AmtseinführungObama verspricht ein gerechtes Amerika

Weniger Pomp, mehr Ernsthaftigkeit: Obama präsentiert sich bei seiner zweiten Amtseinführung als entschlossener und tatendurstiger Präsident. Von M. Klingst, Washington von 

Obama tritt auf den Balkon des Kapitols, wo er vereidigt wurde.

Obama tritt auf den Balkon des Kapitols, wo er vereidigt wurde.  |  © Evan Vucci-Pool/Getty Images

Nein, diesmal gab es keinen festlichen Einzug in die Hauptstadt im Eisenwaggon von Abraham Lincoln, sondern nur eine schnöde Autofahrt vom Weißen Haus zum Kapitol. Kein gigantisches Konzert mit den Größen des amerikanischen Pop- und Filmgeschäfts auf den Stufen des Lincoln-Denkmals, sondern business as usual. Statt fast zwei Millionen empathischer Amerikaner auf der Museumsmeile zwischen Kongress und Memorial wohl nur etwa eine Million und damit eigentlich immer noch ein Rekord. Statt zehn offiziellen Bällen am Abend gab es zwei.

Im Vergleich zur ersten Amtseinführung 2009 war diesmal eben alles eine Spur kleiner, unaufgeregter ­– und bescheidener. Beim zweiten Mal ist der neue Mann im Weißen Haus eben nicht mehr neu. Außerdem ist den Amerikanern in diesen Zeiten nicht nach großen, teuren und ausgelassenen Feiern.

Anzeige

Dennoch war Barack Obamas zweite Inauguration auch diesmal wieder ein historisches Ereignis, vielleicht sogar noch historischer als die erste. Denn schien schon die Wahl des ersten schwarzen Präsidenten ziemlich unwahrscheinlich, so war es seine Wiederwahl erst recht. Bis zum 6. November 2012 hieß es: Das Heer der Arbeitslosen, die wirtschaftlichen Turbulenzen, der Hass und die sture Opposition ließen eine Bestätigung des Afroamerikaners im Weißen Haus nicht zu. Überdies: Nur 16 Vorgängern Obamas war bislang überhaupt eine zweite Amtszeit vergönnt.

Obama hat sich viel vorgenommen

Alles Makulatur, Obama bleibt im Weißen Haus – und hat viel vor. Als er am Montagmittag seinen Amtseid nun auch öffentlich abgelegt hatte, wandte er sich um Punkt zwölf an das Volk, an die knapp 900.000 Menschen auf der National Mall in Washington und an die Millionen vor den Fernsehgeräten. Vom Balkon des Kapitols sprach ein ernster Präsident, ein ebenso entschiedener wie tatendurstiger. Die Liste seiner Vorhaben ist ellenlang: mehr Chancengerechtigkeit und ein neues Einwanderungsgesetz, strengere Waffenkontrolle und gleiche Rechte für Schwule und Lesben, ein besserer Klimaschutz sowie Abbau des Schuldenbergs bei gleichzeitiger Investition in Bildung und Wissenschaft.

All das will der Präsident auf den Weg bringen und ihm bleibt dafür nicht viel Zeit. Im Grunde bleiben ihm nur 18 Monate, um seinen Plan durchzusetzen; danach wird alsbald das Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats neu gewählt – und danach schauen sowieso alle nur noch auf die nächste Präsidentschaftswahl.

Barack Obama ist überzeugt, bei der Wahl am 6. November ein Mandat für diese Agenda erhalten zu haben. Eine Koalition aus Hispanics und Schwarzen, aus jungen Wählern und Frauen hat ihn und seine Vorhaben gestützt. Deshalb appellierte er in seiner Rede eindringlich an die Amerikaner: "Mehr denn je zuvor müssen wir dies gemeinsam machen. Wir sind für diesen Moment geschaffen – und wir werden diesen Moment ergreifen, solange wir dies gemeinsam tun."

Außenpolitik könnte Obama bremsen

Auf der Pressetribüne neben Obamas Rednerpult überschlugen sich derweil die Kommentatoren aller großen Fernsehsender mit ihren Prognosen darüber, ob der Präsident sich mit seinem ehrgeizigen Programm auch durchsetzen wird. Nicht nur wegen der geteilten Macht im Kongress. Im Repräsentantenhaus regieren die oppositionellen Republikaner, und sie zeigen sich wenig kompromissbereit.

Im Wege stehen könnte auch die Außenpolitik mit ebenso unvorhersehbaren wie unwägbaren Ereignissen. Eine Eskalation des Bürgerkriegs in Syrien, ein mit der Atombombe zündelnder Iran, eine Ausbreitung des islamistischen Terrors in Nordafrika, ein bewaffneter Konflikt zwischen China und Japan über eine von beiden Ländern beanspruchte Inselgruppe – all das könnte Obamas ganze Kraft fordern und sein Reformprogramm zwangsläufig stoppen.

Zweite Amtszeiten, so eine Weisheit, waren außerdem nur selten von Erfolg gekrönt. Oft wurden unbestreitbare Leistungen von Skandalen überschattet. Dwight D. Eisenhower schuf ein nationales Autobahnsystem, aber das Land sprach vom Abschuss des Spionageflugzeugs U2 über der Sowjetunion und davon, dass der Präsident Soldaten nach Little Rock, Arkansas, entsenden musste, um die Aufhebung der Rassentrennung an öffentlichen Schulen durchzusetzen.

Ronald Reagan hob ein neues Steuersystem aus der Taufe und führte das Ende der UdSSR mit herbei. Doch Schlagzeilen in seiner zweiten Amtszeit machte vor allem der Iran-Contra-Skandal. Bill Clinton glich den Haushalt aus und schuf sogar einen bahnbrechenden Überschuss. Doch im Zentrum stand die von ihm lange Zeit wahrheitswidrig bestrittene Sexaffäre mit einer Praktikantin.

Leserkommentare
  1. In den USA regieren seit Beendigung des US-amerikanischen Bürgerkrieges(!) ZWEI politische Parteien das Land.
    Angesichts dessen klingen die Worte des alten und neuen Präsidenten wie Hohn.

    Das politische System in den USA ist de facto ein Zwei-Parteien-Diktat,

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei aller sicher berechtigten Kritik an Amerika: aber das ist doch ziemlich unrichtig, gell? In den USA werden auf allen Ebenen öffentliche Vorwahlen durchgeführt, in denen - jeweils nach den Regelungen des betroffenen Bundesstaates - alle Bürger teilnehmen können, oder aber Bürger, die sich für eine bestimmte Partei entscheiden (wohlgemerkt: ohne deren Mitglied werden zu müssen). Damit besteht eine sehr starke direktdemokratische Anbindung aller Amtsträger. Von einem "Diktat" zu sprechen ist sicher falsch.

    • Fragend
    • 22. Januar 2013 10:23 Uhr

    Man darf wahrscheinlich ewig warten, wenn man erwartet, dass mal einer einen Artikel schreibt, der das wahre Gesicht Obamas zeigt. Er ist republikanischer als die meisten Republikaner und serviert denen regelmäßig Geschenke. Lächerlich ist, dass der überhaupt das Wort Gerechtigkeit in den Mund nehmen mag.

    • Fragend
    • 22. Januar 2013 10:23 Uhr
    19. [...]

    Doppelpost. Danke, die Redaktion/mo.

    • puter
    • 22. Januar 2013 10:30 Uhr

    Grandiose Rede mit großartigen Ankündigungen, was der charismatische BO in seiner kurzen Restdienstzeit alles erreichen will. Dieses Mammutprogramm ist wegen der Spaltung zwischen Reps und Demokraten höchstens ansatzweise zu realisieren.
    Obama sollte sich auf die wichtigsten Probleme konzentrieren.
    Beginnen sollte er endlich mit der Schließung des gruseligen Militärgefängnisses Guantanamo, das für die demokratischen USA ein brutales Schandmal ist. Sollte ihm das gegen den unverständlichen Widerstand seiner politischen Gegner gelingen, besteht die Hoffnung auch die anderen wichtigen Vorhaben durchzusetzen.

  2. Liest man die Beiträge kommt man zum Eindruck, dass hier lauter USA Experten anwesend sind, die alle frustriert sind weil Obama nicht links genug ist und glauben, dass die Presse den Leuten die falschen Infos vorsetzt!

    Obama hat gestern eine sehr starke Rede gehalten mit einer sehr positiven Botschaft. In seiner zweiten Amtszeit hat er andere Möglichkeiten als in der ersten und wird sicher mehr umsetzen können. Die Verhältnisse in den USA sind natürlich nicht gerade ideal um eine vernünftige Politik betreiben zu können!

    Alle die jetzt bereits am Lästern sind, sollten warten was nach vier Jahren übrig bleibt und ihr Urteil dann fällen.

    P.S. Auf der ersten Kommentarseite wird auf den Rapper Lupe Fiasco verwiesen. Es wäre fair gewesen zu sagen, dass es sich bei der Party nicht um eine offizielle Feier gehandelt hat und somit, wenn überhaupt, der veranstalter für den Vorfall zu kritisieren sein sollte aber nicht Obama oder die Regierung. Auch bei uns wäre der Rapper von der Bühne geholt worden. Aber so ist das eben, erst über die Presse lästern und dann selbst auf Quellen verweisen ohne die Zusammenhänge zu erklären!

    2 Leserempfehlungen
    • schelp8
    • 22. Januar 2013 10:33 Uhr

    Gerechtigkeit ist das Ergebnis einer Planung - freie Marktwirtschaft regelt sich selbst. Die USA und die große Mehrheit seiner Bürger stehen auf Freie Marktwirtschaft wie keine andere Gesellschaft in der Welt.
    Fazit: Obama lügt, ebenso wie eine Mehrheit der USA-Bürger sich belügen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Woher haben Sie denn diese äußerst gewagte These? Und wie können Sie sie belegen? Ich bin gespannt.

  3. 23. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

  4. Bei aller sicher berechtigten Kritik an Amerika: aber das ist doch ziemlich unrichtig, gell? In den USA werden auf allen Ebenen öffentliche Vorwahlen durchgeführt, in denen - jeweils nach den Regelungen des betroffenen Bundesstaates - alle Bürger teilnehmen können, oder aber Bürger, die sich für eine bestimmte Partei entscheiden (wohlgemerkt: ohne deren Mitglied werden zu müssen). Damit besteht eine sehr starke direktdemokratische Anbindung aller Amtsträger. Von einem "Diktat" zu sprechen ist sicher falsch.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service