TerrorgefahrWestliche Bürger sollen Bengasi verlassen

Im libyschen Bengasi gibt es eine "konkrete Bedrohung westlicher Staatsangehöriger". Die Regierungen befürchten Vergeltungsschläge für den Militäreinsatz in Mali.

Das gepanzerte Fahrzeug des italienischen Konsuls nach einem versuchten Attentat in Bengasi

Das gepanzerte Fahrzeug des italienischen Konsuls nach einem versuchten Attentat in Bengasi  |  © Abdullah Doma/AFP/Getty Images

Die Regierungen Deutschlands und anderer westlicher Staaten haben ihre Staatsbürger dazu aufgerufen, die Region um die libysche Hafenstadt Bengasi umgehend zu verlassen. Seit dem Beginn der französischen Militäroffensive in Mali sei auch die Sicherheit in Libyen nicht mehr gewährleistet. Grund für den Aufruf waren konkrete Hinweise auf eine Bedrohung.

Außenminister Guido Westerwelle sprach bei einem Besuch in Lissabon von einer "ernsten und delikaten Lage". Die Warnung sei aufgrund von "verschiedenen Hinweisen" erfolgt. Konkreter wurde Westerwelle nicht. Das Auswärtige Amt geht von nur wenigen Deutschen in Bengasi aus, konnte aber keine genaue Zahl nennen.

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Die libysche Regierung sieht indes keine Gefahr. Ein Vertreter des Innenministeriums sagte der staatlichen Nachrichtenagentur Lana, die Berichte über die Bedrohung westlicher Staatsbürger entbehrten jeder Grundlage. Er versicherte, dass die Sicherheitslage in Bengasi stabil sei.

"Unmittelbare konkrete Bedrohung"

Zunächst hatte der britische Außenminister zum Verlassen Bengasis und der umliegenden Küstenregion aufgerufen. "Wir sind über eine spezifische und unmittelbare Bedrohung für westliche Staatsbürger in Bengasi informiert", hieß es. Nur wenig später meldete das Auswärtige Amt im Internet ebenfalls eine unmittelbare Gefahr.

Auch Kanada und Australien forderten ihre Staatsbürger auf, die Stadt umgehend zu verlassen. "Terroranschläge können jederzeit passieren und auf Orte mit vielen Ausländern und ausländischen Reisenden zielen", teilte das kanadische Außenministerium mit. Auch vor Reisen nach Bani Walid und die Gegend von Sabha im Südwesten sowie in die Wüstenstadt AL-Kufra wurde gewarnt.

Das niederländische Außenministerium hält eine akute Bedrohung nicht für ausgeschlossen. Nach der Intervention Frankreichs in Mali sei die Gefahr von Vergeltungsschlägen auf westliche Ziele größer geworden. Der Angriff islamistischer Kämpfer auf eine Gasförderanlage in der algerischen Wüste war eine Reaktion auf den Militäreinsatz in Mali.

"Bewaffnete Auseinandersetzungen sind jederzeit möglich"

Seit der Geiselnahme ist die ganze Region in Alarmbereitschaft. Für Libyen hatte das Auswärtige Amt bereits vor dem aktuellen Hinweis eine Reisewarnung ausgegeben. "Die Lage im ganzen Land ist weiterhin unübersichtlich. Bewaffnete Auseinandersetzungen finden vereinzelt weiterhin statt und sind jederzeit möglich", heißt es darin. Die jetzige konkrete Warnung vor einer Bedrohung mit der dringenden Aufforderung, die Region zu verlassen, ist jedoch ungewöhnlich.

In der mit knapp 700.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Libyens waren bei einem Terroranschlag auf das US-Konsulat am 11. September vergangenen Jahres vier US-Diplomaten getötet worden. Vor zwei Wochen entging der italienische Konsul Guido De Sanctis in Bengasi nur knapp einem Anschlag. Unbekannte feuerten an einer Kreuzung auf seinen Wagen. Dank der Panzerung blieb er unverletzt.

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Leserkommentare
  1. Ja, so kommt es dann halt, wenn sich der Westen auch mit Islamisten gegen eine von ihm als stürzenswert definierte Regierung verbündet und den Regime Channge herbeibombt. Nun ist er da, mit allen Risiken und Nebenwirkungen.

    Ich bedaure allerdings weniger die westlichen Bürger in Bengasi und Umgebung, die ja nach Hause fliegen können, als vielmehr das libysche Volk, das keinen Ort hat, an den es vor der Tyrannei der Scharia und gesetzlosen Milizen wie der aus Misrata oder Zintan fliehen könnte.

    12 Leserempfehlungen
    • gw1200
    • 25. Januar 2013 8:35 Uhr

    Da hat die NATO in Libyen ein prima Trainingslager hinterlassen für Islamisten. Die werden dann ihre Erfahrungen in Mali anwenden können.

    12 Leserempfehlungen
    • zorano
    • 25. Januar 2013 8:59 Uhr

    Als der Diktator noch lebte, konnten da alle mehr oder weniger ungehindert reisen und leben und hunderte Tausende Afrikaner, Osteuropäer und Fachkräften aus den Westen einen Job finden. Und in Mali musste niemand ums Leben fürchten. Was ist jetzt dort "auf einmal" los? Und gerade in Bengasi?

    9 Leserempfehlungen
  2. Es ist immer wieder interessant wie schwarz und weiß die Dinge in Europa betrachtet werden, wenn es nur so einfach wäre.
    Heimliches Beklatschen des Sturzes Ghadafis, ohne deutsche Beteiligung, und dann in Bengasi ein Kooperationsbüro der Deutschen eröffnen (Westerwelle) um sich Märkte zu sichern. Typisch deutsch eben.
    Und nun wird allerorts wieder so getan als hätte man es ja gleich gewußt dass das nichts werden kann.
    Wieder typisch deutsch.
    Man hat nun schlicht und einfach die Realitäten, die es übrigens so schon immer gab, vor Augen. Nur dass es jetzt natürlich keine Despoten mehr gibt die den Deckel draufhielten. Nun kocht natülich der Eintopf der ganzen Strömungen in diesen Ländern über.
    Man hatte die Fundamentalisten früher eingesperrt, gefoltert und einfach mal kurz hingerichtet (Beispiel Syrien durch Assads Vater gleich tausendfach). So, nun sind die Türen auf , die Waffen durch Ghadafis Arsenale gibt´s auch, und schon hat man die logischen Folgen. Auch zum Beispiel einen Moslembruder als ägyptischen Präsidenten, wer hätte das gedacht.

    Es ist keine gute Idee sich nun zurückzuziehen, den Finger mal wieder zu heben und einen auf Besserwisser zu machen.
    Diese ganzen fragilen Staaten brauchen unsere Unterstützung, sonst verschlimmern wir die Lage langfristig noch mehr.
    Immer Demokratie einzufordern ist leicht, diese aber langfristig zu bilden braucht einen langen Atem und hin und wieder Mut.
    Aber Zweifel sind begründet, wir beschränken uns lieber auf Lippenbekenntnisse.

    2 Leserempfehlungen
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    Diejenigen, die Sie kritisieren (ich gehöre dazu) waren von Anfang an gegen den Einsatz durch Bomber der NATO, da Sie glaubten diese Entwicklung vorauszusehen. Es trat so ein, wie viele Komentatoren nicht gewünscht aber erwartet hatten, da exportierte Revolutionen schon immer zum Scheitern veruteilt waren (Che Guevara ein gutes Beispile dafür).

    Ich hätte nichts dagegen, wenn sich das Volk seine Herrschaft gegen Ghadaffi erkämft hätte(Demokratie). Das ist aber nicht passiert, da in Libyen keine "revolutionäre Situation" (W.I.Lenin) bestand. Das gleiche gilt übrigens in noch verschärfterer Form in Syrien.

    Wir haben uns berechtigt dort ´rausgehalten und die Nato häte es besser auch getan. Wir sollten jetzt daraus lernen und endlich die Unterstützung der "Rebellen" in Syrien beenden, damit dort wieder geornete Verhältnisse entstehen können, um eine tatsächlich Revolution möglich zu machen.

    Diese muss nicht gewaltsam sein (siehe DDR)

  3. Herrscht in Libyen - nach dem Sturz des "blutrünstigen Diktators" Gaddafi - nicht jetzt Wohlstand, Freiheit, Sicherheit und Demokratie?!

    Hab` ich irgendwas verpaßt?

    10 Leserempfehlungen
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    Welche Motivation steht hinter den Warnungen? Auch die Libyer rätseln darüber. Am meisten stört die Regierung jedoch, dass die Warnung soviel internationale Aufmerksamkeit erregt.
    http://www.libyaherald.co...

    Keine Aussicht auf Verfassung in Libyen, weil Libyen stillsteht. Die größte Partei zog sich aus dem Nationalkongress zurück, weil er keine verfassungsgebende Versammlung wählte. Wenn aber 60% Unabhängige sind, dann gibt es eben keine leichte Fraktionsbildung. Diese Lähmung ist die Folge der Behinderung von Parteien, sprich der Moslembrüder.
    Die NA bewirkte jetzt wenigstens eine kontroverse Diskussion in Libyen. Wenn die Abgeordneten nicht entscheiden wollen oder können, dann müssen sie zurücktreten. Je stärker die Öffentlichkeit beteiligt wird, desto eher müssen die Abgeordneten Ergebnisse liefern!
    http://derstandard.at/135...
    Führt der Rückzug des Westens zur Lösung der Blockaden in Libyen?

    "Kafkaesker Prozess" gegen Saif Gaddafi in Libyen. Dabei gefährdet jeder und alles die nationale Sicherheit. Sie sind paranoid und scheuen das Licht. Nur der internationale Strafgerichtshof garantiert einen rechtsstaatlichen Prozess.
    http://derstandard.at/135...

    Libyen muss ins Licht der internationalen Presse gezogen werden!

  4. woran das wohl liegen mag?

    So langsam frage ich mich: "War es vor oder nach der segensreichen Überflutung dieser Welt mit westlicher Demokratie schöner und friedensreicher?"

    Oder haben wir für "Machtausübung des militärisch-industriellen Komplexes" auf dieser Welt inzwischen den Euphemismus (das schöne Wort) "westliche Demokratie einer zivilisierten Gesellschaft?"

    4 Leserempfehlungen
  5. ...auch die Pakistanis und demnächst die Einwohner Malis ihre Heimat verlassen um der Bedrohung durch - künftig auch deutsche - Drohnen-Angriffe zu entgehen?

  6. 8. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, nf
  • Schlagworte Guido Westerwelle | Ausländer | Auswärtiges Amt | Anschlag | Außenminister | Geiselnahme
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