Viertens: Mursi hat sich mit dem Militär verbündet

Tatsächlich hat der Präsident bereits im August 2012 einen Großteil der Militärführung ausgewechselt. Dieser Schritt wurde oftmals als Entmachtung des Militärs interpretiert. Die neue Verfassung zeigt allerdings, dass das Militär eine weitgehende Autonomie behält. Mohammed Mursi kann sich nicht ohne Weiteres in interne Angelegenheiten der Streitkräfte, z.B. in Personal- oder Finanzfragen, einmischen. Dies deutet auf ein Machtteilungsarrangement zwischen dem Präsidenten bzw. der hinter ihm stehenden Muslimbruderschaft und der Militärführung hin. Für einen demokratischen Staat ist ein solches Arrangement hoch problematisch und die Kritik von Teilen der Opposition vollkommen berechtigt. Allerdings stellt sich die Frage, ob eine Entmachtung des Militärs in der gegenwärtigen Situation überhaupt möglich gewesen wäre.

Fünftens: Mursi ist ein Antisemit

Für viele westliche Kritiker des Präsidenten ist dieser Punkt am problematischsten. Tatsächlich ist Mohammed Mursi in seiner Vergangenheit als Funktionär der Muslimbruderschaft durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Mursi rechtfertigt sich damit, dass seine Äußerungen im Kontext seiner Kritik an Israels Politik gegenüber den Palästinensern zu sehen seien. Mit einer weiteren Entschuldigung ist kaum zu rechnen, nicht zuletzt, weil Mursis Äußerungen in der ägyptischen Mehrheitsgesellschaft keineswegs als Problem gesehen werden. Ganz im Gegenteil kann Mursi in diesem Punkt sogar mit der Unterstützung weiter Teile der nicht-islamistischen Opposition rechnen. Bei aller berechtigter Kritik an diesen Äußerungen gilt es aber nun, Mohammed Mursi an seinen konkreten Handlungen zu messen. Gegenüber Israel hat sich der Präsident bislang äußerst pragmatisch gezeigt; im letzten Gaza-Konflikt hat er zwischen Israel und der Hamas einen Waffenstillstand vermittelt. Anders als sein Vorgänger Husni Mubarak genießt Mursi auch das Vertrauen der palästinensischen Hamas. Dieses Kapital sollte der Westen nutzen, um den Nahost-Friedensprozess voranzubringen.