Die Regierungen Deutschlands und anderer westlicher Staaten haben ihre Staatsbürger dazu aufgerufen, die Region um die libysche Hafenstadt Bengasi umgehend zu verlassen. Seit dem Beginn der französischen Militäroffensive in Mali sei auch die Sicherheit in Libyen nicht mehr gewährleistet. Grund für den Aufruf waren konkrete Hinweise auf eine Bedrohung.

Außenminister Guido Westerwelle sprach bei einem Besuch in Lissabon von einer "ernsten und delikaten Lage". Die Warnung sei aufgrund von "verschiedenen Hinweisen" erfolgt. Konkreter wurde Westerwelle nicht. Das Auswärtige Amt geht von nur wenigen Deutschen in Bengasi aus, konnte aber keine genaue Zahl nennen.

Die libysche Regierung sieht indes keine Gefahr. Ein Vertreter des Innenministeriums sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Lana, die Berichte über die Bedrohung westlicher Staatsbürger entbehrten jeder Grundlage. Er versicherte, dass die Sicherheitslage in Bengasi stabil sei.

"Unmittelbare konkrete Bedrohung"

Zunächst hatte der britische Außenminister zum Verlassen Bengasis und der umliegenden Küstenregion aufgerufen. "Wir sind über eine spezifische und unmittelbare Bedrohung für westliche Staatsbürger in Bengasi informiert", hieß es. Nur wenig später meldete das Auswärtige Amt im Internet ebenfalls eine unmittelbare Gefahr.

Auch Kanada und Australien forderten ihre Staatsbürger auf, die Stadt umgehend zu verlassen. "Terroranschläge können jederzeit passieren und auf Orte mit vielen Ausländern und ausländischen Reisenden zielen", teilte das kanadische Außenministerium mit. Auch vor Reisen nach Bani Walid und die Gegend von Sabha im Südwesten sowie in die Wüstenstadt AL-Kufra wurde gewarnt.

Das niederländische Außenministerium hält eine akute Bedrohung nicht für ausgeschlossen. Nach der Intervention Frankreichs in Mali sei die Gefahr von Vergeltungsschlägen auf westliche Ziele größer geworden. Der Angriff islamistischer Kämpfer auf eine Gasförderanlage in der algerischen Wüste war eine Reaktion auf den Militäreinsatz in Mali.

"Bewaffnete Auseinandersetzungen sind jederzeit möglich"

Seit der Geiselnahme ist die ganze Region in Alarmbereitschaft. Für Libyen hatte das Auswärtige Amt bereits vor dem aktuellen Hinweis eine Reisewarnung ausgegeben. "Die Lage im ganzen Land ist weiterhin unübersichtlich. Bewaffnete Auseinandersetzungen finden vereinzelt weiterhin statt und sind jederzeit möglich", heißt es darin. Die jetzige konkrete Warnung vor einer Bedrohung mit der dringenden Aufforderung, die Region zu verlassen, ist jedoch ungewöhnlich.

In der mit knapp 700.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Libyens waren bei einem Terroranschlag auf das US-Konsulat am 11. September vergangenen Jahres vier US-Diplomaten getötet worden. Vor zwei Wochen entging der italienische Konsul Guido De Sanctis in Bengasi nur knapp einem Anschlag. Unbekannte feuerten an einer Kreuzung auf seinen Wagen. Dank der Panzerung blieb er unverletzt.