Es klang nach einer bahnbrechenden Neuigkeit, was Nordkoreas Jung-Diktator Kim Jong Un am Dienstag in seiner von staatlichen Medien übertragenen Neujahrsansprache verkündete. Eine Aussöhnung mit dem Süden solle es geben, zudem solle ein radikaler Wechsel in Landwirtschaft und Leichtindustrie Nordkorea zu einem "wirtschaftlichen Riesen" machen. Doch bei näherer Betrachtung war die Rede nicht sensationell, vielmehr wollte Kim zwei unterschiedliche Signale aussenden: eines für die Nordkoreaner und eines für die Brüder und Schwestern im demokratischen Süden.

Nach innen soll sein darbendes Volk – allein ein Drittel der 24 Millionen Landsleute leidet laut UN an Unterernährung – einen tatkräftigen Staatsführer erleben. Einen, der anpackt. Und nach außen soll dem wohlhabenden Süden vermittelt werden, dass Pjöngjang für eine erneute Annäherung bereit ist. Verbesserte Beziehungen zum Süden haben sich für die Führung Nordkoreas stets gelohnt, es flossen Geld und Sachwerte aus öffentlichen und privaten Kassen. Im Zuge der sogenannten Sonnenscheinpolitik des südkoreanischen Präsidenten Kim Dae Jung – er erhielt dafür im Jahr 2000 den Friedensnobelpreis – erhielt der Norden Hilfen im Wert von 450 Millionen US-Dollar.

Doch wurde der Süden für die Annäherungspolitik und die Hilfen nicht wirklich belohnt – im Gegenteil: Kim Jong Uns Vater und Vorgänger Kim Jong Il ließ Atomwaffen zünden und Raketen abschießen, und sein Sohn tut es ihm nach. Im Dezember schickte er eine Langstreckenrakete in den Orbit

 Im Februar wird in Seoul die neue Präsidentin Park Geun Hye ihr Amt antreten, und sie hat sich im Wahlkampf bereits an verbesserten Beziehungen zum Norden interessiert gezeigt. Dafür soll Pjöngjang jedoch auf sein Atomprogramm verzichten, was man dort ablehnt. Auffallend an der Neujahrsansprache war, dass die Atomfrage nicht erwähnt wurde, die von der internationalen Gemeinschaft zu gewährenden Gegenleistungen für einen Verzicht wären im Übrigen hoch.

Das Land ist abhängig von Hilfslieferungen aus dem Ausland

So gesehen hat sich Kim Jong Uns Ansprache nicht wesentlich von Verkündungen seine Vorgänger zum neuen Jahr unterschieden. Wenn nicht in der Atomfrage, so haben sich unter Kim Jong Un dennoch ein paar Nuancen verschoben. Die Fassade des Landes verändert sich, es gibt Fotos mit in westlichem Stil gekleideten Frauen (so auch Kims Gemahlin), die Nordkoreaner durften sehen, wie der Diktator einen Pizza- und Hamburger-Laden besucht, und in der Hauptstadt gibt es mehr moderne Gebäude, Geschäfte und Restaurants.

Doch die Fassade allein reicht eben nicht, will Kim einen "wirtschaftlichen Riesen" erzeugen. Die Staatswirtschaft des Landes kann das Volk nicht richtig ernähren und ist abhängig von Hilfslieferungen aus dem Ausland, eigentlich sind mehr Privat- und Marktwirtschaft vonnöten. Der starke Mann nach Kim Jong Un, sein Onkel Jang Song Taek, besuchte daher im August vergangenen Jahres Peking und den Norden Chinas, eine Reise, bei der es ausschließlich um Fragen der wirtschaftlichen Kooperation ging.

Regierung fürchtet ökonomische Freiheiten

Die brachliegende Wirtschaft Nordkoreas muss in Gang gebracht werden, und richten sollen dies erst mal gemeinsame Sonderwirtschaftszonen mit China. So wie es der große Nachbar in der frühen achtziger Jahren auch gemacht hat. Auch Peking will seinen schwachen Nachbarn stützen, weshalb man den Handel zuletzt intensivierte; zudem hat man Zehntausenden Nordkoreanern erlaubt, in den Fabriken Nordostchinas zu arbeiten. Und tatsächlich ist die Wirtschaft des Landes mit Hilfe Chinas erstmals seit drei Jahren gewachsen, wenn auch nur um 0,83 Prozent.

Wichtiger noch sind möglicherweise Meldungen über die Vorbereitungen für einfache Reformen der verstaatlichten Landwirtschaft, wonach die Bauern einen etwas größeren Anteil der Ernte einbehalten und verkaufen dürfen. Südkoreanische Medien berichten darüber seit dem Sommer. Auch dieser Schritt ähnelt dem Vorgehen der Chinesen Ende der siebziger Jahre.

Sollen aber Waren frei ausgetauscht werden, entstehen zwangsläufig weitere Freiheiten. Händler und Bauern müssen mobil sein, es braucht Telekommunikation, und auf Märkten wird nicht nur über die Waren gesprochen. Bislang wurden daher Landwirtschaftsreformen in Nordkorea abgebrochen oder verschoben. Will Kim Jong Un von seinen Ankündigungen etwas wahr machen und gleichzeitig die Ernährungslage bessern, brauchen die Bauern mehr Eigenständigkeit.

Kim Jong Uns Neujahrsrede war also eine weitgehende koreanische Angelegenheit – für Nord wie Süd –, und ihre Aussage ist in der Substanz nicht neu. Doch die wirtschaftlichen Nöte wie auch das Interesse Pekings an stabilen Verhältnissen beim verarmten Nachbarn könnten Veränderungen in naher Zukunft möglich machen.