Eine neue frische Kraft, zudem mit moderat-religiösem Hintergrund wie Qadri, wäre daher ein Traumkandidat für das Militär als Regierungschef. Anders als die "weltlichen" Politiker könnte er – so möglicherweise das Kalkül – auch den Taliban die Stirn bieten, denn er ist Koran-fest und kann nicht ohne Weiteres als dekadente Marionette des Westens abgestempelt werden.

Doch auf normalem, demokratischem Weg hätte Qadri derzeit keine Chance. Wie schwer es für eine kleine Partei in dem von Feudalstrukturen geprägten pakistanischen Wahlsystem ist, gegen die großen etablierten Parteien zu konkurrieren, hat Imran Khan gerade erlebt. Und vor ihm bereits diverse islamistische Parteien, die nie mehr als ein paar Prozent der Stimmen einfahren konnten. Es liegt daher nahe anzunehmen, dass Qadri quasi mit dem Fallschirm in Islamabad abgeworfen wurde, um einen Wahlsieg der PPP oder der PML-N zu verhindern.

Qadris Urteil über die Regierung ist richtig

Es scheint auch kaum ein Zufall, dass just zur selben Zeit das Oberste Gericht unter Iftikhar Chaudhury anordnet, den Premierminister wegen Korruptionsvorwürfen zu verhaften. Zwar lässt sich Chaudhury nicht ohne Weiteres als Marionette des Militärs bezeichnen wie viele Oberste Richter vor ihm. Doch sein politischer Ehrgeiz ist bekannt und durch das zur rechten Zeit platzierte Urteil stellt er sicher, dass er ein wichtiger Spieler auf dem Platz bleibt.

Es sagt überhaupt recht viel über das politische Fingerspitzengefühl der PPP-Regierung, dass sie Raja Perveiz Ashraf im vergangenen Jahr erst zum Nachfolger des ebenfalls über Korruptionsvorwürfe gestolperten Premierministers Yousuf Raza Gilani gemacht hat. Denn es stand bereits der Vorwurf im Raum, dass dieser als Energieminister an einigen angemieteten Kraftwerken gut verdient hat. Angesichts der Tatsache, dass in Pakistan fast noch jeder Regierungschef wegen Korruption aus dem Amt gejagt wurde, war Ashraf sicher keine gute Wahl.

Und hier sind wir beim rationalen Kern des Phänomens Qadri. Was immer er über die Regierung sagt: Er hat Recht und jeder weiß, dass er Recht hat. Die Regierung hat abgewirtschaftet. Und seine Forderung nach "sauberen" Politikern, die anständig und ehrlich sind und gute Muslims, ist die Stimme des Volkes. Es wäre tragisch, wenn die Menschen deswegen auch den Glauben an das demokratische System als Ganzes verloren hätten.