Berlin-Besuch Ist Mursi wirklich so schlimm?

Ägyptens Präsident Mursi, der heute in Berlin ist, wird heftig kritisiert. Doch man muss genau hinsehen, Stephan Roll nimmt die wichtigsten Kritikpunkte unter die Lupe.

Hat das Vertrauen der Palästinenser: Hamas-Anhänger feiern den Sieg von Mohammed Mursi (Juni 2012)

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Erstens: Mursi hat sich über das Gesetz gestellt

Mohammed Mursi hat sich im vergangenen November per Dekret über das Gesetz gestellt und hierdurch ein absehbares Eingreifen der Judikative in den Verfassungsgebungsprozess unterbunden. Dieses Vorgehen wurde sowohl von der ägyptischen Opposition als auch im Ausland scharf kritisiert. Dem Präsidenten wurde vorgeworfen, er habe durch die Aufhebung der Gewaltenteilung gegen demokratische Grundregeln verstoßen. Ganz stimmig ist dieser Vorwurf allerdings nicht. Ägypten ist bislang keine Demokratie. Weite Teile der Judikative entstammen dem autoritären Mubarak-Regime. Demokratische Maßstäbe anzusetzen, greift daher zu kurz. Mursis Vorgehen mag problematisch gewesen sein, und sicherlich hätte er es besser kommunizieren müssen. Die Maßnahmen allerdings waren von Anfang an zeitlich befristet. Nach Inkrafttreten der neuen Verfassung steht der Präsident nicht mehr über dem Gesetz. Deshalb sollte auch Mursis Einfluss auf gegenwärtige Gerichtsprozesse wie den zur Aufarbeitung des Fußball-Massakers in Port Said nicht überbewertet werden.

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Zweitens: Mursi verhandelt nicht mit der Opposition

Stephan Roll

forscht an der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) unter anderem zu Transformationsprozessen in den arabischen Staaten mit Schwerpunkt Ägypten. Die Stiftung berät Bundestag und Bundesregierung in allen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Der Artikel erscheint auf der SWP-Homepage in der Rubrik "Kurz gesagt".

In der Tat ist Mohammed Mursi seit Beginn seiner Präsidentschaft zu wenig auf die nicht-islamistische Opposition zugegangen. Sowohl im Verfassungsgebungsprozess als auch bei der Regierungsbildung hätte Mursi versuchen müssen, die oppositionellen Kräfte glaubwürdig einzubeziehen. Die Opposition hat es dem Präsidenten allerdings auch nicht einfach gemacht. So war etwa der Boykott der verfassunggebenden Versammlung durch die Opposition ab September 2012 wenig konstruktiv. Zudem stellt sich die Frage, was die von der Opposition und westlichen Regierungen geforderte "Inklusion aller politischen Kräfte" in den Verfassungsgebungsprozess am Ergebnis geändert hätte. Letztlich ist die neue Verfassung ein Spagat zwischen völlig konträren Positionen. In ihr finden sich wichtige Positionen säkularer, liberaler und linker Parteien und Gruppierungen nicht oder nur beschränkt wieder; allerdings gilt dasselbe für die fundamentalistischen Positionen des salafistischen Spektrums, das einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung repräsentiert. Aktuell erheben Teile der Opposition, die sich in der "Nationalen Heilsfront" zusammengeschlossen haben, Maximalforderungen, die ohne Gesichtsverlust des Präsidenten nicht umzusetzen sind.

Drittens: Mursi ist nicht der Präsident aller Ägypter, sondern der Muslimbrüder

Dies ist mittlerweile der zentrale Vorwurf der Opposition. Tatsächlich wurde Mohammed Mursi mit den Stimmen von lediglich 27 Prozent der Wahlberechtigten gewählt. Allerdings ist ein knapper Wahlsieg in einer demokratischen Wahl keine Seltenheit. Und für ägyptische Verhältnisse war die Wahl frei und fair, was auch vom überwiegenden Teil der Opposition akzeptiert wird. Allerdings hat der Präsident den Wahlsieg bislang nicht genutzt, um sich über Parteigrenzen hinweg und bei den politikverdrossenen Teilen der Bevölkerung Legitimation zu verschaffen. Vielmehr stimmt er seine politischen Entscheidungen offenbar vor allem mit zentralen Führungspersonen der Muslimbruderschaft ab, der er selbst angehört. So ist es auch wenig verwunderlich, dass seine politischen Entscheidungen derzeit vor allem darauf abzielen, den Muslimbrüdern bei den kommenden Parlamentswahlen eine Mehrheit zu ermöglichen. In diesem Sinne hält er sich wohl auch mit unpopulären, aber überfälligen Wirtschafts- und Sozialreformen bis nach den Wahlen zurück.

Leser-Kommentare
  1. Der Autor hat recht, wen er mit seinem Artikel (ein weinig) versucht ein objektiveres Bild von den tatsächlichen Verhältnissen in dieseem Land zu zeichnen, als das gemeinhin von der Mainstreem Presse getan wird. Niemand kann sich anmaßen, die politische Lage in Ägypten in all ihren Zusammenhängen und in all ihrer Dynamik ganz zu verstehen. Das können nur die Betroffenen selbst tun, die MIT und IN diesen Verhältnissen leben. Die Maßstäbe, die wir dabei i.d.R. ansetzen, sind meistens kaum mehr als eine Mischung aus Halbwissen, verbunden mit meist starken, instinktiven Vorurteilen und Sympathien.

    Ägypten war nie ein demokraischer Staat, und wird es in unsrerem Sinne vielleicht niemals werden.Es ist ein Land, das mit schweren Geburtswehen zu ringen hat und in Anbetracht dieses Umstandes hat es in mancherlei Hinsicht schon Erstaunliches geleistet. Ein so tiefgreifender Wandel verläuft niemals eben und gleichmäßig. Für uns, die wir außerhalb stehen und die Ereignisse nur aus der Ferne betrachten, sollte es doch wichtig sein, sich eines zu sehr vereinfachenden, bequemen, nur von persönlichen Emotionen geleiteten Urteilens zu enthalten. Die Wirklichkeit ist immer und überall viel komplizierter und größer als dass sie in ein einfaches und kleines „Good Boy – Bad Boy“ Schema hineinpasst.Wichtig ist der Fortschritt und dass es den Menschen dabei immer besser geht. Dafür dass dies eines Tages in Ägypten eintreten wird, gibt es immer noch viele Anzeichen und nahezu alle Möglichkeiten.

    2 Leser-Empfehlungen
  2. 50. Quelle

    The_honorable_schoolboy schrieb am 30.01.2013 um 15:33 Uhr

    "Einer der Berater von Mursi soll übrigens gemeint haben, der Holocaust sei eine Erfindung, die 6 Millionen Juden befänden sich in den USA."

    Hier ist die Quelle:

    "HAIFA, Israel – A key figure in Egyptian President Mohammed Morsi's government called the Holocaust a hoax cooked up by U.S. intelligence operatives and claimed the 6 million Jews who were killed by Nazis simply moved to the U.S."

    http://www.foxnews.com/wo...

    Antwort auf "Am 30.1."
  3. als Israel gerade den Gaza-Streifen in einer kollektiven Strafaktion mit brutaler Gewalt überzog und knapp 1.400 Personen - darunter viele Frauen und Kinder - vom Dies- ins Jensseits beförderte. Wofür sie dann (genau wie die Hamas) von den UN anschließend der Kriegsverbrechen geziehen wurden. Schon vergessen?
    Dass in einem solchen Kontext von einem Oppositionellen, der jahrelang in den Gefängnissen des Mubarak-Regimes geschmort hat (das mit Israel gemeinsame Sache machte und die Grenze zu Rafah geschlossen hielt) Worte fielen, die für einen Präsidenten später nicht mehr passend wären, sollte nicht wirklich überraschen.
    Ihm werden seine Worte vorgehalten, die in unseren Ohren schrill klingen, aber niemandem physischen Schaden zufügen, aber wer hält Israel seine Taten vor, die konkret Tod und Leiden verursachen?

    Eine Leser-Empfehlung

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