhuzha", ist die Tochter der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julija Timoschenko.

Auf der Website zu finden ist unter anderem der Behandlungsplan der rückenkranken Politikerin. In einer E-Mail dankt die Tochter Jewgenija dem "lieben Professor" von der Berliner Charité für die Arztrechnung. Und fragt nach: Wenn sie die Aufstellung richtig verstehe, habe die Familie Timoschenko der Klinik für die Physiotherapie der Mutter im Mai 2012 noch 480.000 Euro zu bezahlen – "wegen der bereits geleisteten Anzahlung von 200.000 Euro". Im veröffentlichten Dokument lautet die angebliche Antwort von Charité-Chef Karl Max Einhäupl: "Das ist korrekt."

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680.000 Euro für eine vierwöchige medizinische Betreuung? Das klingt weniger nach Behandlung als nach Bestechung in dem politisch so heiklen Krankheitsfall. Dagegen verwahrt sich der reale Professor Einhäupl im Gespräch mit ZEIT ONLINE vehement. Die 680.000 Euro seien eine "absurde Phantasiesumme", sagt der Klinikchef. "Wir wollen einer Patientin helfen und haben uns deshalb immer strikt am medizinischen Sachverhalt orientiert und nicht an den politischen Rahmenbedingungen."

"Plumpe Fälschung"

Charité-Spezialisten therapieren Julija Timoschenko seit knapp einem Jahr. Die Kosten bezahlt die Timoschenko-Familie. Die vermeintliche Rechnung sei aber "eine plumpe Fälschung inmitten teils sehr gut gemachter Tricksereien", sagt Einhäupl. Selbst eine Unterschrift fehlt.

 

Was der oder die Hacker als "Leaks" ausgeben und als "unsere journalistische Recherche" bezeichnen, ist in den Augen des Timoschenko-Anwalts Sergei Wlasenko "eine Mischung aus echten und gefälschten E-Mails". Das bestätigt auch Charité-Chef Einhäupl. "Es ist authentisches Material dabei, das zum Teil nur durch die Ergänzung weniger Sätze oder Wörter einen komplett anderen Sinn bekommt."

Einzelheiten zu den manipulierten Dokumenten wollen weder der Chefarzt noch der Anwalt preisgeben. Auf dieser Grundlage ist selbst für kritische Journalisten wie den oppositionsnahen ukrainischen Blogger Alexander Tschalenko schwer auszumachen, "was Lüge ist und was Wlasenko gern als Lüge ausgeben möchte". Klar ist: Als investigative Recherche geht die Veröffentlichung nicht durch. Die Charité prüft rechtliche Schritte gegen die Hacker.

Medienkrieg um die Deutungshoheit

Rückblick: Im Oktober 2011 hatte ein Kiewer Gericht die ehemalige Regierungschefin zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil sie beim Abschluss eines Gasvertrages mit Russland ihr Amt missbraucht haben soll. EU-Kommission, Bundesregierung und US-Regierung bezeichnen den Schuldspruch bis heute als politisch motiviert. Das Verfahren habe dazu gedient, die schärfste Konkurrentin des zunehmend autoritär regierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch handlungsunfähig zu machen.

Seither herrscht in- und außerhalb der Ukraine ein juristischer, politischer und medialer Krieg um die Deutungshoheit um die Oppositionspolitikerin. Anfang dieser Woche erklärte Timoschenko, sich ab sofort mit "Akten zivilen Ungehorsams" gegen die Haft im Krankenhaus zu wehren.

Leserkommentare
    • gooder
    • 10. Januar 2013 17:05 Uhr

    Das hat die "Oppositionsführerin" allerdings zu Amtszeiten selbst getan, denn ganz grundlos wurde die "Gasprinzessin" ja nicht verurteilt.

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    • Kelhim
    • 10. Januar 2013 17:34 Uhr

    Die Art und Weise, wie in der Ukraine gegen Politiker der Opposition im Allgemeinen und Timoschenko im Besonderen, ihre Vergangenheit hin oder her, umgegangen wird, deutet eher auf einen politisch inszenierten Schauprozess hin, der nicht "ganz grundlos" international kritisiert wurde.

    Es ist auch bemerkenswert, dass der erste Kommentar unter einer Meldung über gefälschte, manipulierte Dokumente die Denunziation fortsetzt, statt sie zu kritisieren.

    Frau Timoschenko hatte sich schon diskreditiert, als sie von der Video-Verleiherin zur Gasprinzessin aufstieg.
    Das hatte wenig mit irgendeinem unternehmerischen Geschick, als mit mafiaartigen Seilschaften und Korruption zu tun.
    Wie kann jemand glaubwürdig das Volk vertreten wollen, wenn er vorher ganz tief in die "Staatskasse greift" und das Volk um solche Vermögenswerte erleichtet?

    Kann der Westen sich nicht endlich eine wenigstens einigermaßen glaubwürdige Figur als "Oppositionsführer/in" aufbauen? Brauchen wir unbedingt Berlusconis auch im Osten?

    • AndreD
    • 11. Januar 2013 6:26 Uhr

    Jeder, der schon einmal einen Monat oder mehr in einem ehemaligen Ostblock-Staat gelebt hat, kann sich nur schwer vorstellen, dass ein reicher und/oder mächtiger Mensch den ersten stein werfen könnte.

    Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben...

    • jillian
    • 10. Januar 2013 17:31 Uhr

    "Die schmutzigen Tricks der Timoschenko-Jäger"
    Der groessten Mafia-Patin der Ukraine ein solches Saubermann-Image zu verpassen ist wahrlich eine bewundernswerte Leistung...

    35 Leserempfehlungen
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    Ohne Kenntnisse der Ukraine schnell mal Nonsens posten. Manchmal frage ich mich, ob einige dafuer bezahlt werden oder einfach nur russische und ukrainische Propagandaseiten nachplappern. Die 3 groessten Mafioso heissen Firtasch (Gasoligarch und ehemals direkter Konkurrent Timoshenkos, Pate der Lugansker Mafia), Akhmetov (heute reichster Mann der Ukraine) und Janukovitsch (heute Praesident mit eingeschraenkten Rechtschreibfaehigkeiten), die beiden letzteren sind offiziell durch die russische Mafia (Solnzevogruppierung) gekroente Diebe im Gesetz, also Mafiapaten. Es gibt eine hinreichend tiefe Untersuchung dieser Dinge, insbesondere im Umfeld des Donetzker Stadionmordes an Alik Grek, die international durch sowohl russische und ukrainische, als auch durch andere internationale Dienste durchgefuehrt wurde. Timoshenko stammt mit ihrem Unterstuetzerhintergrund aus dem ehemaligen militaerisch-industriellen Komplex der UdSSR und stuetzte sich weitestgehend auf diese industrielle Klientel ab, als sie ihr Firmenimperium schuf.

    • Kelhim
    • 10. Januar 2013 17:34 Uhr

    Die Art und Weise, wie in der Ukraine gegen Politiker der Opposition im Allgemeinen und Timoschenko im Besonderen, ihre Vergangenheit hin oder her, umgegangen wird, deutet eher auf einen politisch inszenierten Schauprozess hin, der nicht "ganz grundlos" international kritisiert wurde.

    Es ist auch bemerkenswert, dass der erste Kommentar unter einer Meldung über gefälschte, manipulierte Dokumente die Denunziation fortsetzt, statt sie zu kritisieren.

    11 Leserempfehlungen
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    • peter.n
    • 10. Januar 2013 17:52 Uhr

    Wen interessiert das? Solange sich die ukrainische Bevölkerung darüber nicht aufregt, braucht es die westliche Presse auch nicht zu interessieren. Oder mischen sich ukrainische Medien und Politiker in deutsche Politik ein und kritisieren deren wirtschaftsnahe Zusammenarbeit (von Spendenaffären bis ESM)?

    • gooder
    • 10. Januar 2013 18:08 Uhr

    Warum wollen weder Chefarzt noch Anwalt Timoschenkos Einzelheiten zu den manipulierten Dokumenten preisgeben?
    Wo wurde was weg,oder hin manipuliert, so schwer dürfte das weder vom Anwalt noch vom Arzt zu erklären sein.

    • EHR19
    • 11. Januar 2013 0:11 Uhr

    Es sollte heißen "Die schmutzigen Tricks des Timoschenko Lagers". Es gab im Internet schon viel darüber zu lesen, wie der "Fall" Timoschenko in Wirklichkeit zustanden kam. Dass der Westen (Deutschland) sofort Lügen unterstützt, um irgendwelche quasi humanistischen Forderungen in der Welt zu verbreiten, ohne die Wahrheit den Lesern zu erzählen, ist ein ganz typischer und verlogener Trick. Es hat keinen Sinn, sich darüber im Ernst zu unterhalten. Nur frage ich mich, wem bringt es Nutzen?

    • bowie
    • 10. Januar 2013 17:34 Uhr

    "Hacker haben Mails der Timoschenko-Tochter Jewgenija manipuliert"

    ->>> Hierfür wird keinerlei Beweis erbracht. oder habe ich etwas überlesen?

    20 Leserempfehlungen
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    ... oder habe ich etwas überlesen?"

    Ja. Das haben Sie.

  1. Jetzt muss ich entscheiden, der Timoschenko zu glauben oder den Hackern? Hacker die angeblich von der Staatsmacht angeheuert sind? Eine nicht begründete Anschuldigung von Timoschenkos Anwalt?

    Warum? Die Wahlen sind doch gewonnen. Den Geheimdienst ansetzen um E-Mails der Tochter auszuspähen? Ach bitte.

    Die öffentliche Meinung von Timoschenko ist doch schon längst gebrochen. Im Westen. In der Ukraine ist Frau T. nur noch für wenige Menschen überhaupt ein Thema.

    Deren Partei paktiert neuerdings mit Rechtsradikalen der Swoboda Partei!

    Also irgentwie hat Frau T. junior schon eine Menge schräges Zeug verzapft. Habe ich die Wahl ihr oder irgentwelchen Hackern zu glauben, fällt die Entscheidung leicht.

    Peinlich ist die Sache allerdings für die Ärzte der Charite. Ich fand die Idee von Anfang an sehr zweifelhaft, Frau T. auf eigene Rechnung zu behandeln und sich so indirekt politisch einspannen zu lassen.

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  2. ... oder habe ich etwas überlesen?"

    Ja. Das haben Sie.

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    Antwort auf "Beweise?"
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    Also ich habe das wohl auch überlesen. Wo steht denn da mehr als eine unbegründete Anschuldigung des offensichtlich parteiischen Anwalts, die vom beschuldigten Arzt gestützt wird?

    ...des Charité-Arztes dürfte ausreichen. Es gibt für ihn keinerlei Motiv für eine Falschaussage.

    "Das bestätigt auch Charité-Chef Einhäupl."

    • FvdVoe
    • 10. Januar 2013 17:38 Uhr
    7. Ach...

    die arme Frau Timoschenko. Selbst bei der Wahl der Mittel in ihrer
    Vergangenheit auch nicht gerade zimperlich gewesen, wird ihr ja
    in letzter Zeit wirklich übel mitgespielt.
    Mit der Inhaftierung hat es wahrlich keine Falsche getroffen.
    Ist halt nur blöd für sie, dass sie gerade auf der falschen Seite der
    Gitterstäbe sitzt. Da hilft halt nur noch die Mitleidstour.

    18 Leserempfehlungen
  3. 8. Offen

    " ... schwer auszumachen, "was Lüge ist und was Wlasenko gern als Lüge ausgeben möchte". Klar ist: Als investigative Recherche geht die Veröffentlichung nicht durch."

    Warum sollte das "klar" sein. Anhand der bekannten Fakten ist das für mich überhaupt nicht klar, sondern offen. Und zu behaupten, Mails seien manipuliert, das ist kein Beleg.

    Eine Leserempfehlung

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