PakistanDer Prediger, den Pakistans Regierung fürchtet

Tahir ul-Qadri war ein leidlich bekannter Geistlicher, nun droht er, Pakistans abgehalfterte Regierung zu stürzen. Wie konnte es soweit kommen? von Britta Petersen

Prediger Tahir ul-Qadri

Prediger Tahir ul-Qadri  |  © Dan Kitwood/Getty Images

Pakistans politische Szene ist immer für eine Überraschung gut. Noch vor wenigen Wochen war Tahir ul-Qadri ein mehr oder weniger bekannter Prediger, der seinen Lebensmittelpunkt in Kanada hat. Heute sitzen er und seine Anhänger vor dem Parlament in Islamabad und fordern den Rücktritt der demokratisch gewählten Regierung – und ganz Pakistan zittert. Wie ist es möglich, dass ein Mann der scheinbar aus dem Nichts kommt, sich innerhalb einer Woche anschicken kann, das politische System des krisengeschüttelten Landes aus den Angeln zu heben.

Britta Petersen

leitet das Büro der Grünen-nahen Heinrich Böll Stiftung in Islamabad.

Die Antwort ist komplex. Das Phänomen Qadri beruht auf einer Mischung aus berechtigter Kritik an der Regierung, sinistrer Strippenzieherei und einer Psychologie der Angst.

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Beginnen wir mit der Angst. Sie ist das Brennglas, das aus einer nicht einmal besonders großen Demonstration den Beginn einer potenziellen Revolution macht. Wir wissen nicht, ob es 30.000 oder 100.000 Menschen sind, die derzeit auf den Straßen Islamabads demonstrieren. Die Stadt ist in weiten Teilen ruhig. Obwohl unter den Demonstranten sicher auch viele Anhänger Qadris sind, für die der Mann mit der getönten Brille ein spiritueller Führer ist, weiß doch jeder in Pakistan, dass es nicht allzu schwer ist, mit dem nötigen Geld diese Zahl an Menschen auf die Straßen zu bringen. Ein Ausflug in die Stadt, eine warme Mahlzeit und ein paar Hundert Rupien sind Anreiz genug für arme Landbewohner.

Das Militär will nicht mehr regieren

Und hier beginnt die Angst: Wo hat Qadri das Geld her, um diese Demonstranten nach Islamabad zu verfrachten und tagelang zu verpflegen? Wie kommt es, dass auf allen Fernsehsendern in den vergangenen Tagen große Werbespots für den "Langen Marsch" liefen, die Millionen von Rupien kosten?

Mehr als einmal haben die Menschen in Pakistan in den vergangenen Jahrzehnten gesehen, wie demokratisch gewählte Regierungen aus dem Amt geputscht wurden. Mehr als einmal tauchten plötzlich neue Führer auf und die Bilder wiederholten sich: Massendemonstrationen, Schüsse, eine Politikerin stirbt, die Fernsehbildschirme werden schwarz und wenig später hält ein General eine Rede. Ende der Demokratie.

Ist Tahir ul-Qadri eine Marionette des Militärs? Wir wissen es nicht. Aber das, was wir wissen, liefert einige Anhaltspunkte. Das pakistanische Militär unter Oberbefehlshaber General Ashfaq Kayani hat nicht die Absicht, die Führung des Landes direkt zu übernehmen. Dies ist eine Lehre, die Kayani aus dem unrühmlichen Ende seines Vorgängers, General Pervez Musharraf gezogen hat.

Unpolitisch ist das Militär dennoch nicht geworden. Es hat in den vergangenen Jahren die nicht gerade überzeugende Performance der Regierung der Pakistan People‘s Party (PPP) unter Führung von Präsident Asif Ali Zardari mit wachsendem Grauen beobachtet. Doch die politischen Alternativen scheinen dem Militär noch schlimmer: Nawaz Sharif und seine PML-N wurde bereits einmal durch einen Militärputsch aus dem Amt gejagt und steht daher der Armee noch kritischer gegenüber als die PPP. Der viel-gehypte Ex-Cricket-Star Imran Khan und seine Bewegung haben in den vergangenen Monaten an Popularität verloren und niemand glaubt mehr daran, dass Khan die Wahlen gewinnen könnte.

Leserkommentare
    • Peterra
    • 16. Januar 2013 23:31 Uhr

    Was ist nur los mit dem Homo "sapiens" im 21. Jahrhundert?

    Warum nur lassen sich die Menschen knapp 70 Jahre nach ihrer größten Katastrophe immer noch von Demagogen, Fanatikern, Extremisten, Ultras und sonstigen Spinnern in die Irre führen?

    Ganz gleich, ob wir auf westeuropäische Fußballplätze, in vorderasiatische Islam-geprägte Staaten, auf Führungsleute der Pius-Brüder oder in die deutsche Rechte Szene blicken: allenthalben führen die Hetzer das Wort - der kritische Verstand bleibt außen vor.

    Mir scheint es fast, als hätte zumindest die westeuropäische Gesellschaft seit den 80er/90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen gehörigen Rückschritt gemacht. Der Bildungsauftrag, er impliziert den Anspruch, Wissenschaft und humanistische Erkenntnis auch und gerade in bildungsbedürftige Länder zu tragen, scheint mit erschüternder Deutlichkeit verfehlt worden zu sein.

    Zu lange wohl - und zu intensiv - haben wir uns mit uns selber, mit der Vermehrung und Erhaltung des eigenen Wohlstands beschäftigt.

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    • TDU
    • 17. Januar 2013 8:21 Uhr

    Man merkts aber manchmal nicht. Vielleicht weil die Kaiserzeit noch ncht so richtig verarbeitet ist? Ich meine, der hätte einiges zu sagen gehabt was nachwirkte.

    Die notwendige Aufarbeitung der Nazizeit hat halt eben genauso vieles überdeckt wie die Anti- und Abgrenzpolitik der DDR und das Feiern ausschliesslich der Widerständler. Und die 68iger haben eben auch ihr Deutschland in erster Linie reflexiv auf 1933-1945 geformt.

    Die Abwahlmöglichkeit von deutsch, die Geringschätzung der Klassiker ist Fakt. Was ist also davon für die anderen Schulformen übrig geblieben. Die ständige Dämonisierung der katholischen Kirche als Alleinmacht ignoriert weltliche Macht und sogar den westfälischen Frieden. Und die von Ihnen erwähnte Paulskirche ist für Feste und gebildetes Bürgertum.

    Andere Länder konnten anders mit ihrer Vergangenheit umgehen. Und ich denke auch die diffuse sogar institutionelle Neigung zu Neonazis hängt damit zuammen.

    In Frankreich darfs die geben, sie werden aber nicht gewählt. Hier auch nicht, aber es gibt eben den Bodensatz der sich in Regionen und Fussballstadien und sogar im Sicherheitsbereich ausbreiten kann. Vergleichen Sie doch z. b. mit Italien, osteuropäische Hooligans mal ausser acht gelassen.

    England wurde 3 Jahre im Europacup gesperrt wegen seiner Hooligans. Das ganze Land war damit einverstanden und hat sich geschämt nach der Katastrophe im Heysel Stadion.

    Solche Gedanken wie meine sind nicht ganz hergeholt und gerne lese ich Einwände wie die Ihren.

  1. Da wird also demnächst ein islamistischer Staat mit Shariah
    die Atombombe haben.
    Da braucht's dann keine Anstrengungen im Iran mehr.
    Armes Israel.
    Und vielleicht auch armes Indien, das Pakistan ja so eng
    verbunden ist.
    Man fragt sich, wann die USA einschreiten werden
    und welche Konsequenzen das alles haben wird ...

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